Bayern
26.10.2024 - 09:56 Uhr
OnetzPlus

Zwischen Stolz und Ärger: Die paradoxe Gefühlswelt der Blue Devils Weiden

Es war ein herausragendes Eishockey-Spiel, das die Starbulls Rosenheim und die Blue Devils Weiden am Freitag aufs Eis zauberten. Am Ende war der Sieger sauer, und der Verlierer wusste nicht recht, ob er sich über einen Zähler freuen sollte.

Hätte Sebastian Buchwieser vor dem Auswärtsspiel seiner Blue Devils Weiden in der DEL2 bei den Starbulls Rosenheim die Wahl gehabt, ohne seine Jungs eine Sekunde aufs Eis schicken zu müssen, einen Zähler geschenkt zu bekommen, dann hätte der Trainer dieses Präsent vermutlich angenommen. Zu groß erschienen die theoretischen Unterschiede zwischen beiden Teams. Hier die formstarken Starbulls, dort die formschwachen Blue Devils. Da die mit drei Siegen gegen Krefeld, Kassel und Dresden vor Selbstbewusstsein strotzenden Rosenheimer, dort die sich in einer veritablen Ergebniskrise befindenden Weidener, bei denen sich sechs Pleiten in Serie mittlerweile aufs Selbstverständnis auswirken.

Doch wie das im Profi- und auch im Amateursport oftmals so ist, denkt der vermeintliche Favorit, dass es bei dieser Konstellation schon irgendwie von alleine gehen wird, macht bewusst oder unbewusst einen Schritt weniger, spielt mit etwas weniger Intensität gegen den aus der Oberpfalz angereisten Punktelieferanten. Der Aufsteiger mit der Ergebniskrise dagegen will sich seiner Haut teuer erwehren, die Punkte nicht kampflos in der Rosenheimer Eis-Hölle abgeben und tritt mit dem Wissen, überhaupt nichts zu verlieren zu haben, überaus keck, forsch und angriffslustig auf.

So entwickelte sich eine tolles Eishockey-Spiel, das erst im Penaltyschießen (5:4 für die Starbulls) entschieden wurde und zwei Teams mit komplexen Gefühlswelten hinterließ. Die siegreichen Starbulls schlichen eher bedröppelt denn freudetrunken vom Eis, die Blue Devils konnten stolz auf ein „über weite Strecken sehr starkes Auswärtsspiel“ (O-Ton Buchwieser) sein, haderten stattdessen eher mit der Minimalausbeute eines Zählers, wo es doch eigentlich auch die Maximalausbeute von drei Punkten hätte sein können.

Hauners individuelle Klasse

„Momentan überwiegt der Ärger, weil wir zwei Punkte liegen lassen haben“, fasste Elias Pul die Stimmung im Weidener Team gegenüber Oberpfalz-Medien zusammen. Der Youngster war erneut einer der Protagonisten bei den Blue Devils, traf mit seinem bereits siebten Saisontor zur zwischenzeitlichen 2:0-Führung, hatte im Penaltyschießen aber auch Pech, als die Scheibe bei seinem Versuch an den Pfosten klatschte. „Wir sind gut ins Spiel gestartet und waren eng an unseren Gegenspielern. Dazu ist es uns gelungen, viele Turnover zu kreieren“, beschrieb Pul die Spielweise, mit der es dem Underdog gelang, die Gastgeber zu überraschen und auch zu überrumpeln.

2:0 und 3:1 lagen die Weidener in Front, ehe der personifizierte Blue-Devils-Schreck Norman Hauner dem Liga-Neuling auf wieder einmal schmerzhafte Weise vorführte, was der Buchwieser-Truppe in ihrem Kader noch abgeht: ein Unterschiedsspieler. Inklusive des siegbringenden Penaltys traf der 32-Jährige drei Mal und war hauptverantwortlich dafür, dass die Begegnung noch eine Wende nahm, die über weite Strecken der intensiven 65 Spielminuten so nicht vorherzusehen war. Diese individuelle Klasse Hauners stellte das Weidener Kollektiv kalt, weil er bei der Rosenheimer Aufholjagd voranging, seine Teamkollegen mitriss, an jeder gefährlichen Aktion initiatorisch beteiligt war und selbst als eiskalter Vollstrecker auftrat.

Diese Komponenten sind im Kader der Blue Devils noch nicht zu finden. Ein Qualitätsspieler der Marke Hauner hätte es mitunter auch unterbunden, dass sich ein Team bei einer 3:1-Führung und eigenen Überzahlsituation einen „Shorthander“ einfängt, der in der Nachbetrachtung als Knackpunkt analysiert wurde, als die Begegnung doch noch zugunsten der Starbulls kippte. „Das ist schwer zu sagen, aber wir dürfen den Mann nicht so leicht verlieren und müssen immer schauen, wo sich die Gegner befinden“, blickte Pul auf die spielentscheidende Szene zurück, als leichtsinnige Blue Devils den eigentlich mausetoten Starbulls neues Leben einhauchten.

Überragender Autio im Tor

Mit der zweiten, dritten und vierten Luft (und Norman Hauner) drehte Rosenheim die Partie - und doch waren es wieder die Blue Devils, die sich nach 60 Minuten den moralischen Extra-Kick und zumindest den gefühlten Sieg holten. Kapitän Tomas Rubes rettete seinem Team mit seinem Tor zwölf Sekunden vor Ende der regulären Spielzeit einen hochverdienten Punkt. Lukas Vantuch hatte dem ansonsten bärenstarken Oskar Autio im Rosenheimer Tor erfolgreich die Sicht genommen.

So kam es, dass sich die paradoxe Gefühlswelt nach diesem atemberaubenden Spiel auch bei der Pressekonferenz widerspiegelte. Sebastian Buchwieser wirkte als eigentlich unterlegener Coach zufriedener als sein Zwei-Punkte-Pendant Jari Pasanen. „Wir müssen uns heute einzig und allein bei Oskar Autio bedanken, der uns im Spiel gehalten hat. Ansonsten sage ich zu unserer Leistung in den ersten 30 Minuten jetzt lieber nichts“, zürnte der Finne, der zwar seinen Landsmann im Rosenheimer Tor lobte, aber die Einstellung der übrigen Starbulls deutlich kritisierte. „Ich habe vor der Spielweise der Blue Devils und deren Hunger gewarnt, aber meine Spieler haben mir scheinbar nicht zugehört“, kündigte der Starbulls-Coach verstärkten Redebedarf an.

Bei den Blue Devils wird es dagegen nun darauf ankommen, vieles von der Spielweise, mit der Rosenheim überrascht wurde, mit ins Heimspiel am Sonntag gegen den EC Bad Nauheim zu transportieren. Im Kellergipfel gegen das Schlusslicht stellt sich die Situation wieder ganz anders dar. Aufgrund der brenzligen tabellarischen Lage wäre die Minimal-Ausbeute von einem Punkt für die Blue Devils diesmal fast schon zu wenig. Diesen würden Sebastian Buchwieser und sein Team sicher nicht vorschnell vorab unterzeichnen. Zumindest dann, wenn der Abstand zum rettenden Ufer, Platz zehn würde den direkten Klassenerhalt bedeuten, nicht schon früh in der Saison bedenklich anwachsen soll. So ist am Sonntag in der Hans-Schröpf-Arena schon ordentlich Druck auf dem Kessel.

BildergalerieOnetzPlus
Weiden in der Oberpfalz21.10.2024
Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.

Zum Fortsetzen bitte

Sie sind bereits eingeloggt.

Um diesen Artikel lesen zu können, benötigen Sie ein OnetzPlus- oder E-Paper-Abo.