03.12.2019 - 21:27 Uhr
GrafenwöhrSport

Michaela Specht: "Die Champions-League geistert schon rum"

Die 22-jährige Innenverteidigerin aus Grafenwöhr zählt zur Stammelf bei der TSG Hoffenheim, der Überraschungsmannschaft in der Fußball-Bundesliga. Im Interview versucht sie sich an einer Erklärung für den aktuellen Höhenflug.

Michaela Specht aus Grafenwöhr trägt seit 2015 das Trikot der TSG Hoffenheim.
von Fabian Leeb Kontakt Profil

Die Bilanz von Michaela Specht in der bisherigen Saison der Frauen-Bundesliga liest sich beeindruckend: In elf von elf Spielen (neun Siege, je ein Remis und eine Niederlage) kam die 22-Jährige aus Grafenwöhr für die TSG Hoffenheim über die volle Distanz zum Einsatz. In 990 Minuten sorgte die Innenverteidigerin mit dafür, dass die Kraichgauer das Überraschungsteam der deutschen Eliteliga sind und zur Winterpause auf dem zweiten Platz rangieren – noch vor Größen wie dem FC Bayern München (3.). Im Interview mit Oberpfalz-Medien spricht Specht nach dem 5:1-Erfolg gegen Turbine Potsdam über ihren Werdegang, Saisonziele mit der TSG, Ambitionen im Nationalteam sowie den Kontakt in die Oberpfälzer Heimat.

ONETZ: Frau Specht, 2015 sind Sie von der zweiten Mannschaft des FC Bayern nach Hoffenheim gewechselt. Eine Luftveränderung, die sich so richtig rentiert hat?

Michaela Specht: Absolut. Ich habe hier bei der TSG zwar etwas Anlaufzeit gebraucht und anfangs viel Spielpraxis im Zweitligateam gesammelt, der Schritt hat sich aber dennoch gelohnt. Seit 2017 geht es stetig bergauf, die kontinuierliche Arbeit zahlt sich aus, und ich habe mich mittlerweile in der ersten Mannschaft etabliert.

ONETZ: Was ist 2017 genau passiert?

Michaela Specht: Ich habe damals eine gute Wintervorbereitung gespielt und in dieser Zeit auch einen großen Schritt in der Entwicklung meiner Persönlichkeit gemacht.

ONETZ: Wie genau sah dieser Schritt aus?

Michaela Specht: Ich bin erwachsen geworden (lacht). Ich habe schon immer offen und ehrlich meine Meinung gesagt und dabei kein Blatt vor den Mund genommen. Mittlerweile habe ich aber gelernt, dass das nicht immer der richtige Weg ist. Ich gehe nun überlegter mit dem um, was ich sage. Ich bin reifer geworden. Diese Entwicklungen haben sich auch auf dem Platz widergespiegelt.

ONETZ: Und in dieser Saison läuft es gerade herausragend. Platz zwei zur Winterpause, Vize-Herbstmeister noch vor dem FC Bayern. Warum mischt die TSG Hoffenheim die Liga derzeit so auf?

Michaela Specht: Wenn uns jemand diese Platzierung vor der Saison vorausgesagt hätte, hätten wir das sofort unterschrieben. Wir sind ein eingespieltes Team, haben bereits im vergangenen Jahr nahezu in dieser Konstellation zusammengespielt. Außerdem hat jede Spielerin individuell noch mal einen Schritt nach vorne gemacht, das zeigt sich auch in der Leistung des gesamten Mannschaftsverbunds.

ONETZ: Was zeichnet die TSG im Besonderen aus?

Michaela Specht: Wir haben immer einen klaren Plan, sind taktisch zumeist einen Schritt voraus und leisten uns wenige individuelle Fehler. Dazu hatten wir ab und an auch das nötige Glück auf unserer Seite. Auch unsere Offensive läuft auf Hochtouren, wir sind immer für ein paar Tore gut.

ONETZ: Chef-Trainer Jürgen Ehrmann ist schon seit vielen Jahren bei der TSG, wie würden Sie ihn charakterisieren?

Michaela Specht: Wir profitieren bei der TSG von einem professionell aufgestellten Trainerteam. Neben Jürgen Ehrmann haben wir mit Gabor Gallai einen hauptamtlichen Co-Trainer, der sich vor allem um die Bereiche Videoanalyse, Individualtraining und Trainingsgestaltung kümmert. Zudem haben wir einen eigenen Athletiktrainer, einen Torhüterinnen-Trainer sowie mit Birgit Prinz eine Sportpsychologin. Alle bringen ihre Stärken ein, das ist für uns als Mannschaft sehr wichtig. Jürgen Ehrmann legt sehr viel Wert auf die Kommunikation, er findet sowohl im Training als auch im Rahmen der Spiele immer die richtigen Worte.

ONETZ: Mit welchem Saisonziel ist die TSG in die Saison gestartet und wurde dieses aufgrund des bisher guten Verlaufs nach oben korrigiert?

Michaela Specht: Unser Saisonziel war es, die 40-Punkte-Marke zu knacken. Das haben wir noch nicht erreicht und von daher gibt es keinen Grund, dieses Ziel jetzt schon zu korrigieren.

ONETZ: Mit Platz zwei in der Endabrechnung würden Sie in der nächsten Saison erstmals in der Champions-League spielen ...

Michaela Specht: Ganz langsam (lacht). Wir haben schon mehrfach den Fehler gemacht, uns nach einer guten Halbserie auszuruhen und wurden dafür eiskalt bestraft. Wir dürfen jetzt nicht in Euphorie verfallen, sondern müssen konstant unsere Leistungen bringen. Aber natürlich geistert das Thema Champions-League schon ab und an mal herum (lacht).

ONETZ: Rückt man mit solchen Leistungen normalerweise nicht automatisch in den Fokus der Nationalelf? Bis zur U20 wurden Sie immer wieder eingeladen, im A-Team kamen Sie bislang aber noch nicht zum Einsatz. Wie ist aktuell der Kontakt zum DFB oder zu Trainerin Martina Voss-Tecklenburg?

Michaela Specht: Es gibt keinen Kontakt. Dieses Thema spielt für mich aber auch keine besonders große Rolle. Als Innenverteidigerin mit einer Körpergröße von 1,65 Metern liefere ich sicherlich nicht das perfekte Gesamtpaket und bin deshalb auch ehrlich zu mir. Die Nationalmannschaft ist für mich sehr, sehr weit weg.

ONETZ: So bleibt immerhin mehr Zeit für Ihr Studium an der Uni Mannheim ...

Michaela Specht: Das stimmt. Ich habe im Sommer meinen Bachelor im Studium Wirtschaftspädagogik abgeschlossen und studiere nun im ersten Master-Semester „Kultur und Wirtschaft“.

ONETZ: Gibt es schon konkrete Pläne für den Berufseinstieg?

Michaela Specht: Da habe ich mir noch keine Gedanken gemacht. Aktuell liegt der Fokus noch ganz auf dem Fußball.

ONETZ: Unterstützt der Verein die Spielerinnen bei der Verzahnung von beruflichem und sportlichem Leben in irgendeiner Weise?

Michaela Specht: Ich würde sogar sagen, dass die TSG Hoffenheim auf diesem Gebiet in Deutschland eine Vorbildfunktion einnimmt. Wir haben bei uns zwei hauptamtliche Mitarbeiterinnen, die sich ausschließlich um die Koordination von Leistungssport und Schule, Studium oder Beruf kümmern. Das ist eine unglaubliche Unterstützung. Ich hatte so beispielsweise die Möglichkeit, bei einem Partner-Unternehmen als Werkstudentin zu arbeiten. Aber auch beim Berufseinstieg werden wir Spielerinnen super unterstützt. In diesem Bereich ist die TSG im Frauen- und Mädchenfußball sicherlich einmalig aufgestellt.

ONETZ: Ist nach der Fußballerkarriere, die ja noch ein wenig dauern kann, auch eine Rückkehr in die Oberpfälzer Heimat vorstellbar?

Michaela Specht: Heimat ist sehr wichtig für mich und ich will nicht ausschließen, dass ich irgendwann einmal wieder zurückkomme.

ONETZ: Wie ist der Kontakt aktuell nach Grafenwöhr?

Michaela Specht: Ich bin jetzt seit sieben Jahren weg aus der Heimat, da wird es immer schwieriger. Ich komme meistens zwei Mal im Jahr heim, in der Sommer- und Winterpause, da treffe ich mich dann schon mit ehemaligen Schulkollegen. Jetzt an Weihnachten bin ich etwa wieder in Grafenwöhr.

ONETZ: Und verfolgen Sie auch die Entwicklung bei Ihrem Heimatverein SV Grafenwöhr?

Michaela Specht: So gut es geht. Zwei Spiele der SV Grafenwöhr habe ich in dieser Saison sogar schon live vor Ort gesehen.

Zur Person:

Das ist Michaela Specht

Im Alter von vier Jahren (2001) begann Michaela Specht mit dem Fußballspielen bei der SV Grafenwöhr. Ab 2010 wurde die 22-Jährige parallel am Nachwuchsleistungszentrum der SpVgg SV Weiden ausgebildet. 2013 folgte der Wechsel zum FC Bayern München, wo sie in der zweiten Mannschaft zum Einsatz kam (25 Spiele) und auch bei den B-Juniorinnen spielte, mit denen sie 2014 die deutsche Meisterschaft gewann. 2015 wechselte Specht zur TSG Hoffenheim, wo sie nach 22 Einsätzen in der zweiten Mannschaft inzwischen 57 Mal für die Bundesliga-Mannschaft auflief. Im Nationaltrikot debütierte die Grafenwöhrerin 2012 für die deutsche U15. 2014 gehörte sie zum Team der U17, das Europameister wurde. Der letzte DFB-Einsatz datiert aus dem Jahr 2016 für die U20.

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