25.07.2019 - 10:30 Uhr
OTon

"Nein, kein Basketball!"

Als Mann groß gewachsen zu sein, ist toll. Das hört Tobias Gräf oft. Im Alltag jedoch stoßt er sich mit seinen 1,97 Meter sinnbildlich häufig den Kopf: Nicht nur die immer gleichen Sprüche sind ausgereizt, auch der "Taubengang" nervt.

Größe ist relativ. Vor den Alpenspitzen des Berner Oberlandes erscheint unser Autor nicht mehr ganz so groß wie im Alltagsleben.
von Tobias GräfProfil

Überdurchschnittlich groß zu sein, bringt Nachteile mit sich. Das erlebte ich bereits als Grundschüler, wenn ich von meiner Mutter mal wieder in viel zu schnell zu kurz gewordene Hosen gesteckt wurde – und die Mitschüler das entsprechend hämisch kommentierten. Diese Zeiten sind zwar vorbei, aber gut gemeinte Sprüche à la "du spielst sicher Basketball" oder sogar neidvolle Kommentare wie "bei Konzerten hast du auch in der letzten Reihe beste Aussicht", werden mir wohl immer begegnen.

Was keiner bedenkt: 1,97 Meter – wohlgemerkt ohne Schuhe – können auch für Männer ganz schön störend sein. Mehrstündige Flugreisen in der Economy-Klasse ohne Beinthrombose? Fehlanzeige. Bei der Onlinebuchung achte ich wegen der größeren Beinfreiheit darauf, am Notausgang zu sitzen. Das gleiche gilt für Bus- und Zugfahrten: Ich sitze niemals am Fenster. Auf die bessere Aussicht verzichte ich gerne, um meine langen Beine in den Gang strecken zu können.

Und ja, gelegentlich beschert mir meine Körpergröße tatsächlich einen besseren Überblick, was ich auch zu schätzen weiß. Nur überwiegen leider die Momente, in denen ich oftmals gar nicht gesehen werden will. Jeder entdeckt mich auch im größten Gedränge. Unauffälliges Abtauchen, wenn ich eine unliebsame Person entdecke? Unmöglich.

Einen aus gesundheitlicher Sicht bedenklichen Aspekt erhalten meine (zum Glück) knapp verfehlten zwei Meter übrigens bei Türstöcken. Die meisten handelsüblichen Türrahmen sind nur drei Zentimeter größer als ich. Funktioniert also in der Theorie reibungslos. In der Praxis jedoch wippt der Mensch beim Gehen auf und ab. Ist das Timing schlecht, renne ich mit der Stirn an den Türstock. Mein Timing ist leider oft schlecht. Als großer Mensch – ich hab´ das bei anderen ebenfalls schon beobachtet – entwickelt man deshalb präventiv den "Taubengang". Hochgewachsene ziehen instinktiv kurz vor niedrigen Türen den Kopf ein. Kopf rein, Kopf raus – wie Tauben beim flanieren über den Asphalt.

Wer denkt, dass zumindest im eigenen Auto die Größe kein Problem ist, täuscht sich: Wenn ich am Steuer sitze, ist der Sitz so weit zurückgefahren, dass hinter mir eigentlich nur noch magersüchtige Kleinkinder Platz nehmen können.

Ist das jetzt – Achtung: Wortspiel – jammern auf hohem Niveau? Womöglich ja. Denn trotz der Beschwerden bin ich mit meiner Größe eigentlich ganz zufrieden. Und genieße die Aussicht von oben herab. Mein bester Freund beispielsweise ist 1,73 "groß". 24 Zentimeter weniger. Ein netter Kerl, für mich aber fast ein Zwerg. Auch wieder nichts.

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OTon

Wir sind junge Mitarbeiter der Oberpfalz-Medien. In unserer Kolumne „OTon“ schreiben wir einmal in der Woche über das, was uns im Alltag begegnet – was wir gut finden, aber auch, was uns ärgert. Dabei geht es weniger um fundierte Fakten, wie wir sie tagtäglich für unsere Leser aufbereiten, sondern um unsere ganz persönlichen Geschichten, Erlebnisse und Meinungen. Wir wollen zeigen, dass nicht nur in Hamburg, Berlin oder München Dinge passieren, die uns junge Menschen bewegen.

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