Von Christian Dreßel
Der Untergrund ist sicher nicht der beste, aber das kennt der junge Mann ja von zu Hause. In seiner Jugend traf sich der Marktredwitzer Staas Mitko häufig mit Kumpels am Jahnsportplatz zum Bolzen, rund ein Jahrzehnt später kämpft er auf einem ähnlichen Platz, übersät mit Schlaglöchern, irgendwo im Görlitzer Park in Berlin um seinen großen Traum. Der gebürtige Fichtelgebirgler will es in die Icon League schaffen, eine deutsche Hallenfußball-Liga, an der auch Fußball-Weltmeister Toni Kroos und Internetstar Elias Nerlich beteiligt sind.
Mitkos Chancen sind eher mau, er kickt nicht wie viele seiner Konkurrenten in der Regional- oder Oberliga, ist zudem aus dem weiten München angereist. Immerhin hat sich der 25-Jährige bezüglich des Namens an der richtigen Adresse beworben, er spielt bei den Berlin Underdogs (deutsch: Außenseiter) vor, eines von 14 Teams der Icon League. Rund 1000 Bewerbungen sind beim Verein aus der Hauptstadt eingegangen, etwa 50 Bewerber dürften an diesem Tag vor den Augen der Teamköpfe Fabian Reese, Kapitän von Zweitligist Hertha BSC, und dem Rapper Ski Aggu (bürgerlich August Jean Diederich) im "Görli" vorspielen. In mehreren Runden werden immer wieder Teilnehmer herausgesiebt.
Mitko macht seine Sache gut. So gut, dass er es bei all den verschiedenen Übungen bis ins Finale schafft. Dort überzeugt er mit seiner Teamfähigkeit. "Die ist Fabian Reese sofort aufgefallen. Schließlich hat er mich an die Seite genommen und gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, für sein Team zu spielen", berichtet der Hochfranke vom Scouting im Sommer des vergangenen Jahres. Mitko ist der einzige Akteur, der unmittelbar nach dem Sichtungstag ein Vertragsangebot der Berlin Underdogs erhält und später tatsächlich Spiele für das Team von Reese und Ski Aggu in der im Internet ausgestrahlten Fußball-Liga absolvieren wird. Bei Mitkos Debüt sind 20.000 Zuschauer in der Kölner Lanxess Arena, mehr also als seine Heimatstadt Marktredwitz Einwohner hat.
Große Promidichte
Die Icon League, die in Konkurrenz zur ebenfalls in der Halle ausgetragenen Baller League steht, setzt auf ein besonderes Regelwerk – und große Stars. Die Spiele werden im Fünf gegen Fünf mit Bande und ohne Abseits gespielt. Während der Spiele sollen zufällig gezogene Effekte das Spielgeschehen beeinflussen. Das Spielfeld misst 22 mal 45 Meter und soll für mehr Schnelligkeit im Spiel sorgen. Die Spielzeit beträgt zwei mal zwölf Minuten. Nach der regulären Saison, schließen zunächst Play-ins und dann das "Final 8" der besten Teams an. An der Seitenlinie oder auf dem Spielfeld herrscht eine hohe Promidichte. Neben Kroos und Nerlich gehören beispielsweise auch die Real-Madrid-Stars David Alaba und Antonio Rüdiger, FC-Bayern-Altstar Franck Ribéry, Fußball-Kommentator Wolf-Christoph Fuss, die Moderatorin Laura Wontorra oder Eishockey-Größe Leon Draisaitl zum Inventar der Icon League. Und in der Premierensaison eben auch einer aus Marktredwitz: Staas Mitko.
Der erblickt in "Rawetz" das Licht der Welt, verbringt seine komplette Jugend dort. Auch seine Familie lebt heute noch in der 17.000-Einwohner-Stadt. In der Jugend kickt Mitko, dessen Eltern aus Kasachstan stammen, für Marktredwitz und Lorenzreuth, später zieht es ihn ins Nachwuchsleistungszentrum der SpVgg SV Weiden. Auch am Stützpunkttraining in Poppenreuth nimmt der Fußballer in seiner Jugend teil. Als er ins Erwachsenenalter eintritt, hat er die Sportart schon fast ein wenig aus den Augen verloren. "Ich hatte schon ein paar Angebote aus der Region. Aber mir fehlte einfach die Zeit", blickt der heute 25-Jährige zurück.
Damals beginnt er seine dreijährige Ausbildung in Bamberg, weshalb er nur sporadisch beim ASV Wunsiedel im Einsatz ist. Später führt ihn sein Beruf nach Rosenheim und dann nach München, wo Mitko heute mit seiner Verlobten wohnt. Dort spielt der gebürtige Oberfranke zunächst für einen Bezirks-, später für einen Landesligisten. Doch hauptsächlich wegen der Arbeit nicht wirklich regelmäßig. Apropos Beruf: Darüber, wie die Spieler der Icon League im Alltag ihr Geld verdienen, gilt große Verschwiegenheit. Mitko verrät es der Redaktion zwar, bittet aber um Geheimhaltung.
Futsaler bodenständiger
Sein Weg in die Icon League startet mit einem Trainingsbesuch bei einem Münchener Futsal-Bundesligisten. Erste "Erfahrungswerte" habe Mitko dort gesammelt, wie er selbst sagt. Schnell findet der Fußballer Gefallen daran, nicht nur draußen auf dem Rasen zu spielen, sondern auch in der Halle. "Der Futsal ist viel bodenständiger als der Fußball", findet Mitko. Schließlich spielen auch Futsal-Nationalspieler vor überschaubaren Zuschauerzahlen, die schnell mal bei einem "interessanten Kreisliga-Derby" erreicht werden. "Deswegen macht sich kein Futsalspieler größer als er ist", so der gebürtige Marktredwitzer.
Pikanterweise bewirbt sich der heute 25-Jährige zunächst bei der Konkurrenzliga. Die Baller League startete einige Monate vor der Icon League mit ihrem Spielbetrieb. Auch dort nimmt er an einem Auswahlverfahren teil. Weil er danach lange keine Rückmeldung erhält, wird Mitko nervös und schaut sich nach Alternativen um. Über einen Instagram-Hinweis wird er auf die Berlin Underdogs aufmerksam und schreibt eine weitere Bewerbung, wird schließlich zu besagtem Probetraining im Görlitzer Park eingeladen. "Das war ein echter Kulturschock, wenn man aus München kommt", erinnert sich Mitko schmunzelnd.
Alphonso Davies ganz nah
Sein Vorteil: "Der Flair war ein bisschen wie in Marktredwitz." Aufgeregt ist der Fußballer beim Scouting trotzdem. "Bei großen Stars wie Fabian Reese und Ski Aggu geht der Puls schon hoch", sagt er. Menschlich seien beide "absolut top". Weitere Promi-Highlight sollten noch folgen. Von den Icon-League-Spielen, bei denen der Linksfuß meist als für den Spielaufbau zuständiger Sechser aufgeboten wird, bleiben ihm besonders die Begegnungen mit Kroos in Erinnerung (Mitko: "Er ist eine absolute Legende, nimmt sich aber für alle Zeit."). Für den wohl skurrilsten Moment sorgte Alphonso Davies. Der Linksverteidiger des FC Bayern München sprang nach dem Titelgewinn seines Teams FC Onefootball freudig umher und umarmte zahlreiche Personen – so auch Mitko. "Ich glaube, er muss mich mit irgendjemanden verwechselt haben", blickt der 25-Jährige mit einem Lächeln auf die kuriose Szene zurück.
Spaßig ist an der Icon League aber nicht alles. Die stetig fortschreitende Professionalisierung holt auch den gebürtige Marktredwitzer ein. Nach einer schon lange geplanten US-Reise mit seiner Verlobten kommt er eigentlich kaum noch auf Spielzeit. In der vor Kurzem gestarteten zweiten Saison der Kleinfeldliga gehört Mitko nicht mehr zum Aufgebot. Wer seinen Namen auf der Homepage der Icon League eingibt, erhält als Antwort nur "Spieler nicht verfügbar". Dabei hätte der Amateurfußballer gerne weiter an der Liga teilgenommen. "Am liebsten für Berlin Underdogs", wie er gegenüber unserer Redaktion festhielt. Es zeigt, was für ein knallhartes Business die Icon League ist. Und wie besonders es ist, dass es ein Amateurkicker aus Marktredwitz hineingeschafft hat.



















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