Mittags ist Andrej Merzliakov zu Hause in seiner Wohnung in Heidelberg mit Frau Elvira und dem sechs Monate alten Sohn Roman. "Wäre jetzt nicht Corona", erzählt der 23-Jährige, "würde ich nachmittags ganz normal am Stützpunkt trainieren." Wie jeden Tag von Montag bis Samstag. Zwei Stunden vormittags, zwei Stunden nachmittags.
Doch normal ist seit einiger Zeit nichts mehr für den Sportsoldaten, der mit zwölf Jahren beim BC Amberg mit dem Boxen begann und seit Februar 2019 in Heidelberg trainiert. Die Sportstätten in Baden-Württemberg sind derzeit komplett geschlossen, Ausnahmen gibt es für die Ringer, Gewichtheber, Schwimmer, Leichtathleten, Turner, Rugby-Spieler und Boxer am Stützpunkt nicht. Auch für sie gilt das Kontaktverbot.
Für Andrej Merzliakov ist die Zeit momentan "eine Katastrophe". Ihm fehlen seine Mannschaftskollegen, er vermisst das Sparring. Genau so den Kraftraum und die Boxsäcke in der Trainingshalle.
Ein Boxer hat doch sicherlich einen Boxsack zu Hause? "Nein", sagt der zweimalige deutsche Meister im Mittelgewicht, "die wenigsten haben einen privat in der Wohnung hängen". Bei ihm wäre das allein schon aus Platzgründen schwierig. Und draußen im Innenhof wäre es ganz einfach zu laut für die Nachbarn.
Verwunderte Blicke der Nachbarn
Die hätten in letzter Zeit schon immer wieder mal verwundert geschaut und mit dem Kopf geschüttelt, gibt Merzliakov lachend zu. Kein Wunder, wenn da ein austrainierter junger Mann an der Wäschestange hängt und Klimmzüge macht, Sprints im Innenhof mit einer Serie Liegestützen abschließt - oder mit beiden Händen einen Autoreifen über den Kopf wuchtet. "Ich versuche mein Trainingspensum beizubehalten, sechs Tage die Woche, zweimal zwei Stunden am Tag", sagt Merzliakov. Für die Ausdauer geht er laufen, für die Krafteinheiten hat er die Sommerreifen seines Autos. "Die haben richtig Gewicht". Jeden Tag überlege er, welche Übungen er damit machen könne. Sprints mit Reifen auf der Schulter, Kniebeugen und Kreuzheben, als Hantelstange muss eine Gardinenstange herhalten.
Ziel Tokio 2021
"Es ist viel Improvisieren, es geht halt nicht anders momentan", sagt Merzliakov, der festgestellt hat, dass viele Sportler "derzeit unmotiviert sind" und das Trainingsprogramm zurückschrauben. Er dagegen gönnt sich keine Pause. "Ich möchte am Ende der Krise richtig fit sein und durchstarten." Denn sein Ziel bleiben die Olympischen Spiele in Tokio. Jetzt eben ein Jahr später.














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