20.08.2020 - 15:00 Uhr
Weiden in der OberpfalzSport

Florian Hinterberger: Ein Ex-Fußballprofi erzählt aus seinem Leben

Diesen Artikel lesen Sie mit
Was ist OnetzPlus?

Biografien von Fußballprofis gibt es wie Sand am Meer. Nun hat sich auch ein bei der SpVgg Weiden groß gewordener Ex-Bundesligaspieler unter die Autoren gewagt. Der Unterschied zu anderen: Jeden Satz, jedes Kapitel hat er selbst verfasst.

Humorvoll und pointiert: Der bei der SpVgg Weiden groß gewordene Ex-Fußballprofi Florian Hinterberger erzählt Anekdoten aus seinem Leben.
von Alfred Schwarzmeier Kontakt Profil

Mehr als 300 Spiele in der Bundesliga und 2. Bundesliga, dazu Uefa-Pokalsieger und DFB-Pokal-Finalist. Der Mann kann Fußball spielen, kein Zweifel. Aber wie sieht’s bei Florian Hinterberger mit der Schreibe aus? „Er will halt nur Fußball spielen“, heißt ein druckfrisch erschienenes Buch, in dem der 61-Jährige Episoden aus seinem Leben wiedergibt. Und zwar so unterhaltsam und pointiert, dass eine bestimmte Vermutung naheliegt. „Nein, einen Co-Autor oder Ghostwriter hatte ich nicht“, wehrt Hinterberger im Interview mit unserer Sportredaktion aber jeglichen Verdacht ab. Und es schwingt ein bisschen Stolz mit, wenn er sagt: „Das Buch stammt komplett aus meiner Feder.“

ONETZ: Herr Hinterberger, mit ihrem Buch haben Sie viele überrascht. Was hat Sie denn dazu bewegt, Erlebnisse aus Ihrem Leben niederzuschreiben?

Florian Hinterberger: Ich war Domspatz, Soldat, Fußballprofi, Trainer und Sportdirektor. Ich denke, das ist ein außergewöhnlicher Weg, auf dem ich so einiges erlebt habe. Wenn ich in der Familie und unter Freunden Geschichten erzählt habe, war oft die Reaktion: Das musst du aufschreiben. Jetzt war einfach der Punkt gekommen, dass ich genau dazu Zeit und Muße hatte. Es ist kein Buch der Enthüllungen, sondern der Anekdoten. Und es ist keines nur für Sportler, sondern für jedermann. Ich wollte spannend, aber auch humorvoll schreiben. Das ist, so glaube ich, ganz gut gelungen.

ONETZ: Die ersten Kapitel widmen Sie Ihrer Zeit bei den Regensburger Domspatzen. Da nehmen Sie kein Blatt vor den Mund, beklagen Drill und Prügelstrafen, unfähige Pädagogen und ungenießbares Essen. War das Internat tatsächlich so ein dunkles Kapitel in Ihrer Kindheit?

Florian Hinterberger: Na ja, ganz so dunkel war es nicht. Ich war ja eigentlich ein braver und disziplinierter Schüler und bin deshalb auch bei den Strafen besser weggekommen. Da gab es andere Schüler, die hat es schlimmer erwischt. Damals war halt körperliche Züchtigung noch erlaubt. Fälle von sexuellem Missbrauch, wie sie dann Jahrzehnte später öffentlich wurden, habe ich persönlich nicht wahrgenommen. Mir ging jedoch diese Art der Kasernierung gegen den Strich. Ich war zwei Jahre dort und froh, als mich meine Eltern dann aus dem Gefängnis rausgeholt haben.

ONETZ: Die Erlösung von der Qual des Internats fanden Sie in Weiden. Endlich Fußball, wann immer es möglich war. Wie wichtig war diese Zeit für Ihre persönliche Entwicklung?

Florian Hinterberger: Ungemein wichtig. Meine Jugendzeit in Weiden war einfach großartig. Ich besuchte das Augustinus-Gymnasium, endlich eine vernünftige Schule. Und ich konnte meinen Traum wahrmachen, bei der SpVgg Weiden das Trikot eines Fußballvereins zu tragen. Ich schwankte zwischen zwei Welten. Hier meine Freunde vom Gymnasium, dort die Kumpels von der SpVgg.

ONETZ: Bei der SpVgg Weiden haben Sie alle Jugendteams durchlaufen und sind mit Sondergenehmigung in die Bayernligamannschaft aufgerückt. Hätten Sie auch ohne die "Schbülvereinichung" den Sprung in den bezahlten Fußball geschafft?

Florian Hinterberger: Schwer zu sagen. Die Jugendarbeit am Wasserwerk war zu dieser Zeit super, die damalige C-Jugend ein Knaller. Die Saison 1971/72 haben wir mit 32:0 Punkten und 102:2 Toren beendet. Mit Hans Pausch, Joschi Nagy, Claus Zick und mir sind später vier aus dieser Truppe Lizenzspieler geworden.

ONETZ: Vielleicht wären Sie aber gar nicht in den Fokus von Profiklubs geraten, wenn nicht dieses eine Spiel gegen den FC Bayern gewesen wäre ...

Florian Hinterberger: Ja, es war im Juli 1977. Da kam der FC Bayern zu einem Freundschaftsspiel ins Wasserwerkstadion. Maier, Hoeneß, Müller, Kappellmann, lauter Weltmeister und Stars. Ich war 18 und machte trotz unserer 1:6-Niederlage ein Riesenspiel. Dieses Spiel hat mich ins Schaufenster gestellt. Der damalige Bayern-Trainer Dettmar Cramer wollte mich vom Fleck weg verpflichten. Aber ich wollte erst mein Abitur in Weiden machen und danach zu den Bayern wechseln. Dann war aber plötzlich Cramer weg und aus dem Transfer wurde nichts.

ONETZ: Dabei beschreiben Sie sich in Ihrem Buch als innigen "Löwen"-Fan. Hätte Sie der Wechsel zum ungeliebten Lokalrivalen nicht in Gewissenskonflikte gestürzt?

Florian Hinterberger: Nein, überhaupt nicht. Wenn man als junger Bursche ein Angebot vom FC Bayern erhält, dann ist es einfach eine Riesenchance. Ob ich es dort geschafft hätte, steht auf einem anderen Blatt. Wer weiß, wofür es gut war, dass es nicht passiert ist. Meine erste Profistation war dann ja die SpVgg Fürth. Den Weg dorthin hat mein damaliger A-Juniorentrainer Reinhold Schlecht geebnet, er hat da seine Kontakte spielen lassen.

ONETZ: Sie erzählen jede Menge Anekdoten aus Ihrem Fußballleben. Bei Fortuna Köln haben Sie mal auf einer Weihnachtsfeier den Nikolaus gespielt. War es das einzige Mal, dass Sie einen weißen Bart trugen?

Florian Hinterberger: Na ja, jetzt ist er in meinem Alter auch wieder weiß. Aber Spaß beiseite. Das Kostüm damals war grandios, unser Auftritt ebenso. Mein Teamkollege Hannes Linßen war der Krampus und hat die Rute kräftig geschwungen. Es war ein Riesenspaß, aber auch mein einziger Auftritt als Nikolaus.

ONETZ: SpVgg Weiden, SpVgg Fürth, Fortuna Köln, Bayer 04 Leverkusen und TSV 1860 München waren Ihre Vereine als Spieler. An welche Station erinnern Sie sich am liebsten zurück?

Florian Hinterberger: Es gab keinen Verein, bei dem ich sagen müsste, da hat es nicht funktioniert. Am Aufregendsten war es in Leverkusen mit den Bundesligaspielen, dem Uefa-Cup-Sieg, den Auslandsreisen. Aber auch Köln war klasse. Meine erste Großstadt, der Karneval. Und dann das DFB-Pokalendspiel gegen den 1. FC Köln, das wir leider 0:1 verloren haben. Erstmals überhaupt standen damals zwei Vereine aus einer Stadt im Pokalfinale. Bei der SpVgg Fürth habe ich mich ebenfalls richtig wohlgefühlt, Weiden war wie gesagt großartig. Und über die Zeit bei den "Löwen", meinem Herzensverein, muss ich keine Worte verlieren. Ich hatte ja schon als kleiner Junge ein Dress der Sechziger und meine Mutter hatte das "Löwen"-Emblem selbst draufgenäht.

ONETZ: Das Fußballerleben besteht aber nicht nur aus Jubel. Gab es Enttäuschungen?

Florian Hinterberger: Die größte Enttäuschung war, als ich mir im ersten Profijahr meine Schulter ausgerenkt habe. Diese Verletzung hat mich meine gesamte Karriere verfolgt. Zehn- bis zwölfmal habe ich mir das Teil bestimmt ausgerenkt. Irgendwann wird man dann vorsichtiger in der Spielweise. Ich hätte bestimmt 10 bis 15 Prozent mehr erreichen können. Das ist ärgerlich, aber so ist Hochleistungssport. Die zweite große Enttäuschung war die angesprochene Niederlage im DFB-Pokalfinale. Da haben wir im Vorfeld mit Fortuna-Präsident Jean Löring über Prämien gestritten. Das hat uns die Konzentration und den Sieg gekostet. Ohne diesen Streit hätten wir gewonnen, davon bin ich überzeugt. Und die dritten Enttäuschung war, dass ich 1988 im Rückspiel des Uefa-Cup-Endspiels gegen Espanyol Barcelona auf der Ersatzbank gesessen bin. Daran hatte ich lange zu kauen.

ONETZ: Ein Wort zum TSV 1860 München. Sie waren dort, Spieler, Nachwuchstrainer und Sportdirektor. Haben die "Löwen" unter Michael Köllner als Trainer, wie Sie ja ein Oberpfälzer, eine Perspektive in Richtung 2. Bundesliga?

Florian Hinterberger: Ich denke, dass Michael Köllner bislang einen guten Job gemacht hat. Man ist ja als Trainer immer abhängig von der Qualität des Kaders und der Stimmung im Verein. Und da ist die Situation bei den "Löwen" grundsätzlich unbefriedigend. Finanziell passt es nicht, man ist zerstritten, es gibt zwei Lager, eines pro Hasan Ismaik als Geldgeber, eines gegen ihn. Eine solche Gemengenlage kann eigentlich nicht zum sportlichen Erfolg führen.

ONETZ: Wie wichtig ist der Fußball überhaupt noch für Sie?

Florian Hinterberger: Ich verfolge den Fußball natürlich weiterhin. Aber um ehrlich zu sein, der Abstand wird immer größer. Gerade jetzt zu Corona-Zeiten, wo einem bewusst wird, was wirklich wichtig ist im Leben. Was im Profifußball mittlerweile für Summen bei Ablöse und Gehältern aufgerufen werden, ist doch Irrsinn und sittenwidrig. Aber irgendwie sind die Leute selbst schuld. Die Fans selbst ermöglichen ja erst diesen unglaublichen Geld-Kreislauf.

ONETZ: Das klingt, als ob Sie nur noch bedingt Ambitionen haben, als Trainer oder Sportlicher Leiter in den Fußballsport zurückzukehren?

Florian Hinterberger: Alles hat seine Zeit, deshalb lautet die Antwort: Eher nicht. Zumal es in den wenigsten Vereinen fachlich kompetent und seriös zugeht. Ich denke, ich habe meine Work-Life-Balance ins Lot gebracht.

ONETZ: Wird's denn bei einem Buch bleiben? Oder legen Sie nach und kramen Sie irgendwann weitere Anekdoten heraus?

Florian Hinterberger: So wichtig bin ich nicht. Dieses eine Buch war mir eine Herzensangelegenheit, und dabei soll es bleiben.

"Er will halt nur Fußball spielen" heißt die Biografie von Florian Hinterberger.
Zur Person:

Florian Hinterberger

Florian Hinterberger ist ein aus der Oberpfalz stammender ehemaliger Fußballprofi. Seine Bilanz als Spieler: 105 Bundesligaspiele/2 Tore, 199 Zweitligaspiele/24 Tore, 21 DFB-Pokalspiele/3 Tore, 13 Uefa-Pokalspiele/0 Tore. Die größten sportlichen Erfolge: Uefa-Pokalsieg 1988 und DFB-Pokalfinalist 1983.

  • Geboren am 8. Dezember 1958 in Regensburg
  • 1968 - 1970 Regensburger Domspatzen
  • 1970 - 1978 SpVgg Weiden
  • 1978 - 1982 SpVgg Fürth
  • 1982 - 1984 Fortuna Köln
  • 1984 - 1990 Bayer 04 Leverkusen
  • 1990 - 1992 TSV 1860 München
  • 1993 - 2001 TSV Starnberg (Trainer)
  • 2001 - 2003 TSV 1860 München (U21-Trainer)
  • 2004 - 2009 1. FC Nürnberg (U19- und U21-Trainer)
  • 2011 - 2014 TSV 1860 München (Sportdirektor)
Stichwörter und Antworten:

Herr Hinterberger, was fällt Ihnen ein zu ...

  • Wasserwerkstadion: „Eine Kultstätte der SpVgg Weiden, an die ich wahnsinnig schöne Erinnerungen habe. Wir haben uns damals noch in den Katakomben unter der Tribüne umgezogen. Fenster gab es keine. Ich finde, dass der Stadionumbau sehr gelungen ist.“
  • Erich Ribbeck: „Ein toller Mensch und ein guter Trainer, den ich während meiner Zeit in Leverkusen hatte. Das schlechte Image, das ihm als Nationaltrainer und beim FC Bayern verpasst wurde, wird ihm nicht gerecht.“
  • Jean Löring: „Als Mäzen von Fortuna Köln war er ein hemdsärmeliges, kölsches Schlitzohr. Eine schillernde Figur. Ich habe seine direkte Art gemocht. Leider ist der ’Schäng’ zu früh verstorben.“
  • Camp Nou: „Ich war als 17-jähriger mit der bayerischen Jugendauswahl in Barcelona und habe diesen Fußballtempel besichtigt. Nie hätte ich mir träumen lassen, dass ich später mit Leverkusen in einem Uefa-Cup-Viertelfinale dort spielen würde. Wir gewannen 1:0 und waren weiter. Ein Erlebnis, das ich nie vergessen werde.“

"Löwen"-Trainer Michael Köllner im Interview

München

In Pandemiezeiten fallen Testspiele von Proficlubs auf dem Land ins Wasser

Weiden in der Oberpfalz

Für Sie empfohlen

 

 

Videos

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.