05.02.2021 - 10:00 Uhr
TirschenreuthSport

Jürgen Schmieder vor dem Super Bowl: "Tom Brady und Patrick Mahomes sind nicht zu vergleichen"

Diesen Artikel lesen Sie mit
Was ist OnetzPlus?

Der Oberpfälzer Journalist und Buchautor Jürgen Schmieder schreibt in seinem neuen Buch über seine Liebe zum American Football. Im Interview blickt er auf den Super Bowl voraus und beschreibt seine Uni-Zeit mit Superstar Tom Brady.

Quarterback Tom Brady und die Tampa Bay Buccaneers gelten im Super Bowl gegen die Kansas City Chiefs als Außenseiter.
von Fabian Leeb Kontakt Profil

ONETZ: Hallo Herr Schmieder, lassen Sie mich mit einem Geständnis starten: Bislang war ich in Bezug auf American Football eher der Event-Fan und habe die Regeln im Selbststudium halbwegs erlesen. Bei der Lektüre Ihres Buches dachte ich mir zunächst: "Das merkst du dir nie alles."

Jürgen Schmieder: (lacht) Da habe ich ja ein tolles Buch geschrieben ...

ONETZ: Moment. Seit Ihrem Buch wirkt das Geschehen auf dem Spielfeld nicht mehr so fremd. Ich kann gewisse Abläufe, taktische Ideen, Vorgehensweisen besser nachvollziehen. Es ist, als sähe der auf dem einen Auge Blinde die Spiele nun mit beiden Augen. Ist es das, was Sie mit Ihrem Buch „Touchdown“ erreichen wollten?

Jürgen Schmieder: (lacht) Das freut mich zu hören. Ich wollte so viele Leute wie möglich damit erreichen. Es gibt in Deutschland mittlerweile eine American-Football-Szene, die das Geschehen fast schon religiös verfolgt. Dennoch war es eine Gratwanderung für mich, die Experten nicht zu langweilen.

ONETZ: Deswegen war es für mich keineswegs langweilig ...

Jürgen Schmieder: Ich habe den Hardcore-Fans gesagt, sie sollen die ersten drei Kapitel überblättern. Aber darin musste ich zunächst erklären, wie dieses Spiel funktioniert. Und wenn Neulinge dann sagen, jetzt kapiere ich, wieso der in dieser Szene jetzt dieses und jenes macht, dann habe ich mein Ziel erreicht. Das ist in etwa so, wenn ein Laie beim Fußball kapiert, was Abseits ist.

ONETZ: Das weiß sogar ich. Sie holen Neulinge und Experten gleichermaßen ab. Ist dieses Werk aber nicht eher die persönliche Liebesgeschichte von Jürgen Schmieder mit dem American Football?

Jürgen Schmieder: Da steckt in der Tat viel Persönliches drin. Aber auch jeder Leser denkt über sich nach, wann genau er diesen Sport zu lieben begonnen hat. Ich bekomme auch Reaktionen aus der Heimat, aus Tirschenreuth, indem mir Bekannte erzählen, wie das bei ihnen war. Jeder hat seine eigene Liebesgeschichte zu diesem Sport.

ONETZ: Neben viel Fachwissen, Regelkunde, historischen Einordnungen und Erklärungen, wo die Vereinsnamen herrühren, streuen Sie etliche ganz persönliche Anekdoten ein. Welche davon ist Ihnen die liebste?

Jürgen Schmieder: Das Kapitel über die Zeit mit Tom Brady an der University of Michigan.

ONETZ: Das war eine überraschende Erkenntnis im Buch: Sie waren mit dem größten Footballer aller Zeiten zur gleichen Zeit auf der Uni?

Jürgen Schmieder: Genau. Wir hatten sogar den gleichen Studienberater und haben die identische Geschichte erlebt.

"Wen zur Hölle würde es denn interessieren, wenn du abhaust? Du hast hier bislang einen Scheißdreck geleistet. Du willst aufhören? Dann hau ab!"

Sportpsychologe Greg Harden von der University of Michigan zu Jürgen Schmieder und Tom Brady

ONETZ: Welche war das?

Jürgen Schmieder: Ich war als Fußballer an der Uni, hatte Heimweh und vom Trainer gerade erfahren, dass ich um meinen Stammplatz würde kämpfen müssen. Ich fühlte mich missverstanden, ignoriert und gedemütigt. Ich wollte vom Sportpsychologen der Uni, Greg Harden, hören, welch grandioser Typ ich sei und der Trainer ein Trottel. Stattdessen bekam ich zu hören: "Wen zur Hölle würde es denn interessieren, wenn du abhaust? Du hast hier bislang einen Scheißdreck geleistet. Du willst aufhören? Dann hau ab!"

ONETZ: Harter Tobak. Aber was hat das mit Tom Brady zu tun?

Jürgen Schmieder: Die gleichen Worte hatte Harden zwei Jahre zuvor zu Tom Brady gesagt, der eine ähnlich schwierige Phase zu Beginn seiner Zeit als Football-Spieler an der Uni durchmachte. Ich dachte, ich falle vom Hocker, als Brady diese Geschichte später in einem Interview erzählt hat. Ich bin genauso wenig abgehauen, wie Brady abgehauen ist. So entwickelte ich eine persönliche Beziehung zu ihm, ohne sein Kumpel zu sein. Nur haben sich unsere Karrieren seit dem Harden-Gespräch leicht in unterschiedliche Richtungen entwickelt. (lacht)

ONETZ: Der Quarterback steht in der Nacht zum Montag in seinem zehnten Super Bowl. Mit den Tampa Bay Buccaneers, die seit 2007 nicht einmal die Play-offs erreicht hatten. Das ist doch in etwa so, vielleicht hinkt der Vergleich etwas, als ginge Lionel Messi zum FSV Mainz und führt den Verein ins Finale der Champions-League ...

Jürgen Schmieder: (lacht) Und bringt Xavi und Iniesta mit nach Mainz. So wie Rob Gronkowski plötzlich aus der Versenkung bei den Bucs aufgetaucht ist. Viele Spieler kamen nur wegen Brady nach Tampa Bay. Mir fällt da gerade noch ein besserer Vergleich ein ...

ONETZ: Nur zu ...

Jürgen Schmieder: Es ist vergleichbar, als würde Owen Hargreaves heute nach Mainz wechseln und die ins Finale der Champions-League führen. Der war beim Champions-League-Triumph des FC Bayern 2001 ähnlich jung, wie Brady bei seinem ersten Super-Bowl-Sieg im selben Jahr. Er ist einfach bereits ein alter Sportler, der nach wie vor unfassbar erfolgreich ist.

ONETZ: Wie ist das in einer solch komplexen Sportart möglich, dass ein einziger Spieler einen derart gravierenden Unterschied macht?

Jürgen Schmieder: Das ist der Brady-Effekt. Ich habe mich leider noch nie länger mit ihm unterhalten, konnte ihm so noch nie richtig in sein Hirn schauen. Er hat ein paar alte Kumpels mitgenommen und zieht die Kabine mit seiner Lebensweise, seiner Einstellung mit.

ONETZ: Wie darf man sich das genau vorstellen?

Jürgen Schmieder: Er isst keinen Zucker, keine Semmeln, trinkt keinen Alkohol. Wenn die Mitspieler in der Kabine sehen, da gibt einer jeden Tag 120 Prozent für den Erfolg der Mannschaft, dann bewirkt das etwas in dieser Kabine. Da traut sich dann keiner, im Training mal locker zu machen. Er zieht so andere mit. Das ist diese Siegermentalität, wie sie hierzulande vielleicht nur der FC Bayern verkörpert.

Einen Quarterback wie Patrick Mahomes von den Kansas City Chiefs hat es für Jürgen Schmieder in der NFL noch nicht gegeben.

ONETZ: Gegen Tom Brady wirkt der Quarterback von Finalgegner Kansas City Chiefs wie ein aufstrebender Jungstar. Dabei ist Patrick Mahomes mit seinem Team Titelverteidiger und wird schon als Bradys legitimer Nachfolger gehandelt. Was ist Mahomes für ein Typ? Worin unterscheidet er sich von Brady?

Jürgen Schmieder: Da ist kein Vergleich möglich. Mahomes spielt eine ganz andere Art von Football. Er hat die NFL schon verändert. Er ist ein beweglicher Typ, der viel improvisiert. Er treibt's oft auf die Spitze, es ist unvorstellbar, welche Sachen, der auf dem Feld sieht. So einen Quarterback hat es vorher noch nicht gegeben, deswegen ist ein Vergleich mit Brady nicht möglich.

ONETZ: Wer wird sich in der Nacht zum Montag durchsetzen? Die Bucs oder die Chiefs?

Jürgen Schmieder: Es wird auf alle Fälle spektakulär, es lohnt sich, in Deutschland wach zu bleiben. Diese Partie kann gar nicht langweilig werden. Ich glaube, dass die Chiefs gewinnen, sie sind als Titelverteidiger auch der Favorit.

Brady lässt sich als Außenseiter immer etwas ganz Besonderes einfallen.

Jürgen Schmieder über den Favoriten im Super Bowl

Jürgen Schmieder über den Favoriten im Super Bowl

ONETZ: Das klingt nach einem "Aber"?

Jürgen Schmieder: Tom Brady war bei seinen bisherigen sechs Super-Bowl-Siegen lediglich einmal im Vorfeld der Favorit. Bei seinen drei Niederlagen hingegen, galt er vorher als klarer Favorit. Brady lässt sich als Außenseiter immer etwas ganz Besonderes einfallen.

ONETZ: Genauso wichtig wie das sportliche Geschehen ist beim Super Bowl die Halbzeitshow. Was wird da in diesem Corona-Jahr in Tampa Bay aufgetischt?

Jürgen Schmieder: Es wird auf alle Fälle eine Show geben, es werden auch Zuschauer im Stadion sein, in Florida sind die Corona-Maßnahmen etwas lockerer. Vor allem werden First Responder, sprich Ärzte, Lehrer, Krankenschwestern dort sein. Es wird auch etwas politisch, denn Amanda Gorman, die schon bei der Vereidigung von Präsident Joe Biden ein Gedicht vorgetragen hat, wird erneut als Poetin auftreten. Dazu kommt die Band "The Weeknd" mit ein paar Rapper-Kollegen. Das passt zur Tradition. Der Super Bowl darf nicht zu sehr politisiert werden, in der Halbzeitshow muss Rambazamba geboten werden.

ONETZ: Kommen wir zum Abschluss noch einmal auf Ihr Buch zu sprechen. Darin lernt der Leser, dass ein Oberpfälzer mit Tom Brady auf der Uni war. Und auch, dass der erste Deutsche, der in die Pro Football Hall of Fame aufgenommen wurde, aus der Oberpfalz stammte.

Jürgen Schmieder: Ernie Stautner, geboren 1925, aus Willmering bei Cham. Eine Legende bei den Pittsburgh Steelers. Er spielte dort von 1950 bis 1963. Er war ein Bulldozer, der sogar mit gebrochenem Daumen weiterspielte, als der Knochen schon herausstand. Eine Rolle Tape und weiter ging's. Hierzulande ist Ernie Stautner bekannt, weil er von 1995 bis 1997 Head Coach von Frankfurt Galaxy in der NFL Europe war.

ONETZ: Sie widmen ein Kapitel auch dem Verhältnis der Deutschen zum American Football. Es gibt eine Fan-Szene, Event-Fans rund um den Super Bowl, aber so richtig in der Gesellschaft kommt dieser Sport in Deutschland nicht an. Oder täuscht dieser Eindruck?

Jürgen Schmieder: Es fehlt einfach ein deutscher Spieler auf einer herausragenden Position, etwa als Quarterback. Steffi Graf, Boris Becker, Michael Schumacher oder Dirk Nowitzki haben eine ganze Nation in ihren Bann gezogen. Deutschland ist da auch ein bisschen ein Nationalfan. Da bin ich gespannt, wie es sich mit dem Eishockey verhält, wo Leon Draisaitl ja auch einem sehr guten Weg zum besten Spieler der Welt ist.

Hintergrund:

Das ist Jürgen Schmieder

  • Geboren 1979 in Tirschenreuth, verheiratet, einen Sohn
  • Fußballspieler unter anderem beim FC Tirschenreuth, SV Neusorg, SpVgg Weiden, Jahn Regensburg, SpVgg Wiesau
  • Studium in Regensburg (Germanistik, Volkswirtschaftslehre und Medienwissenschaften), Michigan (Filmwissenschaften) und München (Kulturjournalismus)
  • Schreibt seit 2004 für die Süddeutsche Zeitung, seit 2013 ist er als freier Korrespondent in Los Angeles
  • Seit 2010 schreibt Schmieder auch Bücher. Sein erfolgreichstes Werk ist bislang der Selbstversuch "Du sollst nicht lügen". Der Bestseller wurde mittlerweile auch ins Türkische, Koreanische und Portugiesische übersetzt
  • Weitere Bücher: "Mein Bauch gehört mir", "Ich will in den Himmel oder als glückliche Kuh wiedergeboren werden. Vom demütigen Versuch, ein religiöser Mensch zu werden", "Mit einem Bein in den Knast", "Sport - Das Buch", "Der Frauenversteher" und "Gebrauchsanweisung für Tennis"
  • 2020 erschien sein neues Werk "Touchdown - Alles über American Football"
Jürgen Schmieder im Trikot der University of Michigan.
Das Cover von Jürgen Schmieders neuem Buch "Touchdown".

Jürgen Schmieder hat auch mal für den SSV Jahn Regensburg gespielt - der jetzt im Viertelfinale des DFB-Pokals steht.

Regensburg
Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

Für Sie empfohlen

 

 

 

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.