Der "König von Giesing" blickte von oben herab. In der vorletzten Reihe der maroden Haupttribüne verfolgte Karsten Wettberg am Sonntag, wie der im vergangenen Jahr jäh abgestürzte TSV von 1860 München sich wieder auf in die Zukunft machte.
Als das letzte Mal auf Giesings Höhen gefeiert wurde, stand Wettberg noch unten an der Seitenlinie. Mitte Juni 1991 schaffte er Sensationelles: Mit einem Sieg gegen Borussia Neunkirchen kehrte 1860 nach Jahren der Bedeutungslosigkeit in der Bayernliga in die zweite Liga zurück. Wer damals die Tore beim 2:1 schoss, weiß keiner mehr, nur ein Bild ist in Erinnerung geblieben: Als der kleine Wettberg vor großer Freude im Mittelkreis einen weiß-blauen Regensschirm in alle Einzelteile zerlegte.
Mittlerweile gibt es einen neuen "König von Giesing". Der baut aus einer Mannschaft mit vielen Namenlosen eine Aufstiegself. Und er bedient sich gar keiner besonderen Methoden: "Wir haben das Video vorgeführt, in dem Karsten Wettberg beim Aufstieg 1991 seinen Regenschirm zerstört hat. Das war legendär damals", sagte Daniel Bierofka auf die Frage, wie er seine Jungs vor dem entscheidenden Rückspiel gegen den 1. FC Saarbrücken heiß gemacht hatte. Mit dem 2:2 zitterten sich die "Löwen" nach dem 3:2-Hinspielsieg in Saarbrücken in die dritte Liga.
Zwölf Jahre war Bierofka damals, als Wettberg ausflippte. Heute ist Bierofka selbst ein gestandener Trainer. Einer der faucht und anpeitscht. Einer den die Fans lieben. Dort oben, auf Giesings Höhen, wo alles noch aus der Fußballzeit von Gestern wirkt, brodelte es am Sonntag, wie selten in der Stadt. Selbst als die "Löwen" mal für neun Minuten - nach dem 2:0 für Saarbrücken - den Aufstieg zu verpassen schienen, hallten die Anfeuerungsrufe unentwegt durchs "Grünwalder".
"Wir mussten den ein oder anderen schweren Moment überstehen, da haben uns die Fans getragen", ging der große Dank des Sportlichen Leiters Günther Gorenzel an die weiß-blauen Anhänger. Auch Bierofka gab von außen noch einmal alles. Im Nachhinein bedankte sich der junge Trainer bei einem, der ihm in den letzten Wochen mit Rat und Tat zur Seite stand. "Mein Vater ist mir eine Riesenhilfe, auch wenn wir manchmal streiten." Papa Bierofka war auch schon mal so etwas wie der "König von Giesing", Willi Bierofka stabilisierte über Jahre die Löwen-Defensive.
Bierofka Junior weiß, dass es noch einige Baustellen für die dritte Liga fertigzustellen gilt. Linksverteidiger Christian Köppel war kaum in der Lage, die Angriffe der Saarbrücker zu stoppen. Ex-Profi Jan Mauersberger war in einigen Szenen zu langsam. Und Markus Ziereis, der Stürmer aus Neunkirchen/Balbini, fand eigentlich gar nicht statt. Bierofka wird alles genau analysieren. Eines weiß er aber schon: "Ich will den Kern zusammenhalten. Wir setzen weiter auf Identifikation und haben einige Leute in der Pipeline, die sich mit dem Verein identifizieren und uns sportlich verstärken würden." Fest verpflichtet haben die "Löwen" bereits Alessandro Abruscia (Stuttgarter Kickers), Kristian Böhnlein (SpVgg Bayreuth), Herbert Paul und Marius Willsch (beide 1. FC Schweinfurt 05). Doch das dürfte noch nicht reichen, schließlich ist die dritte Liga mit dem 1. FC Kaiserslautern, Eintrach Braunschweig, dem KSC oder den bayerischen Konkurrenten Unterhaching und Würzburg so attraktiv, aber auch so stark wie nie.
Mit einem Etat von drei Millionen Euro wird die kommende Saison geplant. Davon wird auch Sascha Mölders bezahlt werden, der eigentlich unbezahlbar ist. Der bullige Stürmer schoss drei der vier "Löwen"-Tore in der Relegation. Sein Vertrag läuft zwar aus, doch der 33-Jährige ist mittlerweile auch schon ein echter Sechziger. "Da muss was Außergewöhnliches passieren, dass ich mir ein Sechziger-Tattoo auf die Brust machen lasse", sagte Mölders einmal. Dieser Sonntag war außergewöhnlich genug.













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