Glück drückt sich auch in Tränen aus - zumindest bei Pauline Schäfer-Betz. „Phänomenal! Ich habe auch eben kurz geweint, weil das doch sehr emotional war“, sagte die 29-Jährige. Auslöser für ihren Gefühlsausbruch war der gelungene Vortrag am Schwebebalken inklusive schwierigen Abgangs und der Einzug ins Finale bei den Turn-Europameisterschaften in Zagreb.
Dabei war die Chemnitzerin 2017 bereits Weltmeisterin an diesem Gerät, WM-Zweite und auch WM-Dritte, turnte schon bei drei Olympischen Spielen. Doch die kontinentalen Titelkämpfe in Kroatiens Hauptstadt sind ihre ersten internationalen Meisterschaften seit Olympia in Paris 2024.
Wegen anhaltender Hüftprobleme hatte sie sich im Mai 2025 einer Operation unterziehen müssen. Mitten auf dem Weg zum Comeback wechselte sie den Trainer, weg von Kay Uwe Temme zur Trainingsgruppe des Erfolgsduos Tatjana Bachmayer/Anatol Ashurkov. Sie seien „wahnsinnig kompetente Trainer. Die Kombination zwischen den beiden ist wirklich perfekt für das, was ich vorhabe.“
„Mordsarbeit“ für das große Ziel
All die Mühen zahlen sich nach ihrer Meinung nun aus. „Es ist schön“, sagte Schäfer-Betz. Im für Turnerinnen fortgeschrittenen Alter von 29 Jahren hat sie einen neuen Abgang am Schwebebalken erlernt, bei dem sie auch ihre Schwierigkeiten bei Rückwärtselementen überwindet. Bei den deutschen Meisterschaften jüngst in Hannover absolvierte die gebürtige Saarländerin ihren ersten Mehrkampf seit drei Jahren. Darauf sei sie „schon ein bisschen stolz“, sagte Bachmayer, „sie ist ja nicht mehr die Jüngste mit dreimal Olympia und sich das dann nochmal anzutun, ist ja schon Mordsarbeit jeden Tag.“
Das alles dient einem Ziel: 2028 in Los Angeles will Schäfer-Betz als erste deutsche Turnerin bei ihren vierten Olympischen Spielen starten. Ihre Ambitionen benennt sie mit einer Mischung aus Vorsicht und Klarheit. „Mein Ziel ist es, bei Olympia dabei zu sein, und nicht nur dabei zu sein, sondern ins Finale zu kommen. Wonach jeder Athlet strebt, ist eine olympische Medaille. Um das auszusprechen, bin ich noch nicht ganz so weit in meinem Programm. Aber ich bin mir sicher, dass ich in eineinhalb Jahren so weit sein werde“, erklärte Schäfer-Betz zuversichtlich.
Aussicht auf die EM-Finals
Dabei hätte es vor fünfeinhalb Jahren auch zu einem Bruch in ihrer Karriere kommen können. Mit ihr als einziger aktiver Sportlerin an der Spitze hatten Turnerinnen des Bundesstützpunktes Chemnitz Ende 2020 ihrer damaligen Trainerin unter anderem Schikane vorgeworfen. Gabriele Frehse hatte die Vorwürfe stets bestritten, die Staatsanwaltschaft Chemnitz stellte alle Ermittlungen ein. Schäfer-Betz wechselte vom TuS Chemnitz-Altendorf zum KTV Chemnitz zu Männer-Trainer Temme.
Auch mit Blick auf den Wohlfühlfaktor in der Trainingsgruppe sowie im deutschen Auswahlteam blickt die routinierte Athletin voller Vorfreude auf die EM-Finals am Samstag am Schwebebalken und am Sonntag mit der Mannschaft. „Sicherlich nehme ich nicht am Finale teil, um eine Holzmedaille zu bekommen oder auf den hinteren Rängen zu landen. Deswegen will ich vorn mitturnen und ich weiß, dass ich das kann“, erklärte sie selbstbewusst.
Es sei „für sie wichtig“ gewesen ins Balkenfinale zu kommen, sagte Bundestrainer Wiersma. „Aber auch für uns. Dass wir an jedem Gerät außer am Boden eine Turnerin im EM-Finale haben, ist natürlich super“, urteilte der Niederländer. Die Stuttgarterin Helen Kevric hat als Vorkampf-Beste sogar realistische Gold-Aussichten am Stufenbarren. Und Titelverteidigerin Karina Schönmaier (Chemnitz) startet als Zweite der Qualifikation am Sprung ebenfalls mit berechtigten Medaillenhoffnungen.
© dpa-infocom, dpa:260814-930-529761/1














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