09.04.2020 - 15:36 Uhr
WinklarnOberpfalz

Osterliturgie hinter Glas

Die Passion der Karwoche und Ostern ragen im künstlerischen Schaffen der Winklarner Malerfamilien heraus. Nicht alle Kunstobjekte erfuhren aber immer die gebührende Wertschätzung.

Das "Letzte Abendmahl", entstanden 1871, ist ein seltenes Motiv im Reigen der Winklarner Hinterglas-Kunstwerke. Das Bild befindet sich im Besitz von Christl Wellnhofer.
von Georg LangProfil

Einen Schwerpunkt in der religiösen Volkskunst der Winklarner Malerschule bilden Motive der Karwoche und von Ostern. Barocke Kreuzwege von Thomas Aquinus Roth/Rott befinden sich in Museen, aber auch in den Kirchen von Kronstetten und Fronau. Das Dokumentationszentrum in der Winklarner Schule präsentiert einen Kreuzweg von Karl Josef Ruff dem Älteren, "gemalt 1889 auf Irlach Kirchlein hinauf", wie es in der Fußnote eines Risses heißt. Dieser ist auch vom Künstler signiert und mit den Berufsbezeichnungen "Maler, Vergolder" versehen.

Jesus vor Pilatus in leuchtenden Farben: Die Station 1 des Irlacher Kreuzwegs ist unversehrt geblieben.

Anlass für den Auftrag notiert

Andere Bilder oder Risse, die Vorlagen für Hinterglasmalereien, zeigen Jesu Einzug in Jerusalem, das Letzte Abendmahl, die Ölberg-Szene, den Geißelheiland oder die Auferstehung. Pieta-Darstellungen bilden vielfach das zentrale Motiv der in hoher Zahl gefertigten Votivbilder der Familie Ruff. Neben Maria mit dem Leichnam ihres Sohnes auf dem Schoß wird auf diesen Malereien häufig auch der Anlass für das in Auftrag gegebene Bild festgehalten. Die Krankheit eines Familienmitgliedes oder eine Viehseuche wie beispielsweise der Rotlauf sind eindrucksvoll unterhalb der Pieta dargestellt. Andachtsbilder und Armeseelenfaferl gehörten einst zum Hausstand auf dem Bauernhof. Viele dieser Schätze der Volkskunst fielen aber einem neuen Zeitgeist zum Opfer. In technischer Hinsicht wurden sie Anfang des 20. Jahrhunderts durch Öldrucke abgelöst.

Das Ostermotiv des Auferstandenen Heiland als Riss, zweifach mit dem Signum des Zeichners versehen.

Neun Jahre Wanderschaft

Die Gestaltung eines Risses von 1868 zeigt Jesu Einzug in Jerusalem. "Aber eine sehr große Menge breitete ihre Kleider auf den Weg; andere hieben Zweige von den Bäumen und streuten sie auf den Weg, als Jesus auf einer Eselin, begleitet von seinen Jüngern, in der Stadt Aufsehen erregte." Diesen Bericht des Matthäus-Evangeliums hat Karl Josef Ruff (1815 bis 1896) erstaunlich authentisch als Palmsonntags-Motiv umgesetzt. Der Maler verbrachte übrigens nicht sein ganzes Leben in Winklarn. Als Jugendlicher erweiterte er während einer neun Jahre dauernden Wanderschaft in Passau, Salzburg und Graz seinen künstlerischen Horizont, bevor er wieder in seinen Heimatort zurückkehrte.

Ein wohl seltenes Motiv bei den Winklarner Hinterglasbildern ist die signierte Abendmahl-Szene, die Karl Josef Ruff 1871 schuf. Lina Wellnhofer, geborene Ruff, und ihr Mann Franz erwarben dieses Bild einst in einem Antiquitätengeschäft. Unter den um Jesus versammelten zwölf Jüngern des Letzten Abendmahls befindet sich im Vordergrund auch Judas, deutlich markiert durch den Münzbeutel mit dem Verräterlohn. Die Tafel hält ein kleines Lamm in einer Schüssel bereit, dazu Teller mit Besteck und Brote.

Der Irlacher Kreuzweg, der sich seit 2013 im Winklarner Dokumentationszentrum befindet, wurde einst von Monsignore Bernward Bücherl (links) restauriert. Ganz rechts die Arbeitskreisvorsitzende Maria Baumer, daneben Christl Wellnhofer, die Enkelin des letzten Malers Rudolf Ruff (gefallen im 1. Weltkrieg 1915).

Von den Kreuzwegen der Winklarner Malerschule sind sowohl Risse als auch Bildtafeln erhalten. Über eine besondere Form der Überlieferung freut man sich im Dokumentationszentrum der Thomas-Aquinus-Rott-Grundschule Winklarn-Thanstein. Der hier ausgestellte Kreuzweg landete bei der Erneuerung der Kirche in Irlach, wo der Kreuzweg einst hing, im Bauschutt. Hans Bücherl hat unversehrte Glasbilder, aber auch zahlreiche Scherben gerettet. Sein geistlicher Bruder, Monsignore Bernward Bücherl aus Regensburg, setzte die Glasstücke in aufwendiger Arbeit wie ein Puzzle wieder zusammen und fasste sie mit eigens hergestellten Rahmen ein. Seit 2013 ist dieser Kreuzweg ein Blickfang im Dokumentationszentrum Winklarn. Neben den Passionsmotiven ist mit der Auferstehung auch die Osterliturgie mit Bildern und Rissen im künstlerischen Schaffen der Malerfamilien repräsentiert. Ein Teil davon ist in der ständig begehbaren Ausstellung vor dem Eingang der Grundschule zu sehen.

Dokumentationszentrum Winklarn:

Dokumentationszentrum Winklarn

Das im Jahr 2013 eröffnete Dokumentationszentrum in der nach dem Maler Thomas Aquinus Rott (1766 bis 1841) benannten Winklarner Grundschule informiert in einer Dauerausstellung über alle Facetten der Hinterglasmalerei, die in dem Ort von der Mitte des 18. bis zu Anfang des 20. Jahrhunderts von verschiedenen Familien praktiziert wurde. Bedeutend sind die Familien Rott/Roth und Ruff. Aber auch die Familien Wellnhofer, Schwab, Ebner und Wüstner brachten Maler dieses Metiers hervor. Mitunter bestanden Verwandtschafts- und Ausbildungsverhältnisse untereinander. Um die wissenschaftliche Erforschung hat sich in neuerer Zeit besonders Dr. Reiner Reisinger verdient gemacht. Ein Arbeitskreis unter Leitung von Maria Baumer widmet sich der Erforschung und der Präsentation der Winklarner Malergeschichte, die für den Ort als Alleinstellungsmerkmal gilt. Öffentliche Sammlungen von Hinterglasbildern befinden sich auch in den Museen von Neunburg vorm Wald und Oberviechtach. (lg)Näheres unter: www.hinterglas-winklarn.de

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