Am Pool im The Graylyn Estate kann jetzt nach Herzenslust gechillt werden. Auch Kinderlachen wird wohl zu hören sein. Denn der Familientag im Teamhotel der Fußball-Nationalmannschaft ist Julian Nagelsmann heilig. Der Gruppensieg nach dem erzwungenen 2:1 (0:1) gegen die Elfenbeinküste dank unverhoffter Hilfe der Fußball-Exoten aus Curaçao gegen Ecuador verändert für den Bundestrainer viele WM-Planungen. Der Besuch der Liebsten im Quartier in Winston-Salem bleibt aber ein Erfolgsritual.
„Wir halten daran fest“, machte Nagelsmann gleich nach dem großen Sieg der Emotionen in Toronto unmissverständlich klar. „Also es gibt den Jungs ja auch Kraft. Es gibt uns allen Kraft, wenn wir unsere Familien sehen“, fügte der 38-Jährige an. Der Montag ist also Familientag in North Carolina.
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Einen Tag durchschnaufen, sich neu sortieren und dann mit viel Elan zur ersten Visite im Finalstadion vor die Tore New Yorks am Donnerstag (22.00 Uhr/ARD und MagentaTV) gegen Ecuador. Ganz nach dem Fan-Motto im neuen WM-Kultsong „Der Zug hat keine Bremse“, den die glückseligen Anhänger in Toronto auf der riesigen Metalltribüne ausgelassen grölten.
Nagelsmann nicht zu stoppen. Erhoffte Endstation soll eben erst das Finale am 19. Juli sein. „Wir haben großen Charakter gezeigt. Wir wollen das Bestmögliche erreichen - und das ist der Titel. Dafür geben wir alles, das ist das Hauptziel“, sagte Doppeltorschütze Deniz Undav als Held der Stunde.
Neue Aufgaben für Nagelsmann
Während in der Heimat nach dem Last-Minute-Erfolg dem WM-Wunderjoker gehuldigt wird und die Sommermärchen-Vibes in Erinnerung an jeden magischen Sommer 2006 wach werden, sieht sich der Bundestrainer als WM-Glücksritter aber auch neuen Aufgaben gegenüber. Der große Druck ist weg. Die Spannung muss aber hoch bleiben.
Als Nagelsmann während des Rückflugs aus Kanada Platz eins als Bonus durch Ecuadors Nullnummer geschenkt bekam, musste er sich keine Gedanken mehr machen über Szenarien des frühen Scheiterns. Genommen waren ihm auch die Spekulationen über ein Taktieren, welcher Gruppenplatz den leichtesten WM-Weg bringen könnte.
Deutschland ist auf Platz eins. Basta. Gut so. Wenn Frankreich das Gleiche in Gruppe I gelingt, läuft alles auf den Clash mit Kylian Mbappé und Michael Olise im Achtelfinale hinaus. „Die anderen Gruppen können wir ja nicht beeinflussen. Es kommen eh gute Mannschaften auf uns zu, mal früher, mal später. Es sind sowieso alle gute Teams, die uns bevorstehen“, sagte Nagelsmann.
Undav mit dem Neuville-Moment
Erstmal gibt es aber Glücksmomente. Die Parallelen zur Heim-WM 2006 sind frappierend. Erstmals seit 20 Jahren gewinnt die DFB-Elf die ersten beiden Spiele der WM-Gruppenphase. Wie damals durch Oliver Neuvilles 1:0 gegen Polen brachte ein ganz spätes Joker-Tor das große Glück im zweiten Spiel. Und wieder wartet zum bedeutungslosen Vorrunden-Abschluss das Team aus Ecuador.
Erstmals seit dem Triumph 2014 in Brasilien spielt die DFB-Auswahl nun wieder ein K.o.-Spiel bei einer WM. „Man merkt, in der Mannschaft will man immer auf Sieg spielen. Der Glaube ist einfach da. Wir haben einfach die richtige Mentalität in der Mannschaft“, sagte Torwart Manuel Neuer, der einzige Zeitzeuge des goldenen Tages in Rio der Janeiro vor zwölf Jahren.
Der Fluch der Turnier-Blamagen 2018 in Russland und 2022 in Katar ist vertrieben. Das war das Sehnsuchtsszenario von Kapitän Joshua Kimmich und seinen Kollegen. Das war die Hoffnung von Nagelsmann. Zum Top-Thema für den Bundestrainer wird jetzt die Belastungssteuerung: Wie geht er um mit dem Freilos-Spiel gegen Ecuador? Wie sehr verändert er seine Startelf? Wie bleibt man im Sieger-Rhythmus? Wer braucht eine Pause? Wer darf sich beweisen?
Rutscht der Wunder-Joker in die Startelf?
Fragen über Fragen, die Nagelsmann erstmal für sich selbst beantworten muss. Und natürlich ist die allergrößte Frage, ob Wunderjoker Undav nach seinen WM-Toren zwei und drei jetzt doch von Beginn an stürmen wird?
Noch in Toronto hatte Nagelsmann alles offen gelassen. Er wolle auch mit Undav sprechen. „Wir nehmen die Spieler mit in diesen Prozess“, sagte der 38-Jährige, als man noch davon ausgehen musste, dass für den sicheren Gruppensieg zumindest ein Punkt gegen Ecuador benötigt wird.
Jetzt kann er plötzlich viel mehr rotieren und für Ruhepausen sorgen. Denn zwischen Ecuador und dem Gegner X im ersten K.-o.-Spiel liegen nur vier Tage Pause. Sportdirektor Rudi Völler hatte schon vor dem Turnierstart angemerkt, dass Kai Havertz zum Beispiel nach vielen Verletzungen in der vergangenen Saison nicht jedes WM-Spiel bestreiten werde.
Sorgen um Schlotterbecks Knöchel
Für Jamal Musiala können im Aufbau auch dosierte Einsätze sinnvoll sein. Und noch steht die Diagnose für Abwehrspieler Nico Schlotterbeck aus, der sich wohl eine Verletzung des Innenbandes im linken Knöchel zugezogen hat. Antonio Rüdiger könnte als Ersatz-Innenverteidiger plötzlich wieder ganz wichtig sein.
Generell hatte Nagelsmann schon angemerkt, dass er seinen ganzen Kader im Blick hat. „Für mich erschließt sich nie so der Sinn, wenn ich 26 Spieler dabei habe, warum ich die immer nur auf der Bank versauern lassen soll, wenn doch alle gut sind und auch spielen wollen“, sagte er. Jetzt bieten sich neue Möglichkeiten.
Erster K.-o.-Gegner gesucht
Greifen müssen alle Maßnahmen dann in der Zwischenrunde am 29. Juni in Foxborough bei Boston gegen einen der acht besten Gruppendritten. Infrage kommen Teams aus den Gruppen A, B, C, D oder F - etwa Co-Gastgeber Kanada, Schottland, Paraguay oder Schweden.
In Foxborough hatte Nagelsmann vor knapp drei Jahren auf der US-Reise zum Dienstantritt die ersten Trainingseinheiten als Bundestrainer absolviert. Damals noch auf dem Trainingsplatz waren Thomas Müller und Mats Hummels, die jetzt als TV-Experten mit Neuer, Undav und Co. den Sieg gegen die Elfenbeinküste feierten. Da fühlten sich zwei Weltmeister plötzlich wieder als Nationalspieler - oder einfach auch nur wie zwei der Millionen Fans der DFB-Elf.
© dpa-infocom, dpa:260620-930-255953/5

















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