Familien-Asyl auf Zeit
Zu Besuch bei einer Pflegefamilie

Symbolbild (Foto: dpa)
Vermischtes
Schwandorf
13.05.2018
1985
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Wenn ein geschützter Raum zum Alptraum wird: Im Landkreis Schwandorf leben 120 Kinder bei 70 Pflegefamilien - Kindeswohl in Gefahr. Für die Ersatzeltern eine Herausforderung, aber auch eine Bereicherung.

Es muss wieder schnell gehen: Der Anruf vom Jugendamt kommt am Vormittag: "Frau Schreiner, Sie sind meine letzte Hoffnung", sagt Dieter Mauritz der dienstälteste Mitarbeiter im Pflegekinderwesen. Er sucht Unterschlupf für die einjährige Lilly und die zweijährige Schwester Nicole. "Ich hab' gesagt, bringen Sie sie vorbei", erinnert sich Sonja Schreiner (35/Name geändert). "Wir wollten nicht, dass die Schwestern getrennt werden", ergänzt ihr Mann Herbert (39). "Aber es war klar, dass es nur eine vorübergehende Lösung sein kann."

Das Ehepaar hatte zu dem Zeitpunkt mit Kimberly (3) und Bene (2) schon zwei Pflegekinder - und dazu Tochter Kim (11). "Trotzdem haben wir geheult, als die beiden nach drei Tagen wieder geholt wurden", erklärt Sonja Schreiner. "Obwohl wir wussten, dass eine Familie gefunden wurde, die beide aufnimmt." Theoretisch ist allen klar: Es kann nach ein paar Wochen, ein paar Jahren oder auch morgen passieren - ein Richter entscheidet und der kleine Mitbewohner, der ans Herz gewachsen ist, darf oder muss zurück zu den Eltern.

"Bene war beim ersten Mal verschreckt!"

Für Bene ist es morgen soweit. Der Kleine weiß noch nicht, was auf ihn zukommt, aber die Mutter für einige Monate ist sich sicher: "Er spürt es, er isst weniger." Als Besucher merkt man nichts. Während Kim und Kimberly am Trampolin auf und ab federn, rutscht der Kleine unbeeindruckt auf Knien übers Sprungtuch. Herbert macht sich Sorgen. Nicht nur, dass die Mädchen zu wild hüpfen, auch, dass der Junge die Rückführung schlecht verkraften könnte.

"Bene war beim ersten Umgang mit seiner Mutter völlig verschreckt", erinnert er sich. "Der hat sich an mich geklammert und wollte die erste halbe Stunde nicht zu ihr." Umgang heißt der Terminus technicus für gerichtlich angeordnete, genau geregelte Treffen mit den leiblichen Eltern. "In unserem Fall darf die Mutter das Kind jeden zweiten Freitag für 90 Minuten unter Aufsicht sehen." Als der Vater dabei war, habe er besonders schreckhaft reagiert. "Wir glauben, dass er geschlagen wurde", sagt Sonja. "Wenn man schimpft, hält er die Hände vors Gesicht."

Mütter im Vorteil

Der 35-Jährigen fällt es schwer, die Sinnhaftigkeit der Rückführung zu akzeptieren. "Obwohl die Mutter wusste, dass sie unter Beobachtung stand, war Benes Jeans tropfnass, als ich ihn abholte - sie hat ihn nicht gewickelt." Sonja findet: "Das Mütterinteresse wird klar über das Kindeswohl gestellt." Sie habe kein Verständnis fürs Experiment am Kleinkind, das durch ein verwahrlostes Umfeld bereits traumatisiert ist. "Wie soll er Vertrauen aufbauen, wenn er wieder aus einem geborgenen Kontext gerissen wird?" Tochter Kim tigert ruhelos im Wohnzimmer herum. "Ich liebe kleine Kinder", sagt sie und herzt den Pflegebruder. "Was ich krass fand", mag sie sich den Abschied nicht ausmalen, "wie er zu zittern anfing, als er seine Mutter sah."

Dass die Pflegeeltern nichts Genaues über die familiären Hintergründe ihrer Zöglinge wissen, ist Teil des Arrangements. "Wir haben Stück für Stück erfahren, was bei Kimberly schiefgelaufen ist", erzählt Sonja. "Nachdem die Mutter monatelang nicht zu den Treffen erschien, war klar, dass sie auf Drogenentzug ist."

"Du musst mich beschützen"

Die Schreiners maßen sich nicht an, die Mutter - zum Zeitpunkt der Geburt ein Teenager - moralisch zu bewerten: "Sie hätte selbst jemanden gebraucht." Sie müsse nun erst erwachsen werden. Das Kind habe wöchentlich 500 Gramm abgenommen, erklärt Herbert den Grund für den Kindesentzug: "Bis es soweit kommt, muss einiges passieren." Eine Haushaltshilfe soll dem Jugendamt gemeldet haben: "Der Kühlschrank ist wieder leer und Drogen sind in der Wohnung - da war klar, es geht nicht mehr." Sowohl Bene als auch Kimberly hätten in den ersten Wochen alles Essbare in sich hineingestopft: "Es hat lange gedauert, bis sie keine Angst mehr hatten, hungern zu müssen." Klar, dass diese Kinder nicht immer pflegeleicht sind: "Wenn Kimberly keinen Bock hat, kann die Erzieherin im Kindergarten versuchen, was sie will." Andererseits, wenn sie gebockt hat, komme sie später an und entschuldigt sich.

"Ich will dich nicht verlieren, du musst mich beschützen", habe die Dreijährige nach so einem Konflikt mal gesagt. "Das hat mich richtig geschockt", sagt Sonja. Auch wenn im Fall Kimberly die Chancen besser stehen, dass sie im geordneten Haushalt der Pflegefamilie bleiben darf, sicher ist nur das letzte Wort des Richters. Und der hatte zuletzt ein Gutachten, das die Erziehungsunfähigkeit der Mutter belegen sollte, zurückgewiesen. Das Warten geht weiter und die Hoffnung, dass sich Kimberly zu einer starken Persönlichkeit entwickeln darf. "Ich find's blöd", hat Kim frei von Eifersucht eine klare Meinung, "dass sie gehen müssen, wenn sie Mama und Papa sagen."

Info
Ob alt oder jung, Paar oder alleine - es gibt wenige Ausschlusskriterien für Pflegeeltern: "Verlangt werden ein polizeiliches Führungszeugnis und eine ärztliche Bescheinigung, dass keine ansteckende oder psychische Erkrankung vorliegt", erklärt Dieter Mauritz vom Jugendamt Schwandorf. Es folgt ein Fragebogen, zu den Vorstellungen von einem Pflegekind und ein Hausbesuch: "Wer bis dahin mitmacht, bekommt einen Qualifizierungskurs an vier Nachmittagen." Sobald man registriert ist, könne es schnell gehen: "Die Vorlaufzeit in Akutsituationen ist kurz." Das Pflegegeld sei abhängig vom Alter und Förderbedarf: "Im Grundbetrag von 700 Euro sind ein Erziehungsanteil von 300 und ein Sachaufwand von 400 enthalten." Wer die Aufgabe aus finanziellen Gründen übernehmen will, scheide schon beim Erstkontakt aus.
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