08.03.2019 - 20:54 Uhr
Deutschland und die WeltSport

Der Mythos Liverpool

Am Mittwoch gibt es den Showdown zwischen dem FC Bayern und dem FC Liverpool. Die besondere Aura, die diesen englischen Klub umgibt, haben einige Oberpfälzer Bayern-Fans beim Hinspiel an der Anfield Road erlebt.

Sie verehren Jürgen Klopp überall in der Stadt. In jeder Ecke, in jedem Winkel.
von Josef Maier Kontakt Profil

Das gibt’s doch nicht! Jürgen Klopp kommt um die Ecke. Breites Grinsen, die Arme cool vorm Oberkörper verschränkt. Und dann sagt der Deutsche auf Englisch: „This is a place where dreams come true“. Dies ist ein Platz, an dem Träume wahr werden. Dieser Platz inmitten eines Arbeiterviertels von Liverpool, dieser Platz unweit vieler alter, baufälliger Häuschen. Ein Stadionführer stürmt auf „Kloppo“ zu und würde ihn am liebsten umarmen. Wer das deutsch-englische Verhältnis für schwierig hält, wird spätestens hier auf Stockwerk sechs des Stadions an der Anfield Road eines Besseren belehrt. Zur Umarmung mit dem Coach des FC Liverpool kommt es nicht. Der „Guide“ muss die Leinwand hochfahren. Der Klopp aus dem Film ist längst verschwunden.

Jetzt geht es live raus in dieses Stadion, in dem seit 1884 Fußball gespielt wird. Hier von Stockwerk sechs hat man nicht nur einen Blick über die Arena, sondern auch über die Stadt. „Man sieht hier die zwei Kathedralen Liverpools. Die katholische und die anglikanische“, knarzt die Stimme aus dem Audioguide. Alle Gäste der Stadiontour haben aber nur den Blick für die Kathedrale des Fußballs. Gewöhnungsbedürftig ist allein, dass alle Besucher mit einem Kopfhörer und einem Kästchen mit Detailwissen durch diesen Koloss aus Stein und Stahl wandern. So geht auch ein bisschen das Authentische verloren. Früher erzählten Stadionführer, meist heißblütige Fans des FC Liverpool, Anekdötchen über diesen Klub. Weniger beeindruckend ist das Stadion-Ungetüm dennoch nicht. Aber es hat sich schon einiges geändert bei diesem Klub, der von der Aura her zu den größten weltweit zählt.

Im September 2016 wurde die neue Haupttribüne eingeweiht, mehr als 54 000 Zuschauer fasst jetzt das Stadion. Aber das Grundgerüst ist noch zu vergleichen mit dem Bau, in dem Bill Shankley, Kenny Dalglish oder Ian Rush die Massen zum Toben brachten. Im Inneren ist alles hochmodern, die Kabine für Mo Salah, Sadio Mané, oder Virgil van Dijk ist mit getäfeltem Holz ausstaffiert. Es gibt modernste Arbeitsbedingungen für die Medien, alles ist hell und lebensfroh getüncht. Auch die VIPs, fürs Milliardengeschäft Profifußball unerlässlich, haben tolle Treffpunkte im Stadion. Geblieben ist die Tafel über dem Spielertunnel, die die Liverpool-Spieler vor jeder Partie abklatschen. Den Gegnern ruft diese Tafel noch einmal in Erinnerung, wo sie sich befinden. „This is Anfield“ bereitet manchem Gast weiche Knie.Und noch etwas, und das ist das Allerwichtigste, ist unverändert beeindruckend. Doch das lässt sich nur erleben, wenn die „Reds“ auf dem Grün stehen. Wenn mehr als 50 000 Fans das „You’ll Never Walk Alone“, mit ihren Herzen singen, wird klar, was dieser Klub den Leuten bedeutet. „Gerry and the Pacemakers“, waren eine einfache Tanzband aus der Stadt der Beatles. Nicht groß berühmt, doch seit diesem Song hat auch diese Band Kultstatus. Immer wieder stimmen die Anhänger den Song an, der zusammen mit dem Wind von der Irischen See zum Orkan wird. Draußen haben sie mit Jürgen Klopp den richtigen Trainer, der oft den Blickkontakt zu den Fans sucht, wenn seine Jungs Anfeuerung brauchen. Die „Kop“, die Tribüne, auf der die härtesten der Anhänger stehen, versteht das schnell. Die Zuschauer, die in den ersten Reihen sitzen, sind so nah dabei, dass sie in Zweikämpfen an der Außenlinie eingreifen könnten.

Das hätten die Oberpfälzer Fans, die vor kurzem beim Hinspiel waren, auch machen können. Die Torhüter waren auf ihren Plätzen zum Greifen nah. „Anfield hat ja den Ruf eines Mekkas für Fußballfans“, sagt Michael Sticht aus Ebnath (Kreis Tirschenreuth), der auch dabei war. Allerdings gesteht er, dass er in diesem Spiel mehr von den Liverpool-Fans erwartet habe. Christoph Mayer aus Schönkirch erging es ähnlich: „Aber die Bayern haben mit ihrem guten Spiel dem Ganzen ein bisschen den Stecker gezogen.“ Dennoch fand er die Atmosphäre in Anfield „einfach geil und cool“. Als die Liverpool-Fans vor dem Spiel „You’ll Never Walk Alone“ intonierten, „da bekommt man schon Gänsehaut“. Thomas Schmid aus Klardorf (Schwandorf), der in Ebermannsdorf arbeitet, hatte Anfield schon immer in der Planung: „Ich wäre auch zu einem Premier-League-Spiel hingefahren.“ Natürlich war es aber umso besser, seinen FC Bayern begleiten zu können. „Es war eine beeindruckende und vor allem friedliche Atmosphäre.“ Das Stadion habe trotz der Modernisierung nichts von seiner Aura verloren: „Es ist keine Multifunktionsarena.“

Und so bringt der Tirschenreuther Bayern-Fan Willi Richtmann die ganze Geschichte wohl auf den absolut richtigen Nenner: „Liverpool muss man einfach erlebt haben.“ Ja, das muss man ...

Der ewige Konkurrent:

Manchester United

Neben dem FC gibt es in Liverpool mit dem FC Everton noch einen weiteren Traditionsclub. Die größte Rivalität in England besteht aber zwischen dem FC Liverpool und Manchester United. Der Klub aus Manchester ist mit 20 Titeln englischer Rekordmeister und hat vor ein paar Jahren die „Reds“ (18 Titel) überholt. In Manchester blicken sie ein bisschen verächtlich Richtung englischer Nordwest-Küste: „Wir haben das größte Stadion in der Premier League“, tönt Eddie bei der Stadionführung. „Nur Wembley ist größer.“ Hier ist die europäische Hauptstadt der Titel, zeigt ein Banner im Old Trafford an. Liverpool erwähnt Eddie mit keinem Wort ...

Oberpfälzer Fans in Liverpool.
Oberpfälzer Fans in Liverpool.
Stadt der Beatles :

Liverpool

Die Stadt im Nordwesten Englands zählt knapp 500 000 Einwohner. Der historische Teil der Hafenstadt wurde im Jahr 2004 zum Weltkulturerbe erklärt, 2008 war Liverpool europäische Kulturhauptstadt. Bekannt geworden ist Liverpool natürlich vor allem durch die Beatles in den 1960er und 1970er Jahren. Vom Cavern-Club aus starteten sie ihre Karriere und sind in der Musikszene unsterblich. Zweites Kulturgut der Stadt ist der Fußball. Neben dem FC Liverpool spielt auch der FC Everton in der Premier-League und hat in Europa einen Namen. Das gemeinsame Besondere an beiden Klubs: Ihre Stadien liegen in Sichtweite, nur durch den Stanley-Park getrennt.

Oberpfälzer Fans in Liverpool.
Oberpfälzer Fans in Liverpool.
Vorfreude auf die Anfield Road.
Vorfreude auf die Anfield Road.
Oberpfälzer Fans in Liverpool.
Liverpool-Fans in der "Kop", der Kurve mit den treuesten Anhängern.
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