21.10.2020 - 16:30 Uhr
NürnbergSport

Jahresversammlung beim 1. FC Nürnberg: "Wir hätten Patrick Erras gern hier behalten"

Sportlich hakt es zwar noch beim 1. FC Nürnberg, technisch läuft es aber rund. Das zeigt die erste virtuelle Jahresversammlung. Unter anderem ging es um Patrick Erras, ein mögliches Comeback von Javier Pinola und die Neuen im Aufsichtsrat.

Er stand in den vergangenen Wochen und Monaten heftig in der Kritik: Thomas Grethlein, Aufsichtsratschef beim 1. FC Nürnberg. Bei der Wahl zur Jahresversammlung verteidigte er aber sein Mandat souverän.
von Stephanie Wilcke Kontakt Profil

Die Kamera schwenkt: Auf dem Podium sitzen die beiden Vorstände Dieter Hecking (Sport) und Niels Rossow (Finanzen). Dahinter Aufsichtsratschef Thomas Grethlein sowie dessen Stellvertreter. Die Szene erinnert an Spendenshows im Fernsehen, wenn Prominente am Telefon Geld einsammeln. Hinter der Kamera sitzt der Rest des Aufsichtsrats - verteilt an Einzeltischen wie Schulbuben bei einer Prüfung. Es sind noch ein paar Club-Mitarbeiter da, ansonsten ist die VIP-Lounge im Max-Morlock-Stadion leer.

"Ein direktes Zusammentreffen wäre richtig und wichtig gewesen", sagt Grethlein zum Start der ersten virtuellen Mitgliederversammlung des Vereins in der Geschichte. Doch Corona mache das unmöglich. Nach dem schlechten sportlichen Abschneiden des Vereins dürfen man aber eine Jahresversammlung nicht auf 2021 schieben. "Wir wollen uns den Fragen stellen." Sie prasseln später auf die Funktionäre über eine Chatfunktion nur so ein. Die Sitzung dauert bis morgens um 1.45 Uhr.

Grethlein in der Kritik

Traditionell sind mitunter absurde Fragen dabei: "Kann Weinschorle in der Nordkurve angeboten werden? Wenn ja, von einem fränkischen Winzer? Könnte Mengenrabatt bei Bierbestellungen eingeführt werden?" Das gehört halt dazu, wenn der Club zur Jahresversammlung lädt. Auch wenn der Versammlungsleiter gebetsmühlenartig predigt, dass nur wichtige Fragen gestellt werden sollten.

Ansonsten muss sich Grethlein häufig Fragen zum desolaten Abschneiden der Mannschaft gefallen lassen. Wieso er und sein Gremium so lange an Sportvorstand Robert Palikuca festhielten. "Es ist die größte persönliche Niederlage, dass bislang drei Vorstände vorzeitig gehen mussten." Man habe sich die Entscheidung nicht leicht gemacht. Bis zum Schluss sei man überzeugt gewesen, dass er der Richtige sei. "Den Rucksack, den er, die Mannschaft sowie der Verein für die kommende Saison aber tragen hätten müssen, war zu schwer." Es brauchte einen Neuanfang. Die optimale Lösung habe man mit dem "jungen Sportvorstand und alten Hasen", Dieter Hecking, gefunden.

"Königstransfer" Schäffler

Hecking erklärt den Mitgliedern, warum er die Seiten wechselte. "Ich wollte etwas Neues." Als er in Nürnberg ankam, erlebte er einen Verein, der zwei Jahre lang durchgeschüttelt worden sei. "Vom Abstieg bis zur Relegation. Ein verunsichertes Team, das aber in der Relegation gezeigt hat, dass es Emotionen zeigen kann." Er erkannte einen Kader, der "Potenzial hat und den wir nun punktuell verstärkt haben". Manuel Schäffler, "mein Königstransfer", sei so einer, genau wie Pascal Köpke, "ein Name, der für Qualität in Nürnberg steht".

Gleichzeitig bedauert Hecking einen Abgang besonders: den von Eigengewächs Patrick Erras. "Es ist sehr schade, dass wir es nicht geschafft haben, ihn hier in Nürnberg zu halten. Er hätte nicht nur für diese Saison ein wichtiger Baustein sein können, sondern auch für die Zukunft." Leider sei Hecking "etwas spät dran gewesen". Zwar habe man noch miteinander ein Gespräch geführt, doch Erras erklärte, dass er die Anfrage eines Bundesligisten weiterverfolgen wolle, wenn das Angebot konkreter würde. "Ein von uns ausgebildeter Spieler fasst nun in der Bundesliga Fuß. Vielleicht gibt es aber auch mal einen Weg wieder zurück", hofft Hecking.

Hecking geht auch auf einen anderen Publikumsliebling ein: Javier Pinola sei bei ihm vorstellig geworden, "weil Pino seine Kinder gern in Deutschland aufwachsen sehen will". Der Sportvorstand erklärt, dass er sich mit dem Argentinier im Dezember austauschen wolle. "Wir besprechen, wie eine Rückkehr zum Club aussehen könnte."

Appell: Mehr Geduld

Dann appelliert Hecking an die Fans, der Mannschaft Vertrauen zu schenken. Man habe ein junges Team geformt, das etwas Geduld verdient habe. Mit Trainer Robert Klauß habe er sich für eine klare Spielidee entschieden. "In Nürnberg soll wieder attraktiver Fußball zu sehen sein. Erstklassiger Fußball mit Leidenschaft, der beim Zuschauen Spaß macht", formuliert er den Weg. Ein Aufstiegsziel ist das explizit nicht.

Die Bilanz-Pressekonferenz mit Niels Rossow

Dass der Club trotz des sportlich desolaten Abschneidens in der zurückliegenden Saison und der Maßnahmen rund um das Coronavirus finanziell einer der Top-Vereine in der Liga ist, bestätigt Niels Rossow. Knapp zwei Millionen blieben beim Club übrig. „Wir konnten der ersten Corona-Welle standhalten“, resümierte er. Er erklärte aber auch, dass es im kommenden Jahr nicht ganz so rosig sein würde. Wegen den Pandemie-Folgen im laufenden Jahr "werden wir wahrscheinlich nicht so eine Bilanz und so eine Gewinn-Verlust-Rechnung präsentieren können“.

Dieses Jahr schaut es finanziell noch gut aus beim 1. FC Nürnberg

Sport

Rossow bilanzierte aber auch, wie sich der Club darüber hinaus entwickelt habe. Vor einem Jahr wollte er Vorstand den Club "sichtbarer werden lassen". Er zählte Aktionen auf, die dem Image der Franken helfen: ein FCN-Flugzeug der Corendon-Airline, die Premiere mit dem Christkindlesmarkt-Stand, einer Schulstart-Aktion sowie tausende Baby-Bodys, die bei der Geburt in einem Nürnberger Krankenhaus kostenlos verteilt würden.

Nazis in der Nordkurve: „Wir wollen Haltung zeigen“

Sport

Nicht nur die Unterstützung der Nürnberger Tafel, die Aktion Einkaufshelfer und Ehrentrikots für besondere Menschen bewiesen, "dass sich der Verein zur Gesellschaft bekennt". Mit einer neuen Plattform, "wie es sie kein Fußballverein der Welt bislang hat", will der 1. FC Nürnberg seine Mitglieder zu gesellschaftlichem Engagement ermuntern. Unter www.unserclub.de sammeln die Unterstützer Punkte, wenn sie bei einem Projekt dabei sind und Gutes tun.

Aufsichtsratswahl:

18 Kandidaten stellten sich zur Wahl für die drei frei gewordenen Plätze im Aufsichtsrat des 1. FC Nürnberg. Darunter war auch der amtierende Chef des Gremiums, Thomas Grethlein, der sich souverän mit 1108 die meisten Stimmen holte. Unter den Bewerbern waren weitere bekannte Namen: die beiden Ex-Profis Marc Oechler und Martin Driller, sowie Hersbrucks Bürgermeister Robert Ilg. Auch der "Meerrettich-Baron" Hanns-Thomas Schamel versuchte erneut sein Glück. Durchgesetzt haben sich am Ende aber Matthias Fifka (799 Stimmen), Professor für Strategisches und Werteorientiertes Management, sowie Ex-Clubprofi und Pokalsieger von 2007, Chhunly Pagenburg.

Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

Für Sie empfohlen

 

 

 

Videos

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.