26.07.2018 - 22:12 Uhr
RegensburgSport

Taktik statt Stochastik

Achim Beierlorzer ist eigentlich verbeamteter Gymnasiallehrer für Mathematik und Sport. Wegen seiner Tätigkeit als Fußballlehrer beim Zweitligisten SSV Jahn Regensburg ist der 50-Jährige derzeit beurlaubt – bis 2019.

Achim Beierlorzer, Trainer des Fußball-Zweitligisten SSV Jahn Regensburg.
von Fabian Leeb Kontakt Profil

(fle) Der SSV Jahn Regensburg war als Aufsteiger eine der großen Überraschungen der vergangenen Zweitliga-Spielzeit. Rang fünf in der Abschlusstabelle könnte für die Saison 2018/19 Ansporn und Hypothek zugleich sein. Im Interview mit Oberpfalz-Medien verrät Trainer Achim Beierlorzer, wie er vor der Auftaktpartie gegen Ingolstadt mit der öffentlichen Erwartungshaltung umgeht. Und er erläutert, weshalb er 2019 eine Entscheidung bezüglich seiner persönlichen Zukunft treffen muss.

ONETZ: Herr Beierlorzer, die WM in Russland prägt auch knapp zwei Wochen nach ihrem Ende noch die Schlagzeilen. Wie haben Sie das Welt-Turnier verfolgt?

Achim Beierlorzer: Wenn jemand fußballaffin ist, schaut er so viele Spiele wie nur möglich. Natürlich genießen private Termine oder Verpflichtungen beim SSV Jahn absolute Priorität, aber ich habe viele Spiele gesehen.

ONETZ: Wie beurteilen Sie das desaströse Aus der deutschen Nationalmannschaft?

Achim Beierlorzer: Es ist schade, dass sie die Qualität, die sie zweifelsfrei besitzt, nicht auf den Platz bekommen hat und relativ leidenschaftslos aufgetreten ist. Daraus müssen jetzt die richtigen Lehren gezogen werden, dann liegt in diesem Vorrunden-Aus auch eine Chance.

ONETZ: Welche Rückschlüsse ziehen Sie aus Ihren Beobachtungen für den SSV Jahn?

Achim Beierlorzer: Gerade hinsichtlich unserer Spielweise mit dem Jahn war es spannend zu beobachten, dass eine Mannschaft wie die der Kroaten, die als geschlossenes Team auftritt und früh attackiert, ins Finale eingezogen ist.

ONETZ: Welche WM-Trends lassen sich für die Trainingsarbeit in Regensburg adaptieren?

Achim Beierlorzer: Standardsituationen habe ich intensiv beobachtet, weil sie viele Spiele entschieden haben und in engen Partien Türöffner sein können. Unser System werden wir aber jedenfalls nicht aufgrund von WM-Beobachtungen anpassen.

ONETZ: Das zweite Jahr nach einem Aufstieg ist das schwierigere Jahr – besagt zumindest der Fußball-Volksmund. Müssen sich die Jahn-Fans Sorgen machen, dass es in der kommenden Saison turbulenter werden könnte als letztes Jahr?

Achim Beierlorzer: Eines darf man nie verkennen: Es war auch in der letzten Saison zu keiner Zeit einfach für uns. Wir haben es geschafft, viele kleine, spielentscheidende Nuancen durch akribisches Arbeiten auf unsere Seite zu ziehen. Wir dürfen auch nicht zulassen, dass uns irgendwelche Hirngespinste ins Ohr gesetzt werden.

ONETZ: Die da wären?

Achim Beierlorzer: Ein Hirngespinst wäre zu denken, wir müssten jetzt - auch von der Platzierung her - genauso gut oder gar noch besser sein als in der letzten Saison. Unser Ziel kann es nur sein, wieder in der Klasse zu bleiben. Das alleine würde das Ergebnis der Vorsaison erneut toppen. Alles andere wäre weltfremd und vermessen, wenn man sieht, mit welcher Wucht die Liga aufrüstet.

ONETZ: In etwas mehr als einer Woche geht es los in der Liga mit dem Derby gegen Ingolstadt. Welchen Eindruck haben Sie bislang von Ihrem Kader gewonnen?

Achim Beierlorzer: Ich bin absolut zufrieden mit der Mannschaft und wie sich die Neuzugänge integriert haben. Mit Julian Derstroff haben wir noch einen Offensivmann dazubekommen, der super zu uns passt. Das Team bleibt weiter absolut in Takt. Wir müssen immer wieder an unserer Philosophie arbeiten. Das ist nichts, das man einmal verinnerlicht und dann bleibt das von allein.

ONETZ: Wie sieht der Fahrplan bis zum Saisonauftakt aus?

Achim Beierlorzer: Es steht am Samstag noch ein wichtiges Testspiel gegen unseren Ligakonkurrenten SV Sandhausen an, tags darauf spielen wir am Kaulbachweg gegen Al Fujairah. Dazu gilt es, sich im Training den Feinschliff in mannschaftstaktischen Verhaltensweisen zu holen. Wir wollen dabei schon sehen, dass unsere Vorgaben jetzt immer besser umgesetzt werden. Dann sind wir auf einem guten Weg.

ONETZ: Sind die Personalplanungen bereits abgeschlossen?

Achim Beierlorzer: Prinzipiell sind jetzt mit der Verpflichtung von Derstroff all unsere Baustellen geschlossen. Inwieweit zwecks Spielpraxis noch Ausleihen aus unserem Kader anstehen oder sich Spieler mit geringerer Chance auf Einsätze ganz verändern wollen, das wird sich erst nach der Vorbereitung zeigen.

ONETZ: Im Kader ergibt sich, von außen betrachtet, ein Übergewicht auf den Flügeln im Vergleich zu den beiden Positionen im Sturm ...

Achim Beierlorzer: ... ich weiß ja nicht, wie Sie den Kader aufgestellt haben (lacht). Aber wir haben für unsere vier Offensiv-Positionen zehn Spieler zur Verfügung, letztes Jahr waren es neun. Insofern hat sich da nicht allzu viel verändert und wir sind sehr flexibel.

ONETZ: In der Innenverteidigung muss es nach dem Abgang von Marvin Knoll zu St. Pauli und dem Kreuzbandriss von Sebastian Nachreiner ein neues Pärchen geben. Welche Rolle haben Sie hierbei Neuzugang Marcel Correia zugedacht?

Achim Beierlorzer: Wir haben Marcel auch mal auf der Sechser-Position oder auf der rechten Außenbahn spielen lassen, aber er ist Innenverteidiger und auf dieser Position sehen wir ihn auch in erster Linie. Er ist natürlich einer der Kandidaten für die Startelf.

ONETZ: Wer kommt sonst in Frage?

Achim Beierlorzer: Da hat sich zum Beispiel Asger Sörensen schon etwas in Position gebracht. Er hat auch in der letzten Spielzeit schon Top-Spiele absolviert, so dass ich aktuell davon ausgehe, dass er zum Start einer der beiden Innenverteidiger sein wird. Aber auch andere Kandidaten präsentieren sich gut. Markus Palionis, Dominic Volkmer, Ali Odabas - und eben Marcel Correia. Grundsätzlich hat jeder die Chance auf einen Startplatz.

ONETZ: Haben Sie Ihre Wunsch-Elf für das Ingolstadt-Spiel schon im Kopf?

Achim Beierlorzer: Nein. Und zwar ganz bewusst noch nicht. Das würde ja bedeuten, dass ich mir bereits jetzt einen gewissen Beobachtungs-Freiraum verschließen würde. Es ist noch alles offen, und das muss auch so sein.

ONETZ: Die 2. Liga hat den Jahn jetzt ein Jahr lang kennenlernen dürfen. Packen Sie als Überraschung taktische Variationen ins Portfolio oder sollen die bislang praktizierte Spielweise und die taktische Ausrichtung weiter optimiert werden?

Achim Beierlorzer: Eindeutig zweiteres. Natürlich arbeiten wir auch an Verbesserungen, aber sicherlich werden wir unsere Kennzeichen wie aggressive Balljagd, eklig für den Gegner zu sein, frühes Attackieren oder den Gegner weit weg vom eigenen Tor zu halten, niemals aufgeben. Aber wo wir uns verbessern müssen, das sind 52 kassierte Treffer.

ONETZ: Wie sehen die Verbesserungen konkret aus?

Achim Beierlorzer: Wir haben in der Pause alle Gegentore der vergangenen Saison analysiert. Da sind uns schon einige Dinge aufgefallen. Damit werden wir aber niemanden überraschen. Die Gegner wissen jetzt vielleicht, wie wir spielen, aber es ist unglaublich schwer, sich darauf einzustellen.

ONETZ: Wo muss der SSV Jahn in der kommenden Spielzeit landen, damit Sie von einer erfolgreichen Saison sprechen würden?

Achim Beierlorzer: Ich mache das definitiv nicht von einem bestimmten Tabellenplatz abhängig. Wenn wir erneut den Klassenerhalt schaffen, haben wir unser Ergebnis aus dem Vorjahr getoppt - und zwar wieder überragend. Wir sind von den finanziellen Möglichkeiten her nach wie vor nicht konkurrenzfähig in dieser Liga. Aber das macht nichts, weil wir es von der Mannschaft her sind.

ONETZ: Trauen Sie den beiden prominenten Bundesliga-Absteigern Köln und Hamburg eine ähnliche Rolle zu wie sie vor zwei Jahren Stuttgart und Hannover gespielt haben?

Achim Beierlorzer: Köln und Hamburg haben jeweils eine riesige Qualität in ihrer Mannschaft, das sind sicher die Top-Favoriten. Aber auch Union, St. Pauli oder Ingolstadt könnten um die oberen Plätze mitspielen, wenn sie gut in die Saison starten.

ONETZ: Kommen wir noch zu Ihnen persönlich: Sie haben Ihren Vertrag in Regensburg kürzlich bis 2022 verlängert. Das dürfte es dann mit der Beamten-Laufbahn als Lehrer gewesen sein ...

Achim Beierlorzer: ... das ist richtig. Die Entscheidung steht 2019 an. Man weiß nie, was im Fußball passiert, aber ich fühle mich in Regensburg pudelwohl und mir macht die Arbeit hier beim Jahn richtig Spaß. Sonst hätte ich das nicht gemacht. Daher werde ich wohl nächstes Jahr aus dem Beamten-Status aussteigen.

ONETZ: Was waren die ausschlaggebenden Gründe für die langfristige Vertragsverlängerung?

Achim Beierlorzer: Der Verein ist extrem sympathisch und genau mit den Werten unterwegs, die auch mir am Herzen liegen: bodenständig, ambitioniert, glaubwürdig. Zudem befindet sich der Jahn in einer sensationellen Entwicklung. Diese mitgestalten zu dürfen, hat das Gesamtpaket abgerundet, um den Vertrag gleich um weitere drei Jahre auszudehnen.

ONETZ: Im Sommer fiel Ihr Name immer mal wieder in Verbindung mit dem VfL Wolfsburg oder Ihrem Ex-Verein RB Leipzig. Alles heiße Luft oder lagen wirklich Anfragen vor?

Achim Beierlorzer: Dazu werde ich weiterhin keinen Kommentar abgeben. Ich bin Trainer von Jahn Regensburg und was im Sommer war, bleibt mein Geheimnis.

Auf Neuzugang Marcel Correia (links) hält Achim Beierlorzer große Stücke.

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