12.05.2019 - 22:02 Uhr
NürnbergSport

Die Gänsehaut steigt beim Club mit ab

Was ist das denn? Der Club verliert sein letztes Heimspiel 0:4, der Abstieg ist besiegelt. Die Bundesliga-Lichter gehen aus. Die Fans knipsen sie wieder an.

Schulterschluss nach dem Abstieg: Die Nürnberger Spieler vor der Nordkurve. Die Fans feierten die Spieler minutenlang.
von Josef Maier Kontakt Profil

Von diesem Abstieg hatte dann wenigstens die Getränkeindustrie etwas: "Die ein oder andere Halbe wird bei mir heute über den Tisch laufen", meinte Lukas Mühl. Der Niederbayer in Club-Diensten wollte am Samstagabend den Abstiegsfrust ein bisschen runterspülen.

Zeit zum Verarbeiten

Er durfte dann noch ein Bierchen mehr aufmachen, denn am Sonntag konnte er ausschlafen. Er musste nicht am Trainingsplatz des 1. FC Nürnberg antanzen: "Ich habe der Mannschaft gleich zwei Tage frei gegeben", sagte Trainer Boris Schommers nur ein paar Minuten nach dem 0:4 (0:0) gegen Borussia Mönchengladbach, das den Abstieg des Clubs aus der Bundesliga besiegelt hatte. Und der Trainer lieferte den Grund nach: "Jeder Spieler verarbeitet so einen Abstieg anders." Da sollten sie Zeit haben. Dabei konnten sich die Kicker des fränkischen Altmeisters in den vergangenen Wochen schon auf das Horror-Szenario vorbereiten. Jeder im Stadion und der es mit dem Club hält, wusste, dass die Chancen auf den Relegationsplatz bei ein, zwei Prozent liegen. Kurz vor dem Pausenpfiff, Hanno Behrens' guter Schuss war gerade abgeblockt worden, wurde es seltsam leise im Stadionrund. Gemurmel, Getuschel. Der VfB Stuttgart war gegen Wolfsburg in Führung gegangen. Ab da lagen die Chancen bei null Prozent - die Abstiegsfeierlichkeiten begannen. "Die Mannschaft wusste nicht, wie es in Stuttgart stand", versuchte Club-Trainer Schommers den Umstehenden weiszumachen. Aber natürlich wussten sie es.

Das 1:0 (56.) der Gladbacher durch den Ex-Clubberer Josip Drmic war der nächste Wirkungstreffer. "Und nach dem 0:2 war die Luft raus", sagte Patrick Erras ganz leise. Der Raigeringer fühlte sich am Ende "total leer". Gladbach legte noch zwei Treffer durch Thorgan Hazard und Zakaria nach - egal. Es war ohnehin nicht mehr wichtig, was sich auf dem Platz abspielte. Wichtig war daneben.

"Die letzten Minuten waren Gänsehaut, wie sie uns gefeiert haben", beschrieb Erras die Stimmung auf den Rängen. "Das ist wohl einmalig im Fußball", meinte Torwart Christian Mathenia. Er hatte Tränen der Trauer, aber auch des Stolzes in seinen Augen. Georg Margreitter, eher ein nüchterner Vertreter seiner Zunft, war tief beeindruckt: "Das war Gänsehaut pur." Unter dem Eindruck dieser Szenerie bekräftigte er auch gleich, dass er auf jeden Fall beim Club bleiben werde: "Ich habe noch zwei Jahre einen Vertrag hier."

"You'll Never Walk Alone"

Die Abstiegsfeierlichkeiten wollten nicht enden: "Ich bin mal mit Wolverhampton abgestiegen. Das war damals mit den Fans ein Desaster", erinnerte sich Margreitter an seine Zeit als England-Legionär. Von dort kennt er auch den Kultsong des Fußballs. Der ist jetzt auch in Nürnberg angekommen, gerade in den bitteren Stunden des neunten Bundesliga-Abstiegs. Die Fans in der Nordkurve stimmten"You'll Never Walk Alone" an. Immer und immer wieder. "Das sind einmalige Fans", meinte Trainer Schommers tief bewegt. Die Anhänger schenkten den Spielern T-Shirts mit der Aufschrift "Mission Wiederaufstieg". Doch erst einmal steigt auch die Gänsehaut mit ab. Ein Wiederaufstieg hätte aber sicher auch jede Menge Gänsehaut-Potenzial.

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