05.03.2020 - 20:10 Uhr
OTon

Ambivalente Tierliebe

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Er kam statt einer Katze ins Haus und sorgte wohl für mehr Trubel, als es ein Stubentiger je geschafft hätte. Im OTon schildert Tobias Gräf, was Hamster "Willi" mit dem Corona-Virus zu tun hat.

Goldhamster schauen putzig aus. Doch sie sind ausgesprochen aktive Genossen und können auch mal für Ärger sorgen.
von Tobias Gräf Kontakt Profil

Nahezu jedes Kind wünscht sich eines. Auch ich und meine Schwester wollten als Kinder lange ein Haustier. Doch das bevorzugte Kätzchen haben wir nie bekommen. Unsere Mutter hatte wohl berechtigte Befürchtungen, unsere tierische Kümmerer-Motivation könnte sich schnell erschöpfen. So war es dann auch, allerdings in anderer Hinsicht – anstelle einer Hauskatze zog nämlich ein Goldhamster ein.

Kurioserweise kam der kleine Nager namens "Willi" nicht auf Wunsch von uns Kindern ins Haus, sondern die Mutter selbst fand Hamster so "süß", dass uns ein Vertreter der Gattung schmackhaft und als perfekte Alternative zu einem größeren Stubentiger präsentiert wurde, der sowieso nur Haare im Haus verteilen und das gepflegte Wohnzimmerlaminat verkratzen würde.

Weil der Nager offiziell dem Nachwuchs gehörte, waren meine Schwester und ich auch für dessen Versorgung zuständig. Während die Mutter sehr zuverlässig zur abendlichen Streicheleinheit vorbeischaute, sich ansonsten bei der Versorgung des Tieres aber auffällig zurückhielt, oblag uns Kindern das Reinigen des Käfigs, das Zubereiten des täglichen Hamstermenüs – und das allabendliche, teils zeitintensive "Einfangen" des munteren Zimmerbewohners.

Da es ihm gut gehen sollte, bekam er nämlich täglich Auslauf. Willi sauste im Zimmer umher, versteckte sich unter dem Sofa, hinter dem Schreibtisch, im Schrank. Er liebte es, den Teppich aufzukratzen, sodass darin bald unschöne Löcher waren. Er verteilte in jedem Eck runde, schwarze Hinterlassenschaften und Körner, die aufgesaugt werden mussten. Er zerlegte das Internetkabel und biss Löcher in Markenklamotten, weil er es mal wieder in den eigentlich fest verschlossenen Kleiderschrank geschafft hatte. Einmal strapazierte er die Nerven der Hausbewohner besonders: Bei einem wichtigen Fußballspiel schlüpfte Willi in den Bettkasten des ausziehbaren Schlafsofas, auf dem mein Vater und ich gerade gebannt das Match verfolgten. Mitten während dem Spiel musste das Sofa hochgehoben und mühsam auseinandergebaut werden, um ihn aus dem Inneren herauszuholen. Dort hatte es sich Willi im Innenpolster gemütlich gemacht – und ein großes Vorratslager mit Körnern angelegt. So, als hätte er den Coronavirus vorausgesehen und Futter gehortet.

Meine Mutter verteidigte das. Schließlich war Willi "süß" – da dürfe er sowas. Als es nach knapp drei Jahren ruhiger um den aktiven Mitbewohner wurde und er schließlich verstarb, war die Trauer zwar groß. Ihn zu vergessen ist dennoch unmöglich: Noch heute entdecken wir in verstaubten Ecken Körnervorräte. Sollten sich das Coronavirus auch in Bayern weiter ausbreiten – zumindest wir brauchen keine Hamsterkäufe mehr zu tätigen.

OTon:

Wir sind junge Mitarbeiter der Oberpfalz-Medien. In unserer Kolumne „OTon“ schreiben wir einmal in der Woche über das, was uns im Alltag begegnet – was wir gut finden, aber auch, was uns ärgert. Dabei geht es weniger um fundierte Fakten, wie wir sie tagtäglich für unsere Leser aufbereiten, sondern um unsere ganz persönlichen Geschichten, Erlebnisse und Meinungen. Wir wollen zeigen, dass nicht nur in Hamburg, Berlin oder München Dinge passieren, die uns junge Menschen bewegen.

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