08.02.2019 - 13:18 Uhr

Im Zweifel positiv

Inhaltlich geht es bei den Liedern und Texten der jungen Sängerin in erster Linie um Identität. Kein Wunder: Odette wurde in England geboren, als Tochter eines Briten und einer Südafrikanerin vom Stamm der Zulu

„Am stolzesten bin ich auf die Tatsache, dass es dieses Album überhaupt gibt“, sagt Odette über ihr aktuelles Album "To A Stranger". Bild: Cybele Malinowski
„Am stolzesten bin ich auf die Tatsache, dass es dieses Album überhaupt gibt“, sagt Odette über ihr aktuelles Album "To A Stranger".

Die Stimme am anderen Ende der Telefonleitung klingt fröhlich, geradezu ausgelassen, alles eitel Sonnenschein, könnte man meinen. Die Stimme am anderen Ende der Telefonleitung ist freilich sehr weit weg, ertönt vom anderen Ende der Welt - während es in Deutschland früh am Morgen ist, geht im australischen Sidney die Sonne unter. Während dort selbst zu vorgerückter Stunde das Thermometer noch über 20 Grad plus anzeigt, bibbert man in Deutschland trotz Wintersonne bei Minusgraden vor sich hin.

Aber gerade wegen dieser nahezu grotesken Zeit- und Klima-Unterschiede wundert man sich auch aus anderem Grund darüber, wie es dieses Gegenüber schafft, die Maske der prächtigen Laune aufrecht zu erhalten. Denn Georgia Odette Sallybanks - die sich der Einfachheit halber als Künstlerin Odette nennt - hat mit ihrem Debüt "To A Stranger" ein grimmiges, verletzliches, schonungslos intimes Album aufgenommen. Mag Odette erst 21 Lenze zählen, hat sie in ihrem kurzen Dasein offensichtlich einschneidende, zumeist nicht angenehme Erfahrungen gemacht, die auf dem Erstling seziert werden, wahrlich messerscharf.

Eine düstere Zeit

Odette möchte über die Vergangenheit nicht allzu viel erzählen, "sonst hätte ich mir ja die Texte nicht aus den Rippen schneiden müssen", meint sie, inzwischen nicht mehr giggelnd. "Nur so viel zur Entstehungsgeschichte der Platte: Ich ging durch eine düstere Zeit, während ich über vier Jahre an dem Ding arbeitete. Die ist jetzt durchgestanden und vorbei. Zumindest fürs erste. Dieses Werk ist eine einzige Katharsis für mich geworden. Im Zweifel bin ich heutzutage immer positiv orientiert."

Als Odette drei war, siedelte die Familie nach Australien über, wo sie bis heute ihr Domizil hat. "Zum Glück habe ich die ersten Jahre meiner Kindheit auf dem Land verbracht. Dort spielten Rassenunterschiede keine große Rolle. Wir Kids waren wild und unbekümmert, wir spielten stundenlang miteinander. Als wir später nach Sidney umsiedelten und ich eingeschult wurde, sah die Sache anders aus: Als Mulattin wurde ich in der Schule weder von den weißen noch von den schwarzen Kindern wirklich akzeptiert. Ich steckte zwischen den Kulturen fest. Und war dadurch nirgendwo zu Hause."

Der introvertierte Teenager verkroch sich während der Pubertät bevorzugt im eigenen Zimmer, "ich klimperte auf dem Klavier herum, mein Berufsmusiker-Opa hatte mir das Spielen darauf beigebracht, und schrieb Gedichte", erinnert sich Odette. "Mit 17 erkannte ich schließlich, dass es meine Berufung sein würde, Künstlerin zu werden", sagt sie. "Ich brachte Verse und Melodien zueinander, alles ergab einen tieferen Sinn. Wobei ich bis heute keine Ahnung habe, woher die Texte kommen und sich in mir festsetzen. Während ich schreibe, bin ich niemals wirklich bei mir. Wenn ich mir meine Ergüsse am nächsten Tag durchlese, bin ich total erstaunt, was ich verfasst habe." Die Lyrics auf "To A Stranger" erheben, trotz der Jugend der Autorin, einen hohen literarischen Anspruch. Kein Wort zu viel, kein Wort am falschen Platz. "Jede Emotion, die ich zum Ausdruck bringen möchte, muss direkt beim Hörer unverfälscht ankommen", erklärt Odette. "Was dieser dann mit meinen Gedanken anfängt, muss er für sich selbst entscheiden. Ich habe die Messlatte verdammt hoch gelegt, nicht umsonst beruft sich der Titel meiner Platte auf ein Gedicht gleichen Namens von Großmeister Walt Whitman. Whitman ist übrigens einer meiner absoluten Helden und Idole. Daran wird sich nie etwas ändern."

Grandiose Adele

Musikalisch verehrt Odette außergewöhnliche Künstlerinnen wie Joanna Newsom oder Alicia Keys, was ihrem Sound unschwer anzuhören ist. Aber es werden beim Hören gleichfalls Assoziationen an die tragische, viel zu früh verstorbene Amy Winehouse sowie Mega-Star Adele wach. "Mit Winehouse kann ich nicht allzu viel anfangen", murmelt Odette. "Aber Adele finde ich einfach nur grandios. Doch ich liebe auch Grunge der frühen 90er, also Nirvana oder Pearl Jam. So ist das, wenn man bereits als Baby intensiv Musik gehört hat."

2018 ist eine Menge passiert im kreativen Dasein von Odette, "ich wurde vehement wahr genommen", grübelt sie bis heute über diesen Umstand. "Es ist merkwürdig, so viel Anerkennung von außen zu bekommen", fügt sie hinzu. In der Tat war Odettes erste Headliner-Tournee durch Australien "sold out", sie erhielt gleich zwei Nominierungen für die diesjährigen ARIA-Awards in ihrem Heimatland, der einflussreiche Radiosender "Triple" kürte die Platte zum "Debüt der Woche".

All das ist völlig zurecht passiert. "To A Stranger" ist wegweisend, was den Mix aus Sprachgewalt, Verletzlichkeit und innerer Stärke betrifft. Ein Album zur Selbstheilung. Ein Album auch zum Eintauchen in eine Künstlerin, die man nicht kennt. Und die einem rasch beinahe unheimlich vertraut ist.

www.odettesodyssey.com

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