27.12.2019 - 19:47 Uhr
Neusath bei NabburgSport

Nabburger Läufer Erik Hille: 42,195 Kilometer auf dem Weg zu sich selbst

Nach einer gescheiterten Beziehung kauft sich Erik Hille während des Studiums Laufschuhe. Seitdem läuft und läuft und läuft er. Zum Jahresende ist der Nabburger der beste Marathonläufer Bayerns und schafft national die neuntbeste Zeit 2019.

Erik Hille beim Marathon in Köln.
von Fabian Leeb Kontakt Profil

Der Köln-Marathon am 13. Oktober sollte für Erik Hille der Höhepunkt des Lauf-Jahres 2019 werden. Und vier Monate pedantischster Vorbereitung und ein "asketisches Dasein" mit totalem Fokus auf die 42,195 Kilometer durch die Rhein-Metropole zahlten sich aus, zumindest beim bloßen Blick auf das Ergebnis: Platz zwei in der Gesamtwertung in 2:18:32 Stunden - persönliche Bestzeit für den 31-Jährigen. Doch Hilles Fazit klingt nicht ganz so euphorisch, wie es das Resultat doch eigentlich vermuten lassen sollte. "Mein Training war auf eine 2:16er-Zeit ausgelegt. Der ganze Tag war richtig Mist. Der Veranstalter hatte seine Zusage nicht eingehalten", ist Hille im Gespräch mit Oberpfalz-Medien auch zwei Monate später noch immer bedient.

Mit dem Kölner Veranstalter seien statt eines Antrittsgeldes zwei Tempomacher (Pacemaker) aus Ostafrika ausgehandelt gewesen. "Die spulen konstant 3:13 Minuten pro Kilometer ab und spenden wertvollen Windschatten. Doch bei meiner Ankunft war von den versprochenen Pacemakern nichts zu sehen. So war ich ab Kilometer fünf alleine gegen die Uhr und mich selbst unterwegs." Der Nabburger, der aktuell in Neusath wohnt, ist überzeugt, dass mit den Tempomachern eine noch bessere Zeit drin gewesen wäre. "Ich traue mir schon zu, schneller als 2:14 Stunden laufen zu können. Danach muss man sehen, was noch möglich wäre." Doch auch so ist Hilles Jahresbestleistung beachtlich: Platz eins in der bayerischen Bestenliste, Rang neun im nationalen Ranking.

Diese Leistung wirkt umso erstaunlicher vor dem Hintergrund, dass Erik Hille erst seit zweieinhalb Jahren unter professionellen Bedingungen trainiert. Und zwar unter der Anleitung seines Vaters Veiko Hille, ein ehemaliger Skilangläufer in der DDR, der selbst schon den Marathon unter drei Stunden absolviert hat. "Weihnachten 2017 hat mein Vater - quasi unter dem Christbaum - den Vorschlag gemacht, ob es denn nicht sinnvoll wäre, etwas Struktur in mein Training zu bringen", blickt Erik Hille auf den Punkt zurück, an dem aus dem Hobby- ein Profiläufer wurde. Nach kurzer Bedenkzeit stimmt der Sohn dem Ansinnen seines Vaters zu. Hille kündigt seinen Vollzeitjob bei Adidas in München, wo er in der Schulung für Einzelhändler sowie bei Produkt-Neuvorstellungen tätig war, als der Sportartikelhersteller einer Reduzierung der Arbeitszeit nicht zustimmt, und zieht wieder heim ins Elternhaus in Neusath.

Erik Hille beim Halbmarathon in Kopenhagen 2019.

Seit März 2018 ist Hille nun für 15 Stunden pro Woche bei der Nabburger Firma Inotech angestellt und kann sich ansonsten ausschließlich aufs Laufen konzentrieren. "Ich will die beste Version meiner selbst finden und 2022 bei der Heim-EM in München den Marathon im deutschen Nationaltrikot absolvieren", nennt Hille zwei Gründe für seinen Antrieb, das ganze Leben auf den Laufsport auszurichten. Kleines Problem: Bislang gab es noch keinerlei Kontakt zwischen Hille und dem deutschen Leichtathletikverband, dessen Marathon-EM-Norm derzeit bei 2:14 Stunden liegt.

Ihren Ursprung hat die Liebe Erik Hilles zum Laufen im Ende einer Beziehung während des Sportmanagement-Studiums in Braunschweig. Der Mix aus Melancholie und Alkohol konnte für den gelernten Werkzeugmacher kein Dauerzustand sein. "So bin ich in ein Sportgeschäft, habe mir Laufschuhe gekauft und bin losgelaufen. Diese totale Erschöpfung nach einem Anstieg, dass ich nicht mehr denken konnte, hat mich nachhaltig geprägt", zeigt Hille die Anfänge seines Läuferlebens auf. Er steigert zunächst die Anzahl völlig unstrukturierter Läufe von einem auf drei pro Woche, lebt jedoch weiterhin das typische Studentenleben in vollen Zügen aus. "Ich habe nichts ausgelassen."

2016 etwa meldet sich Hille "aus einer Alkohollaune heraus" für den München-Marathon an und schafft "aus dem Stand" und ohne gezielte Vorbereitung eine Zeit von 2:50 Stunden. 2017 in Frankfurt läuft er die gut 42 Kilometer bereits in 2:24 Stunden - beide Male noch als Vollzeit-Angestellter bei Adidas. Unter der Regie seines Vaters gehören derartige alkoholbedingte Eskapaden inzwischen der Vergangenheit an. "Mein Vater ist in Bezug auf die Trainingslehre eine Autodidakt. Ich bekomme meinen Wochenplan immer aufs Smartphone und wir sind da durchaus up to date."

Morgens geht es mit nüchternem Magen ("Ich trinke maximal eine Tasse Kaffee") auf eine 20-Kilometer-Strecke rund um Nabburg oder zu einer "Qualitätseinheit" über 12 mal 1000 Meter oder 10 mal 1600 Meter mit "in der Regel mehr als 100 Prozent der Marathongeschwindigkeit" auf die Tartanbahn. Danach folgen das Frühstück, ein Schläfchen sowie das Mittagessen. Am Nachmittag stehen Athletik und Stabilität auf dem Trainingsplan, denn "bei Kilometer 40 darf der Rumpf nicht plötzlich rumwackeln". Und den Abschluss bilden stets "moderate 10 bis 15 Kilometer" am Abend. Höhepunkt eines jeden vierwöchigen Trainingsblocks ist dabei stets der Sonntag, wenn ein sogenannter "Longrun" ansteht. "Dabei steigere ich mich von Woche zu Woche über 30, 35 auf 40 Kilometer. Eine regenerative vierte Woche schließt jeden Trainingszyklus ab."

Erik Hille beim Köln-Marathon

Gegenüber seinen nationalen Konkurrenten sieht Erik Hille einen entscheidenden Nachteil. "Die machen seit 15 oder 20 Jahren nichts anderes. Ich dagegen trainiere erst seit zweieinhalb Jahren professionell und noch dazu komplett eigenfinanziert." Während sich die Konkurrenz im Höhentrainingslager in St. Moritz, in Kenia oder in Arizona in Form bringt, lebt sich Hille in Kühtai bei Innsbruck auf einer 2,4-Kilometer-Runde in der Höhe aus. "Alles andere kann ich mir nicht leisten." Wobei Geld für den Ausdauersportler ohnehin eine untergeordnete Rolle spielt. "Normalerweise erwartet man von einem 31-Jährigen ein Haus mit Frau und Kind. Ich dagegen lebe aktuell von der Hand in den Mund. Aber ich denke mir, alles hat seine Zeit." Und Hilles Zeit ist derzeit das Laufen.

Nachdem bei einigen Veranstaltungen in der Siegerliste hinter Hilles Name stets "ohne Verein" vermerkt war, wurde er 2017 von der LG Telis Finanz Regensburg, dem Oberpfälzer Mekka für Läufer, kontaktiert. Doch Hille wollte trotz Vereins-Trainingsplan weiter nach den Vorgaben seines Vaters arbeiten. "Er kennt mich einfach am besten, und ihm vertraue ich zu 100 Prozent. So trage ich eigentlich nur das Telis-Trikot." Vater Veiko Hille gibt nach wie vor das Pensum seines Sohnes vor. "Ich habe schon oft Angst vor den Aufgaben, die mir mein Vater täglich stellt. Aber nicht im Sinne von Furcht, sondern eher von Demut, Respekt und Nervosität."

Um die finanziellen und strukturellen Nachteile gegenüber der Konkurrenz auszugleichen, kommt der Einsatz unlauterer Mittel für Hille "überhaupt nicht" infrage. "Ich betreibe höchstens Anti-Doping, da ich mir weiterhin schon gerne ein Helles oder ein Glas Rotwein gönne", lacht der Nabburger. Dopingmittel würden den inneren Antrieb, die "beste Version von Erik Hille zu finden", doch ad absurdum führen. Und so sieht auch das Jahr 2020 wieder Herausforderungen vor - auf dem Weg ins Nationaltrikot bei der EM 2022 in München. Im nächsten Jahr steigt die Halbmarathon-EM in Paris, wofür die Qualifikationsnorm wohl bei 64:30 oder 64:45 Minuten liegen wird. "2019 war ich beim Halbmarathon in Kopenhagen in 65,24 Minuten zweitbester Deutscher hinter Arne Gabius. Ich will nicht ausschließen, dass ich die EM-Norm packe, aber darauf liegt nicht mein Fokus. Wenn ich es nicht schaffe, geht die Welt für mich deshalb bestimmt nicht unter."

Stattdessen soll ein Marathon in Hamburg, Hannover oder Wien den Jahres-Höhepunkt bilden. "Alle drei Läufe sind im April. Wir haben eine unmittelbare Wettkampfvorbereitung von zwölf Wochen eingeplant." Hille hat sich in der Marathon-Szene bereits einen Namen erlaufen. Er muss sich für die großen Läufe in Deutschland und dem benachbarten Ausland nicht mehr um einen Startplatz bewerben, sondern wird aufgrund seiner Zeiten meist vom Veranstalter eingeladen. Bleibt nur noch zu hoffen, dass sie sich diesmal auch an ihre Abmachungen halten.

Zur Person:

Das ist Erik Hille

Erik Hille ist 31 Jahre alt und wohnt in Neusath bei Nabburg. Vater Veiko Hille war ein DDR-Skilangläufer und absolvierte selbst den Marathon schon unter drei Stunden. Auch Mutter Pia Hille lief schon den Berlin-Marathon. Bruder Maximilian (25) ist eher ein Fußballer, begleitet Erik Hille bei seinen Läufen aber oft als "Versorger" auf dem Fahrrad.

Nach dem Realschul-Abschluss und einer Ausbildung zum Werkzeugmacher holte Hille sein Abitur an der BOS Schwandorf nach. Anschließend jobbte Hille für ein Jahr in Hamburg ("Ich hatte keine Ahnung, was ich studieren sollte"), ehe er sich doch für ein Sportmanagement-Studium in Braunschweig entschied. Während dieser Zeit entwickelte sich auch die Liebe zum Laufen. Nach dem erfolgreichen Bachelor-Abschluss verschlug es Hille für eine Jahr als Fahrrad-Guide für Touristen nach Mallorca ("Ein Jahr reicht dort auch wieder").

Von der Ferieninsel aus schrieb er Bewerbungen und erhielt eine Anstellung in Vollzeit bei Adidas in München, wo er bei der Schulung für Einzelhändler sowie bei Produkt-Neuvorstellungen eingesetzt wurde. Als der Aufwand beim Laufen immer größer wurde, versuchte er auf eine 20-Stunden-Woche zu reduzieren, doch als Adidas dies ablehnte, kündigte er seinen Job. Aktuell arbeitet der Lauf-Profi für 15 Stunden pro Woche als Prozessoptimierer bei der Firma Inotech in Nabburg.

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