12.02.2021 - 16:06 Uhr
VohenstraußSport

Walter Hofmann: Zwei Jahrzehnte in der Bundesliga an der Seitenlinie unterwegs

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Westfalenstadion, Veltins-Arena, Weserstadion – Walter Hofmann kennt die Spielstätten des deutschen Profifußballs in- und auswendig. Kein Wunder: 20 Jahre lang war er als SR-Assistent mitten im Geschehen. Eine Zeit, die ihn geprägt hat.

Immer ruhig Blut: Tim Wiese, Torwart von Werder Bremen, bei einem seiner Wutanfälle, Walter Hofmann versucht als Linienrichter beruhigend auf den Wüterich einzuwirken. Der Wiese-Ausraster passierte beim Bundesligaspiel 1. FC Köln – Werder Bremen am 22. Januar 2011.
von Alfred Schwarzmeier Kontakt Profil

Immer konzentriert bleiben, Spielsituationen in Sekundenschnelle bewerten, ruhig Blut bewahren. So ein Leitfaden für Schiedsrichter hört sich gut an. Aber was, wenn jemand wie Tim Wiese das Stehaufmännchen macht oder Mario Basler flapsige Bemerkungen Richtung Seitenlinie loslässt? "Im Fußball gibt es die unterschiedlichsten Charaktere", lautet die Antwort von Walter Hofmann. "Als Schiedsrichter musst du lernen, mit jeder Art von Emotionen umzugehen. Da bist du als Mediator unterwegs."

Den Spagat, auf dem Fußballplatz Entscheidungen zu treffen, gleichzeitig aufkommende Emotionen in geordnete Bahnen zu lenken, hat Hofmann offensichtlich gut hinbekommen. Von 1992 bis 2012 war der gebürtige Vohenstraußer in der Bundesliga und 2. Bundesliga als Schiedsrichterassistent im Einsatz. Über zwei Jahrzehnte hinweg galt er als "Mister Zuverlässig", Fehleinschätzungen unterliefen ihm selten. "Ich war körperlich fit", sagt der 55-Jährige. "Außerdem hatte ich ein gutes Spielverständnis, was den Fußball betrifft."

Jene Auffassungsgabe hatte sich Hofmann schon in jungen Jahren angeeignet. Bei der SpVgg Vohenstrauß hielt er in den Nachwuchsteams als Libero die Abwehr zusammen. "Ich habe aber beim Wechsel in den Seniorenbereich schnell erkannt, dass es für die Bundesliga nicht reicht", gibt Hofmann zu. Unorthodox fiel sein Abschied 1985 aus: "Ich bin vor einem Spiel in die Kabine und habe Trainer Karl-Heinz Roßmann mitgeteilt, dass ich lieber Schiedsrichter mache."

Was bewegt einen 20-Jährigen, nicht mehr selbst dem Leder hinterherzujagen, sondern stattdessen die Pfeife in den Mund zu nehmen? "Ich fühlte mich von Schiedsrichtern oft ungerecht behandelt", berichtet Hofmann. "Ich bin einfach einem Impuls gefolgt, ich wollte es besser und gerechter machen."

Keine Freudensprünge in Eslarn

Der Einstieg in die Schiedsrichterei ging schnell vonstatten. Vater Franz Hofmann, ein langjähriger Unparteiischer, knüpfte die Kontakte zur Schiedsrichtergruppe Weiden. Zu Beginn musste der Neu-Referee aber die Erfahrung machen: Aller Anfang ist schwer. "Wenn du als Vohenstraußer nach Waldthurn oder Eslarn als Schiedsrichter kommst, wirst du nicht unbedingt mit Freudensprüngen begrüßt." Respekt verschaffte sich der Jungspund aber allemal. Vier Jahre nach seinem Einstand war er im Kreis der Verbandsschiedsrichter angekommen, 1991 pfiff er bereits sein erstes Bayernliga-Spiel. "Das war damals die dritthöchste Liga. Und ich war mit 25 Jahren der jüngste Schiedsrichter in der Bayernliga." Schon damals folgte er einem seiner wichtigsten Grundsätze: "Finde deinen eigenen Weg, aber schaue dir auch das Positive von den etablierten Schiris ab."

„Ich bin einfach einem Impuls gefolgt, ich wollte es besser und gerechter machen.“

Walter Hofmann über den Einstieg ins Schiedsrichterwesen

Mit dem bayerischen Oberhaus war die Karriereleiter noch längst nicht erklommen. Hofmann zeigte in der Bayernliga konstant gute Leistungen und rückte beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) in den Fokus. 1992 der vorläufige Höhepunkt - Fortuna Köln gegen Hannover 96: Hofmann stand erstmals in der 2. Bundesliga als Schiedsrichterassistent an der Seitenlinie. Dass man pro Einsatz mehr Geld bekommt, wenn man auf der DFB-Liste steht, wusste er zunächst gar nicht. Am 4. Oktober 1993 folgte das nächste Highlight. Der damals 28-Jährige kam zu seiner Bundesliga-Premiere. Schalke 04 gegen Werder Bremen, die Partie endete vor 25 000 Zuschauern 1:1. Als Unparteiischer fungierte Hermann Albrecht. "Eine kompetente Persönlichkeit", urteilt Hofmann. Am meisten habe er aber von einem Weltschiedsrichter 1992 gelernt. "Ich war zu Beginn im Gespann von Aron Schmidhuber. Von seiner Erfahrung habe ich sehr profitiert."

Zwar absolvierte Hofmann die überwiegende Zahl seiner Einsätze in den beiden höchsten deutschen Ligen, einige internationale Berufungen sind allerdings auch dabei. Positiv in Erinnerung ist ihm eine Champions-League-Partie bei Besiktas Istanbul, "auch wenn es keine Zäune gab und ich mit Geldstücken beworfen wurde". In diese Zeit fällt die vielleicht schmerzhafteste Erinnerung - der Wettskandal mit DFB-Schiedsrichter Robert Hoyzer als zentraler Figur. "Es war ein Schock. Ich hätte vorher für jeden deutschen Schiedsrichter die Hand ins Feuer gelegt."

Schuhe in den Müll

2012 vollzieht sich für Hofmann der finale Akt: Die Altersgrenze von 47 Jahren ist erreicht, die DFB-Laufbahn damit unweigerlich zu Ende. Sein "Abschiedsspiel" lautet Borussia Dortmund - SC Freiburg. Während der BVB nach einem 4:0-Sieg die deutsche Meisterschaft feiert, wirft Hofmann seine Fußballschuhe in den Mülleimer: "Ich wollte mir bewusst machen: Das war's." Längst ist ihm zu diesem Zeitpunkt klar, dass sein liebstes Hobby ihm Energie raubt. "Du hast einen Vollzeitberuf, hetzt am Freitag zum Flieger oder Zug, bist jedes Wochenende unterwegs. Das zehrt an den Kräften. Irgendwann bist du leer."

Der Abschied von der aktiven Laufbahn bedeutet aber nicht den Abschied vom Schiedsrichterwesen. Der seit 1993 in Ansbach wohnhafte IT-Systemingenieur engagiert sich vier Jahre lang im Verbandsschiedsrichterausschuss des Bayerischen Fußball-Verbandes, ist Beobachter bei der Talentsichtung in der Regionalliga und in der A-Junioren-Bundesliga. Dann ist 2020 auch hier Schluss. Endlich mehr Zeit für die Familie, für Ehefrau Steffi und Tochter Katharina.

Teil des Lebens

Dem runden Leder ist Walter Hofmann natürlich weiter verbunden. "Schiedsrichter zu sein, war ja Teil meines Lebens", sagt er. Die Veränderungen im Profifußball ("Der Kommerz rückt immer mehr in den Vordergrund") findet Hofmann extrem, die Einführung des Videobeweises hält er für richtig: "Auch wenn der Keller in Köln nur eingreifen sollte, wenn es um krasse Fehlentscheidungen geht."

Stichwort Keller: Im eigenen Haus finden sich im Untergeschoss viele Erinnerungsstücke. Jede Menge Wimpel ("die gab es bei jedem Spiel") und auch besondere Andenken. Wie zum Beispiel ein Trikot von Borussia Dortmund mit den Unterschriften aller Spieler der Meistermannschaft 2012. Oft nimmt er es aber nicht in die Hand. Die Zeit als Mediator ist vorbei.

Letzte Woche in unserer Serie "Gestern - Heute": Enes Dendic

Amberg
Hintergrund:

Zur Person: Walter Hofmann

Der gebürtige Vohenstraußer Walter Hofmann hat eine erfolgreiche Karriere als Schieds- und Linienrichter hinter sich. Die wichtigsten Eckdaten seines Lebens und seiner sportlichen Laufbahn

  • Geboren am 28. Juni 1965 in Vohenstrauß; verheiratet, eine Tochter, wohnhaft in Ansbach
  • Abitur am Augustinus-Gymnasium in Weiden, Studium in Bayreuth und Nürnberg, Systemingenieur im IT-Bereich
  • Heimatverein: SpVgg Vohenstrauß
  • 1985 Einstieg bei der Schiedsrichtervereinigung Weiden
  • Verbandsschiedsrichter von 1989 bis 2012 (Bayernliga-SR ab 1991), Regionalliga-SR bis 2008
  • Schiedsrichter beim DFB und SFV von 1992 bis 2012; mehr als 100 Spiele als SR in der Regionalliga, über 300 Bundesliga- und Zweitligaspiele sowie rund 50 DFB-Pokalspiele als SR-Assistent und 4. Offizieller
  • 1. Zweitliga-Spiel: Fortuna Köln - Hannover 96 am 29.8.1992
  • 1. Bundesliga-Spiel: Schalke 04 - Werder Bremen am 4.10.1993. Letztes Bundesliga-Spiel: Borussia Dortmund - SC Freiburg am 5.5.2012
  • Internationale Einsätze: Champions-League, Europa-League, Uefa-Pokal und Länderspiele
  • 2014 bis 2018 Mitglied des Verbandsschiedsrichterausschusses im Bayerischen Fußball-Verband

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