24.06.2026 - 08:11 Uhr

Nichts für Donald Trump: Die multinationale Fußball-WM

Nationalspieler zu sein, bedeutet längst nicht mehr, auch im jeweiligen Land geboren sein zu müssen. Nie war das so deutlich wie bei dieser WM. Der Fußball kann davon stark profitieren.

Wie hätte sich die wundersame Geschichte von Folarin Balogun entwickelt, wären die Flugbegleiterinnen vor 25 Jahren nicht ganz so streng gewesen? Damals, so wird die Geschichte erzählt, waren die nigerianischen Eltern des US-Nationalspielers nur zu Besuch in New York, als seiner Mutter wegen der nahenden Geburt der Rückflug in die Londoner Heimat verwehrt wurde. Der kleine Folarin kam in den USA zur Welt - und darf deshalb für den Co-Gastgeber der Fußball-WM spielen.

„Die Ironie einer WM in Trumps Amerika“, schrieb die britische Zeitung „The Independent“ in diesen Tagen über einen größer angelegten Blick auf die Profifußballer, die in den USA, Kanada und Mexiko das Trikot einer Nation tragen, der sie sich nicht zwangsläufig zugehörig fühlen müssten. Lebensgeschichten wie die von Balogun will US-Präsident Donald Trump künftig verhindern.

Der 24 Jahre alte Fußballprofi wurde wegen des in den USA gültigen Geburtsortsprinzips automatisch US-Bürger. Derzeit prüft der US Supreme Court Trumps Anordnung, Kindern die Staatsbürgerschaft zu verweigern, deren Eltern illegal eingereist sind oder nur befristet geduldet sind. Der zweite, genau gegensätzliche Faktor dieses multinationalen Turniers sind die Profis, die eben nicht in dem Land geboren wurden, für das sie jetzt spielen - von den rund 1.250 Nationalspielern bei der WM ist das knapp ein Viertel.

Fast 100 Nationalspieler in Frankreich geboren

„Wie im Ausland geborene Spieler die FIFA-Weltmeisterschaft verändern“, schrieb das „Forbes Magazine“. Wieder ein Titel, der auf die US-Regierung zu übertragen wäre, die im Grundsatz nicht möchte, dass im Ausland geborene Menschen irgendetwas im Land veränderten. Zwar ist die Entscheidung junger Fußballer (und Fußballerinnen), für welches Land sie spielen möchten, schon seit Jahrzehnten Thema - auch und teils insbesondere in Deutschland. Die Statistik war aber bei keinem Turnier zuvor so aussagekräftig.

In der DFB-Auswahl hätten sich aufgrund der vom Weltverband FIFA bis zum Ende des Teenager-Alters recht flexiblen Regeln zum Nationenwechsel mehrere Profis auch anders entscheiden können. Jamal Musiala etwa hätte bei dieser WM auch für England spielen können, wäre die Geschichte ein wenig anders verlaufen. Die hässliche Seite der Debatte zeigte sich in den vergangenen Jahren beispielsweise bei den rassistischen Anfeindungen gegen die 2014er-Weltmeister Mesut Özil und Jérôme Boateng.

Das US-Magazin „The Athletic“ rechnete aus, dass 98 Nationalspieler dieser WM in Frankreich geboren sind. Der französische Kader umfasst 26 Profis. Zehn in Frankreich geborene Spieler laufen der Statistik zufolge für Senegal auf. „The Independent“ schrieb, zu sehen sei der „Fußball in einer zunehmend globalisierten Welt“, ein Spiel „in einem multinationalen Zeitalter, in dem immer mehr Menschen mehrere Staatsbürgerschaften besitzen“.

Wettstreit um junge Talente

Die Nationalverbände, zwischen denen sich längst ein Wettbewerb um junge Talente entwickelt hat, ziehen ihren Nutzen aus der länderübergreifenden Ausbildung. Es geht nicht mehr nur allein um die Talentakademien im eigenen Land, für die einige wenige Nationen dieser Welt viel mehr Geld übrig haben. Die Auswahl an möglichen Nationalspielern wird größer. Und auf der Gegenseite können sich für die Profis neue Chancen ergeben, an einer WM teilzunehmen.

In der Auswahl des deutschen Gruppengegners Curaçao sind 25 von 26 Spielern in den Niederlanden geboren, zu deren Königreich die kleine Karibikinsel des WM-Neulings gehört. Angesichts der schier unerschöpflichen Flut an Talenten im niederländischen Fußball hätten es einige wohl nie in den Kader der Elftal geschafft. Mit Curaçao ist das WM-Erlebnis aber nun möglich - vor allem auch, weil die FIFA den Teilnehmerkreis von 32 auf 48 Nationen erweitert hat.

Die sportliche Perspektive dürfte auch bei Folarin Balogun eine große Rolle gespielt haben. Der Stürmer spielte bis einschließlich zur U21 noch für England, vor drei, vier Jahren schien der Sprung in den Kader der großen Three Lions aber noch schwierig. Dazu kam das große Interesse des US-Verbandes, für die Heim-WM einen schlagkräftigen Kader zusammenzustellen. Der BBC zufolge wurden alle Register gezogen - von Einladungen zum Baseball bis zu Abendessen mit US-Nationalspielern, die Überzeugungsarbeit leisten sollten.

„Viele Spieler mit gemischtem familiären Hintergrund entschieden sich beim Wechsel in den Seniorenbereich für einen Verbandswechsel“, schrieb die Nachrichtenagentur AP. „Sie folgten dabei entweder ihrem Herzen - oder ihren sportlichen Ambitionen.“ Und sollte Balogun, der im US-Auftaktspiel zwei Tore erzielt hatte, bei dieser WM weiter erfolgreich sein, dürfte auch Trump egal sein, wie die Staatsbürgerschaft des Nationalspielers vor 25 Jahren zustande gekommen ist.

© dpa-infocom, dpa:260624-930-273023/1

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