28.09.2020 - 14:28 Uhr
WunsiedelOberpfalz

Landkreis Wunsiedel umgarnt angehende Mediziner

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Mit einem neuen Ansatz wollen die Kreisräte den drohenden Ärztemangel in der Region verhindern. Schon im Studium gibt es für die angehenden Doktores Geld und anderweitige Unterstützung.

Symbolbild
von Autor FPHProfil

Der durchschnittliche Hausarzt im Raum Wunsiedel/Marktredwitz ist in einem Alter, in dem viele Arbeitnehmer an die Rente denken: 58 Jahre. Die Selber Allgemeinmediziner sind mit 54,1 Jahren im Durchschnitt etwas jünger. Die biologische Uhr in der Ärzteschaft tickt dennoch bedenklich, haben doch viele das 60. Lebensjahr längst hinter sich. Die Mitarbeiter der landkreiseigenen Gesundheitsregion plus haben nun ein Förderprogramm entwickelt, mit dem sie medizinischen Nachwuchs für den Landkreis gewinnen möchten.

Dieses besteht wesentlich aus zwei gleichwertigen Teilen: Wer sich nach dem Abitur bereiterklärt, nach der Ausbildung mindestens fünf Jahre im Landkreis Wunsiedel als Hausarzt oder Internist zu arbeiten, erhält während des Studiums fünf Jahre lang 500 Euro pro Monat. Zusätzlich kümmert sich ein Hausarzt aus der Region als Pate um den Studenten. Damit nicht genug: Die künftigen Ärzte erhalten während der viermonatigen Famulatur eine kostenfreie Unterkunft im Landkreis. Dabei handelt es sich um eine Art Pflichtpraktikum in einer Praxis oder einer Klinik. Um die Vermittlung eines Platzes kümmern sich, so es der Student wünscht, die Mitarbeiter der landkreiseigenen Gesundheitsregion plus. Falls notwendig, gibt es während der vier Monate sogar ein Auto.

„Wir nehmen die Medizinstudenten aus der Region an die Hand und lassen sie am besten nicht mehr los“, sagte Landrat Peter Berek in der jüngsten Kreisausschusssitzung. Dies ist offenbar dringend notwendig, wie Martina Busch von der Gesundheitsregion sagte: „Die Lage ist nicht fünf vor, sondern fünf nach zwölf.“ Es sei leider sehr schwer, Ärzte von auswärts zu bewegen, sich im Fichtelgebirge niederzulassen. Daher wolle man die Medizinstudenten aus der Region gewinnen. Schon jetzt haben die Mitarbeiter der Gesundheitsregion Kontakt zu etwa 15 angehenden Ärzten aus dem Landkreis. Dass alle nach dem Studium zurück in die Heimat gehen, ist unwahrscheinlich.

Ein Beispiel, wie schwer es ist, Hausärzte für das Fichtelgebirge zu begeistern, nannte Holger Grießhammer (SPD): „Es ist uns in den vergangenen zwölf Jahren nicht gelungen, einen Nachfolger für einen Arzt in Weißenstadt zu finden. Da es in der Stadt allerdings Medizinstudenten gibt, ist der Ansatz der Gesundheitsregion genau der richtige.“

Die Mitarbeiter der Gesundheitsregion versuchen, mit den zukünftigen Studenten bereits während der Schulzeit in Kontakt zu kommen, spätestens nach dem Abi oder im vierwöchigen Pflegepraktikum vor dem Studium. „Ja, wir wollen die jungen Leute schon ab dem Abitur abholen und bis zur Niederlassung begleiten“, so Nina Ziesel, ebenfalls von der Gesundheitsregion.

Für Kornelia Schaffhauser, die Gesundheitsbeauftragte des Kreistags, ist außer dem Geld vor allem die intensive Betreuung ein großes Plus des Förderprojektes. Allerdings, und dies ist allen Beteiligten wichtig, sollen die Studenten keinesfalls in ein zu enges Korsett gesteckt werden. „Daher ist es nicht verpflichtend, dass sie ihre Facharztausbildung bei uns im Landkreis machen. Nein, die künftigen Mediziner dürfen sich ruhig erst einmal ausleben und Erfahrungen sammeln, gerne auch im Ausland. Danach sollen sie aber in den Landkreis kommen.“

Während des Studiums sind die jungen Frauen und Männer an den Medizinerstammtisch im Landkreis angeschlossen. Diesen gibt es seit Frühjahr vergangenen Jahres, wobei er momentan coronabedingt ruht. Laut Nina Ziesel und Martina Busch nahmen regelmäßig bis zu 20 niedergelassene Ärzte, Fachärzte, Studenten und Ärzte im Praktikum teil. „Hier können sich die erfahrenen Mediziner und der Nachwuchs kennenlernen. Mittlerweile hat sich dank des Stammtisches schon eine Nachfolge für eine Praxis im Landkreis ergeben.“

Genau hierzu fragte Stefan Brodmerkel (CSU), ob die frisch gebackenen Ärzte auch bei Fragen der Niederlassung oder der Praxisübernahme unterstützt würden. „Das werden sie“, sagte Kornelia Schaffhauser. Es sei beabsichtigt, auch einen Steuerberater mit ins Boot zu holen.

Sämtliche Mitglieder des Kreisausschusses stimmten für das Stipendienprogramm des Landkreises. Im Raum Selb gibt es laut Kassenärztlicher Vereinigung derzeit 20 Hausärzte, davon 8 in Selb. Damit ist der Bezirk mit 112,65 Prozent offiziell überversorgt. Im Raum Marktredwitz/Wunsiedel praktizieren 34 Hausärzte, davon 14 in Marktredwitz und 5 in Wunsiedel. Mit 88,97 Prozent ist der Bezirk unterversorgt.

Auch in der Region um Tirschenreuth zeichnet sich ein dramatischer Ärztemangel ab

Tirschenreuth
Im Blickpunkt:

Geld auch vom Freistaat

Zumindest finanziell lohnt sich die Entscheidung pro Fichtelgebirge für angehende Mediziner:

  • Der Freistaat Bayern fördert die Niederlassung von Allgemein- und bestimmten Fachärzten im ländlichen Raum mit 60 000 Euro.
  • Auch die kassenärztliche Vereinigung unterstützt die Ärzte finanziell, wenn sie sich für einen unterversorgten Landstrich entscheiden. Momentan gilt dies im Landkreis aber nur für bestimmte Fachärzte.
  • Und bereits während des Studiums gewährt der Landkreis mit seinem neuen Förderprogramm alles in allem bis zu 30 000 Euro, damit sich die jungen Frauen und Männer auf ihr Studium konzentrieren können.
Hintergrund:

Noch immer kein Hautarzt

Brigitte Artmann von den Grünen erkundigte sich in der Kreisausschuss-Sitzung nach einer Nachfolgeregelung für einen Hautarzt. Wie berichtet, haben die beiden Marktredwitzer Hautärzte ihre Kassenzulassung zurückgegeben und beschränken sich nur noch auf Privatpatienten.

Landrat Peter Berek konnte keine gute Nachrichten vermelden. „Es gibt noch kein Ergebnis. Wir haben zwar mehrere Inserate geschaltet, aber es wird nicht einfach. ,Kümmern’ heißt daher das Zauberwort.“

Auch die Kassenärztliche Vereinigung sucht einen Hautarzt für den Landkreis Wunsiedel. Für die Niederlassung zahlt die KVB einen einmaligen Zuschuss in Höhe von 90 000 Euro. Auf ihrer Homepage beschreibt die Ärztevereinigung den Landkreis Wunsiedel in den schillerndsten Farben: „Wunderschön im Fichtelgebirge liegt der Landkreis Wunsiedel in Oberfranken und hat allerlei Sehenswürdigkeiten zu bieten. Wander- und fahrradbegeisterte Hautärzte, die gerne abseits der Massen unterwegs sind, finden ihre sportliche Herausforderung auch auf dem Schneeberg, der den höchsten Berg in Franken darstellt und durch seine weite Fernsicht über das Fichtelgebirge herausragt. Hautärzte, die sich in dieser landschaftlich reizvollen Gegend niederlassen wollen oder eine Anstellung suchen, finden bei unseren Beratern aus der Region kompetente Ansprechpartner.“

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