06.04.2020 - 18:14 Uhr
Weiden in der OberpfalzSport

"Momentan habe ich null Einnahmen"

Ein Virus hat die Reisebranche voll erwischt. Und damit auch eine Sportart, deren Mitglieder im Frühjahr gerne unterwegs sind: In Tenniscamps. "Uns hat es voll getroffen. Weil alles komplett ausfällt", sagt Marcelo Matteucci,

Das Geschäft mit Tennisreisen blüht sonst gerade um diese Jahreszeit, jetzt bleiben die zahllosen Tennisplätze leer. Die Türkei bietet an vielen Orten beste Gelegenheiten zum Training, hier sind auch die größten Anlagen der Welt beheimatet mit bis zu 67 Courts nebeneinander.
von Reiner Fröhlich Kontakt Profil

Der 57-Jährige ist nicht nur Trainer und Vorsitzender, sondern auch Mit-Veranstalter von Tenniscamps in der Türkei, auf Malloca und in Kroatien: "Wir sind die Nummer eins in Europa, was Tennisreisen betrifft." Der Weidener arbeitet seit 22 Jahren im Verbund mit Patricio Travel und bietet über seine PCT-Tennis Academy diverse Camps an. 30 pro Jahr, die meisten davon vor Beginn einer Saison im Frühjahr, speziell in den Osterferien.

"Ein Riesenevent"

Jetzt beispielsweise wäre er aktuell insgesamt für drei Wochen in der Türkei in Sorgun gewesen - aber alles ist abgesagt. Ebenso wie die Camps auf Mallorca und in Kroatien. Etwa 15 bietet PCT um diese Zeit an. "Das Angebot war komplett gebucht, sogar überbucht", sagt Matteuci. Rund 170 Teilnehmer aus Weiden und Umgebung hatten sich angemeldet - und erstmals auch Mike Dowse, der CEO der Wilson Sport Goods aus Chicago. "Das wäre ein Riesenevent gewesen", trauert der 57-Jährige nach. Aber vor einem Monat schon musste er alles stornieren, und einen Buchungsstopp verhängen. "Uns hat die Coronakrise voll getroffen. Weil alles komplett ausfällt."

67 Tennisplätze in einer Anlage

Ein Riesengeschäft für Hotels, Fluggesellschaften und Betreiber der Plätze vor Ort. In Belek, auf der größten Anlage der Welt, reiht sich ein Tennisplatz neben dem anderen: insgesamt 67. In Sorgun sind es 58. Marcelo Matteuci ist mit seiner Tennis Academy quasi der "sportliche Partner" von Patricio Travel, einem Sportreiseunternehmen, gegründet von Wolfgang Riedl aus Passau. In dessen Büros sind rund 30 Mitarbeiter beschäftigt, insgesamt 170. Darunter Tennislehrer, Platzwarte etc.

Wie alles begann: "Vor 22 Jahren habe ich meine Tennisschule gegründet. Bei einer Tennisreise nach Tunesien habe ich Wolfgang Riedl kennen gelernt, er hat mein Training gesehen. Ich war damals Bezirkstrainer des Tennisbezirks Oberpfalz. Wir haben uns angefreundet, und er hat mich gefragt, ob ich nicht mit einsteigen will."

Matteuci sieht die große Gefahr, dass sein Partner, wie andere Reiseveranstalter auch, Insolvenz anmelden müssen. "Das ist eine riesige Maschinerie. Sie hängen von den Fluggesellschaften ab, von Lufthansa, von Condor und den anderen. Und von den Hotels." Denn Patricio Travel könnte womöglich das Geld aus Anzahlungen an die Kunden zurückzahlen müssen - der Reiseunternehmer habe aber bereits große Summen an die Fluggesellschaften und die Hotels überwiesen.

Momentan sei es aber noch nicht so schlimm, erklärt Matteuci, da es sich bei vielen Tennisspielern um Stammkunden handle. "Wir könnten alternativ auch Camps auf die Herbstferien verlegen. Oder die Leute können für April im nächsten Jahr umbuchen. Wenn nicht, bekommen sie das Geld zurück." Eine weitere Möglichkeit sei, dass die Tennisspieler in den nächsten Jahren beliebig eine Reise buchen könnten, denn Patricio Travel hat  30 Trainer unter Vertrag in den verschiedenen Hotels.

Einige Millionen Verlust

Matteuci rechnet aber mit "einigen Millionen Euro Verlust", was seinen Partner bei Patricio Travel betrifft, weil nicht absehbar sei, wann es weitergehe. Er selbst ist zwar nicht so hart davon betroffen, spüre es aber trotzdem: "Ich bekomme für meine Arbeit mein Geld. Momentan habe ich null Einnahmen. Ich kann nicht in die Türkei fliegen und dort nicht arbeiten." Matteuci ist an den Camps auch finanziell beteiligt - das fällt flach. Der Tennistrainer hofft, dass Wolfgang Riedl das Ganze monetär überlebt. "Er hat schon viele Krisen überstanden. Er ist der größte Kämpfer, den ich kenne. Er hat auch vor einigen Jahren die große Krise in der Türkei überstanden, als viele Leute aus politischen Gründen nicht hinfliegen wollten."

Ihm selbst werden nach der Vorbereitungszeit und den ausgefallen Camps ein paar Tausend Euro fehlen: "Die Kosten bleiben."

Ab 1. Mai bespielbar

Matteucci hat die Tennisplätze bei seinem Verein bereits herrichten lassen, ab 1. Mai wären sie bespielbar. Aber: "Ich komme aus sehr, sehr einfachen Verhältnissen. Für mich ist das Wichtigste, dass die Leute sorgenfrei zum Tennisclub kommen können. Nicht mit der Angst, dass es wieder losgeht. Es hilft nichts, wenn wir sehr früh anfangen und dann kommt Kommando zurück. Lieber bleibe ich zwei Wochen länger zu Hause und habe weniger Geld in der Tasche."

Info:

"Das ist das Berufsrisiko als Tennistrainer"

Heiner Seuß, Tennistrainer beim TC Rot-Weiß Amberg, wäre am Samstag losgefahren. Mit ihm 46 Spieler und Spielerinnen aus Amberg und Umgebung. Das Ziel: Kroatien, eine Woche in den Osterferien. „Dass das Camp nicht stattfinden würde, wusste ich vor drei, vier Wochen. Abgesagt habe ich 14 Tage vorher“, erklärt Seuß. Kosten sind ihm deswegen keine entstanden. „Ich mache das über einen Mittelsmann, einem befreundeten Trainer aus dem Stuttgarter Raum. Er macht das seit 30 Jahren.“

Dieser reserviert jedes Jahr rund 600 bis 700 Betten in diversen Hotels. „Er hat das so hinbekommen, dass die Teilnehmer, die bei mir gebucht haben, ihr Geld komplett zurück erhalten haben.“ Seuß hatte im Vorfeld natürlich eine Menge Arbeit, aber das sieht er gelassen. Auch dass er durch das entfallene Camp finanzielle Verluste hat. „Die halten sich in Grenzen. Das ist eben das Berufsrisiko als Tennistrainer. Man kann ja mal auch krank werden, das muss man einfach überstehen können.“

Direkt im Anschluss wäre Seuß an den Gardasee gefahren – ins nächste Tenniscamp, zusammen mit Thomas Kick von der Tennisschule Breakpoint in Sulzbach-Rosenberg. „Italien, da geht ja gar nichts,“ sagt Seuß. „Wir hoffen aber, dass wir am 20. April bei uns anfangen können.“ Die Plätze bei Rot-Weiß Amberg sind präpariert.

Der ehemalige Spitzenspieler des sechsfachen deutschen Meisters TC Amberg am Schanzl nimmt es, wie es kommt: „Man muss abwarten, wie und in welchem Umfang Sport erlaubt wird. Ich glaube nicht, dass eine Regelung für einzelne Sportarten kommt. Dass beispielsweise Tennis erlaubt ist, weil man 20 Meter auseinander ist. Und Fußball nicht, weil da körperlicher Kontakt zustande kommt.“ Es gehe ja nicht nur um das Spiel, sondern auch um das Drumherum: „Man trifft sich vielleicht hinterher, sitzt zusammen. Da verstehe ich, dass man nicht differenzieren kann.“

Heiner Seuß

Für mich ist das Wichtigste, dass die Leute sorgenfrei zum Tennisclub kommen können. Nicht mit der Angst, dass es wieder losgeht. Es hilft nichts, wenn wir sehr früh anfangen und dann kommt Kommando zurück. Lieber bleibe ich zwei Wochen länger zu Hause.

Marcelo Matteucci

Marcelo Matteucci

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