25.10.2026 - 11:22 Uhr

Kevric gewinnt WM-Silber und legt den Finger in die Wunde

Mit der silbernen WM-Medaille um den Hals nimmt Helen Kevric zu ihrer Trainer-Situation Stellung. Wie der Deutsche Turner-Bund reagiert und die Gesamtsituation vor den Olympischen Spielen bewertet.

Im grellen Schein der Pyrofontänen hielt Helen Kevric glücklich und stolz ihr Silber in die Kameras - und packte kurz darauf ein heißes Eisen an. „Meinem alten Trainer“ widme sie die Medaille, sagte die Stufenbarren-Europameisterin. Mit Platz zwei an ihrem Paradegerät bei den Turn-Weltmeisterschaften in Rotterdam feierte die 19-jährige Stuttgarterin ihren größten internationalen Erfolg, gewann die einzige Medaille für den Deutschen Turner-Bund (DTB) und zeigte zugleich erneut das Dilemma des Verbandes auf.

Seit Bekanntwerden der Missbrauchsvorwürfe am Kunst-Turn-Zentrum Stuttgart Ende 2024 ist Kevric offiziell ohne Heimtrainer. Die nach einer Suspendierung arbeitsgerichtlichen Auseinandersetzungen sind inzwischen beigelegt. „Ich bin sehr glücklich, dass es so gelaufen ist. Für die Zukunft ist es das Ziel, dass ich wieder unter den Personen trainieren darf, denen ich vertraue“, hatte Kevric vor der WM gesagt. Die Staatsanwaltschaft Stuttgart jedoch hat ihre Ermittlungen wegen möglicher strafrechtlicher Vergehen noch nicht abgeschlossen. 

Die ungeklärte Trainer-Frage

Wie das Problem zu lösen ist, ist aktuell unklar. Bundestrainer Gerben Wiersma drängt auf eine tragfähige Lösung. „Helen braucht einen Vollzeittrainer und ich unterstütze sie, so gut ich kann“, sagte der Niederländer. Zu ihrem früheren Trainer gebe es „keinen Kontakt“. In Rotterdam wie auch bei Lehrgängen zuvor und den Europameisterschaften in Zagreb im August waren die Chemnitzer Trainer Anatol Ashurkov und Tatjana Bachmayer an ihrer Seite. Den Weißrussen mit norwegischer Staatsbürgerschaft umarmte die sonst eher reservierte Kevric nach ihrem Silber-Coup dankbar.

Die Verantwortlichen des DTB indes haben - zumindest öffentlich - aktuell keine Lösung des Trainer-Problems für ihr Aushängeschild parat. „Ich möchte jetzt nicht im Detail darüber sprechen. Es war ein Konstrukt, das in den letzten Monaten bis zu dieser WM funktioniert hat. Aber wir wissen auch alle, dass es ein temporäres Konstrukt ist“, sagte DTB-Sportdirektor Thomas Gutekunst ausweichend. Man wolle gemeinsam mit Helen sehen, wie es in der Zukunft weitergehe.

Seit dem Aus für ihren früheren Trainer ist Kevric mit wechselnden Trainerinnen nicht zurechtgekommen - auch nicht mit Aimee Boorman aus den USA, die Superstar Simone Biles in die Weltspitze geführt hatte, oder deren Landsfrau LaPrise Williams. Stattdessen trainierte sie in Abstimmung mit dem Bundestrainer außer in Stuttgart auch in Italien beim früheren italienischen Top-Turner Enrico Pozzo. Dies sei vor der WM aus Zeitgründen nicht möglich gewesen, verriet Kevric. „Ich habe in Stuttgart trainiert“, erklärte sie.

Medaille dank Akkuratesse

Trotz der ungeklärten Trainer-Frage präsentierte sich Kevric bei ihrer WM-Premiere selbstbewusst, sicher und souverän. Dank größerer Akkuratesse bei der Ausführung war die 18-Jährige im Finale mit 14,833 Punkten noch einmal deutlich besser als in der Qualifikation. Die Medaille sei ihr „sogar ein Stück mehr wert“ als der EM-Titel. Nur Siegerin und Titelverteidigerin Kaylia Nemour aus Algerien turnte mit 15,333 Zählern in einer eigenen Liga. „Ich weiß, dass sie eine krasse Athletin ist und die Übung war einfach wahnsinnig gut. Ich habe großen Respekt vor ihr“, anerkannte Kevric die Leistung der gebürtigen Französin.

Die großartige Leistung von Kevric überstrahlte das eher dürftige Abschneiden der Frauen und Männer bei einer WM, wo die ersten Olympia-Tickets für Los Angeles 2028 vergeben wurden. Japan, Russland und China bei den Männern sowie China, die USA und Japan bei den Frauen sind dafür bereits qualifiziert. Die weiteren neun Startplätze bei Männern und Frauen werden im kommenden Herbst in Chengdu (China) vergeben, für die sich die deutschen Teams bei den Europameisterschaften im armenischen Jerewan qualifizieren müssen.

Das Sorgenkind des DTB

Sorgenkind im DTB mit Blick auf LA28 sind aktuell die Männer. Platz 15 im ausschlaggebenden Team-Wettbewerb ist nicht Olympia-würdig. Potenzial sei auf allen Eben vorhanden, meinte Bundestrainer Jens Milbradt. „Aber immer davon zu reden, wir haben die Turner, die das schaffen können und das Umfeld, was es schaffen kann - wir müssen es dann auch mal tun“, sagte der 57-Jährige unverblümt. 

Ohne auf Details für Verbesserungen einzugehen, forderte auch Sportdirektor Gutekunst eine Steigerung. „Der 15. Platz ist definitiv nicht unser Anspruch“, sagte er. Das Ergebnis sei in einer ersten Analyse insofern abgehakt worden, „dass wir uns nächstes Jahr anders präsentieren wollen“. Als Hoffnungsschimmer gilt der 14. Platz von Timo Eder (Ludwigsburg) im Mehrkampf. „Wenn das ganze Team daran anknüpft, schaffen wir es nächstes Jahr auch“, sagte der Sportdirektor.

Kevric und der Mehrkampf

Erfreulicher hingegen ist die Situation bei den Frauen. Platz zehn ohne die verletzten Leistungsträger Pauline Schäfer-Betz (Chemnitz) und Silja Stöhr (Heddesheim) wertete der Verband als Erfolg. „Das Frauen-Team hat in Summe einen guten Job gemacht“, urteilte der Sportdirektor.

Große Hoffnungen für das kommende Jahr setzen Verbandsführung und Bundestrainer darauf, dass Helen Kevric dann auch wieder einen Mehrkampf turnen kann. Immerhin ist die Stuttgarterin Olympia-Achte, startete aber seit ihrem Comeback nach der schweren Knieverletzung im Frühjahr 2025 bei den Heim-EM in Leipzig bislang nur am Stufenbarren und am Schwebebalken. „Ich hoffe nicht nur, ich erwarte auch, dass Helen nächstes Jahr einen Mehrkampf turnt“, sagte Bundestrainer Wiersma.

© dpa-infocom, dpa:261025-930-890307/1

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