Die Geschichte hätte ganz anders laufen können. "Ich war auch oberbayerischer Meister im Dreikampf", erzählt Josef Dieter Maier, den nicht nur die Fußballwelt als Sepp Maier kennt. "Reck, Barren, Bodenturnen", zählt er stolz auf, darin war er Spitze. Er war ein gelenkiger Bursch, was ihm natürlich später auch bei seinem Tun im Tor des FC Bayern und der deutschen Nationalmannschaft zugute kam. "Und ich war ein netter Kerl", sagt Maier verschmitzt. "Aber das bin ich ja auch heute noch."
Und so wurde es später keine Turn- sondern eine Weltkarriere im Fußball. Lang ist's her und doch hat der Sepp noch viel zu erzählen, kann Dinge bis ins Detail ausschmücken, so manches vielleicht auch zurechtbiegen. Wie am Montagabend in der Stadthalle in Vohenstrauß. Die ist etwa 300 Leuten fast bis auf den letzten Platz gefüllt. Der Maier Sepp zieht immer noch, obwohl seine großen Zeiten in der Ära der Beckenbauers und Müllers Jahrzehnte zurückliegen. Vielleicht sind auch viele da, weil es eine Erinnerung an die gute alte Fußballzeit ist, die es heute so nicht mehr gibt. Soziale Medien, Ablösesummen im dreistelligen Millionenbereich, der Fußball fast als reines Geschäft. Sepp Maier ist aber kein Nostalgiker. Er verteufelt die neue Zeit, die neuen Dimensionen nicht. Es sei wie es sei, meint er entspannt, er verfolge das Ganze auch nicht mehr so intensiv. "Wir hatten es damals sicherlich leichter", sagt er auf der Bühne, schmunzelnd. "Da stand nicht gleich alles irgendwo in den Medien." Und Tipps will er den heutigen Stars ohnehin nicht geben. "Was will ich denn ihnen mit meinen 82 Jahren sagen?"
Freilich lebte der Mann, der im niederbayerischen Metten geboren wurde und in Haar bei bei München aufwuchs, auch auch schon in einer Zeit, in der Stars auch schon gehypt wurde. "Auch ich hatte damals auch Angebote aus dem Ausland", kokettierte er mit seinem Marktwert. "Aus Spanien und von den Boca Juniors aus Argentinien." Man stelle sich mal den Ur-Bayern im Tor des argentinischen Skandalklubs vor. Maier selbst konnte das ohnehin nicht, aber so ein Interesse ehre schon. "Der Sepp ist unverkäuflich", hieß es aus der Bayern-Zentrale, die damals noch viel, viel kleiner war. Maier wurde zur Marke beim FC Bayern, der damals mit ersten Titeln den Grundstein für den rasanten Aufstieg legte.
Zwei Wochen auf Tour
Von diesen Zeiten erzählt der Sepp derzeit wieder jeden Tag, zwei Wochen lang ist er unentwegt im Freistaat unterwegs. Am Montag in Vohenstrauß. In der Ecke hier, Vohenstrauß, Weiden, sei er aber bisher kaum gewesen, gibt er zu. "Aber wir waren schon in der Region hier, in Nürnberg oder Straubing." Da gibt's erstmals wegen der geographischen Einordnung Gelächter im Publikum, das sich aus vielen Leuten zusammensetzt, die diese damals großen Zeiten als junge Leute mitgemacht haben. Es gibt an diesem Abend ein großes Hallo in der Stadthalle und das zeigt, dass die Bayern hier in der Oberpfalz einen ihrer größten Hotspots haben. Mitglieder vieler Fanclubs sind da, auch ein par ganz Junge. Alle wollen sie den Sepp sehen.
Sepp Maier kann ihnen viel erzählen. Zunehmend läuft er auf der Bühne zur Hochform auf. Und plötzlich steht auch Franz Josef Strauß im Raum, überdimensional auf dem Beamer-Bild. Der überreichte 1969 dem Maier Sepp die Meisterschale. Den Hinweis des Torhüters, dass er gar nicht der Kapitän sei, konterte der barocke Landesvater: "Egal, Sie sind der Einzige, den ich kenne." Branco Zebec sei damals Trainer gewesen, sagte Maier: "Der war der Einzige, der unter der Dusche geraucht hat."
Unbekannt war der kleine Maier-Bub aus Haar nur in seinen Anfangszeiten. Stürmer sei er ja früher gewesen, merkt er an. "Auch mal Torschützenkönig." Doch dann sei halt beim TSV der Torwart ausgefallen. Gegen die zweite Jugendmannschaft des FC Bayern verlor Haar dann – 0:9 mit Maier im Tor. Eine höhere Niederlage dürfte er in seiner Karriere kaum erlebt haben. Moderator Tobias Bücklein entlockt dem Sepp an diesem Abend immer wieder solch' kleine Anekdoten und ist selbst überrascht: "Zwei, drei Sachen kannte selbst ich noch nicht."
Das Duo mit einigen Songs
Beide schmetterten auf der Bühne zusammen auch Fußball-Songs. Bei "Fußball ist unser Leben", singen alle mit. "Früher haben ja alle gesungen", meint der Sepp. "Gute Freunde" lassen grüßen ...
Fußball war immer Sepps Leben. Mit all seinen Titeln, dem WM-Titel als Krönung. Von diesen Tagen und Wochen 1974 hat er besonders viel zu erzählen. "Wir waren eingesperrt", sagt er über Malente, über die Tage in der Fußball-Kaserne in Schleswig-Holstein. Aber Maier und seine Kumpels fanden schon Wege zum Ausbüchsen. Einmal waren sie bei einem Termin, bei dem die Jacobs Sisters sangen. "Ich dachte, das waren bloß drei", sagte er, als er in Vohenstrauß vier Mädels mit den Pudels sah. Auf jeden Fall fuhr die Nationalelf schon wieder früher vom Termin weg. Selbst Bundestrainer Helmut Schön wollte nicht mehr zuhören.
Hommage an den Franz
In Vohenstrauß wird auch klar, wie wichtig für ihn seine alten Kameraden sind und waren: Gerd Müller, Uli Hoeneß, "Bulle" Roth – und natürlich Franz Beckenbauer. "Franz war ein guter Freund" sagt er bedächtig über den vor gut zweieinhalb Jahren verstorbenen Kaiser: "Er war ein super Spieler, ein super Trainer. Er hat keine Lizenz gebraucht." Franz sei einmalig gewesen. Beckenbauer holte Maier auch zur Nationalelf als Torwarttrainer und der Sepp wurde dadurch 1990 nochmals Weltmeister.
Zwei Halbzeiten lang erzählte Maier. In der Pause und nach der Veranstaltung schrieb er Autogramme, signierte sein neues Buch, lächelte und lächelte. Auf dem Nachhauseweg dürften viele gedacht haben: "Gott sei Dank ist es mit der Turnkarriere nichts geworden." Obwohl, da hätte der Sepp bestimmt dann auch einen Abend lang einiges erzählen können...
































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