26.04.2019 - 12:28 Uhr
OTon

Warum ich bei Grün stehen blieb

Eine Szene, wie sie deutscher nicht sein kann: Eine Frau geht vor mir, sie trägt graue Dauerwelle und gesteppte Daunenjacke. Links von ihr eine Litfaßsäule, rechts eine Hecke, die einen Parkplatz umsäumt, daneben ein oranger Mülleimer.

Symbolbild.
von Beate-Josefine Luber Kontakt Profil

Die Frau bleibt an einer Ampel stehen, sie hat Rot, die Autos fahren los. Ich vergesse kurz zu atmen und denke das, was ich immer denke, wenn etwas so von Normalität strotzt: "Komisch irgendwie." Nicht sehr tiefsinnig, aber immerhin liegt in solch einer Erkenntnis die gesamte Soziologie begründet.

Ich staune, wie alles einfach so funktioniert, wie jeder Mensch seine Rolle kennt, und genau weiß, was er tun soll. Dabei wundere ich mich, dass nur so wenige Leute durchdrehen. Dass die meisten einen Kompass in sich tragen, dessen Nadel auf das richtige Verhalten kalibriert ist. So zu leben gibt Sicherheit. Es ist auch entspannend, sich nicht ständig damit zu befassen, was richtig und falsch ist. Es macht zufrieden.

Ich habe die Frau eingeholt. Ganz nah stehe ich hinter ihr und meine Gedanken verlieren sich im zartrosa Steppmuster ihrer Jacke. Und ich stelle mir die Frage, die ich mir immer stelle, wenn ich über Zufriedenheit nachdenke: "Willst du geborgen sein oder frei?"

Chaos ist das, was wir am meisten fürchten. Das Leben fällt auseinander, es verliert an Struktur. Wir versuchen es zu fassen und zusammen zu halten. Und dann realisieren wir, dass es nichts zum Zusammenhalten gibt. Dass das Leben mit der Geburt anfängt und aufhört mit dem Tod. Und dazwischen entscheidet sich alles und ist zugleich vollkommen egal.

Die Ampel wird grün. Die Frau geht weiter. Ich bleibe stehen.

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