21.10.2026 - 09:23 Uhr

Ein Jahr nach Stillgeburt: Ringer vor emotionalem Marathon

Ein Jahr nach dem Verlust seiner Tochter startet Ex-Europameister Richard Ringer beim Frankfurt-Marathon. Dort läuft er auch für sein still geborenes Kind.

Für Richard Ringer wird der Frankfurt-Marathon am Sonntag nicht nur eine qualvolle Angelegenheit, sondern vor allem eine emotionale Reise. Der Gedanke an seine still geborene Tochter April Lucia Vivienne wird den früheren Europameister über die gesamte Strecke begleiten. „Sie wird auf jeden Fall dabei sein. Ich gucke, dass ich wieder alles für sie gebe und auf der Strecke lasse“, sagt Ringer mit trauriger, leicht zerbrechlicher Stimme.

Vor einem Jahr erfuhren er und seine Frau Nada Ina Pauer von der schrecklichen Nachricht, dass sich die Nabelschnur mehrfach um das kleine Bein der Tochter gewickelt hatte, so dass eine ausreichende Versorgung nicht mehr möglich war. Für Ringer war es die schwerste Zeit seines Lebens. Seit dem Schicksalsschlag läuft der 37-Jährige auch für seine Tochter.

Der Frankfurt-Marathon mit Start um 10.00 Uhr und dem Ziel in der Festhalle sei für ihn „mental erst mal nicht ganz so einfach“, betont der Europameister von München 2022. Denn der Oktober ist ein besonderer Monat. „Am 22. Oktober haben wir es erfahren. Und am 24. Oktober haben wir die Stillgeburt durchführen können. Da wurden dann die Wehen eingeleitet.“

„Ich denke beim Laufen immer an sie“

Er denke beim Laufen immer an seine Tochter, sagt Ringer der Deutschen Presse-Agentur. „Wir versuchen einfach alles irgendwie so zu machen, dass sie stolz ist auf uns. Ich gebe da einfach mein Bestes.“

Die Totgeburt hatten Ringer und seine Partnerin bei Instagram bewusst öffentlich gemacht, um besser damit umgehen zu können. „Weil es war einfach zu schwierig, jede Person anzuschreiben, weil die wussten ja auch, dass das Kind kommt. Und die ganzen Nachrichten zu lesen - das war so schwer, dass wir gesagt haben: Wir machen das jetzt öffentlich“, sagt Ringer. 

Es sei auch rückblickend „die richtige Herangehensweise“ gewesen. „Da haben wir sehr viel Unterstützung erhalten. Und das tat auf jeden Fall sehr gut“, sagt Ringer.

Deutscher Dreikampf im „Blickpunkt“

In Frankfurt ist er über die prestigeträchtige Distanz von 42,195 Kilometern Mitfavorit auf den Sieg, doch vor allem die nationale Konkurrenz hat es in sich. Neben Ringer sind auch Samuel Fitwi sowie Europameister und Vize-Weltmeister Amanal Petros dabei. 

Den Veranstaltern gelang damit ein Coup. Immerhin ist Petros mit 2:04:03 Stunden deutscher Rekordhalter. Fitwi (2:04:45 Stunden) und Ringer (2:05:46 Stunden) liegen in dem Ranking auf den Plätzen zwei und drei.

„Der Dreikampf zwischen den deutschen Stars steht natürlich im Blickpunkt. Aber der Sieg in der Festhalle wird ihnen nicht geschenkt, denn sie müssen sich auch gegen ein starkes internationales Starterfeld durchsetzen“, erklärt Renndirektor Jo Schindler.

Nur drei Tage Pause nach dem EM-Marathon

Ringer, Fitwi und Petros nahmen vor gut zwei Monaten noch an der Leichtathletik-EM in Birmingham teil. Während Petros zum Titel stürmte, mussten sich Fitwi und Ringer auf der hügeligen und kurvenreichen Strecke mit dem neunten und zehnten Platz zufriedengeben. Die erhoffte Einzelmedaille gab es nicht.

„Der Marathon hat uns sicherlich ein bisschen länger in den Knochen gesteckt als ein normaler Marathon“, sagt Ringer, der in der Teamwertung mit Petros und Fitwi immerhin die Silbermedaille holte. 

Die Verschnaufpause nach der EM war für die drei Topläufer kurz. Er habe nur drei Tage Pause gemacht, betont Ringer. „Amanal, Samuel und ich haben uns ja bewusst entschieden, dass wir das Abenteuer angehen mit einer kurzen Vorbereitungszeit, weil wir uns unbedingt noch mal in Deutschland präsentieren wollten.“

Frankfurt als „Wundertüte“

Wegen der kurzen Vorbereitungszeit sei Frankfurt „so ein bisschen eine Wundertüte“, erklärt der Routinier, der in der Vorbereitung den Köln-Halbmarathon lief und in 61:48 Minuten den Streckenrekord um 72 Sekunden unterbot. „Köln war deutlich schneller als geplant gewesen. Deshalb bin ich positiv gestimmt, dass das Training super lief für Frankfurt.“

In der Main-Metropole peilt Ringer eine persönliche Bestzeit an. Die sei „realistisch“, äußert er. Doch reicht es vielleicht sogar für mehr? „Wenn wir über den deutschen Rekord sprechen, dann ist ein bisschen die Frage: Wie geht's Amanal? Wie geht's Samuel?“, erklärt Ringer.

Los Angeles 2028 als großes Ziel

Nach dem Frankfurt-Marathon will der Ex-Europameister den Fokus auf die Quali für Olympia 2028 in Los Angeles legen. „Ich bin jetzt schon dreimal bei den Sommerspielen gewesen. Ein Top-Acht-Platz ist immer noch mein Traum. Denn dann gibt es eine Urkunde“, sagt er. 

2016 in Rio de Janeiro schied Ringer - damals über 5.000 Meter auf der Bahn - geplagt von einer Magen-Darm-Erkrankung im Vorlauf aus. 2021 in Tokio belegte er im Marathon den 25. Platz. Bei Olympia in Paris vor mehr als zwei Jahren wurde er als bester Deutscher Zwölfter. „Es geht immer Stück für Stück weiter nach vorn“, sagt Ringer.

„Das Laufen hat mir auf jeden Fall geholfen“

Der Traum von einer erneuten Olympia-Teilnahme gibt Ringer zusätzlichen Halt. Nach der stillen Geburt seines Kindes vor einem Jahr lernte der Süddeutsche seinen Sport neu kennen. „Das Laufen hat mir auf jeden Fall geholfen, damit umzugehen“, erklärt Ringer.

Noch Monate nach der Totgeburt habe er beim Laufen keine körperlichen Schmerzen gespürt. „Der Schmerz war mental irgendwie so tief verankert, dass ich die körperlichen Schmerzen ausgeblendet habe“, sagt der Leichtathlet. Die körperlichen Schmerzen versucht er auch, in Frankfurt auszublenden. Der Gedanke an seine Tochter dürfte sicher wieder helfen.

© dpa-infocom, dpa:261021-930-870341/1

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