02.04.2020 - 12:06 Uhr
OTon

Leben in Quarantäne: Grauer Brei voll Weisheiten

Sie hat alles versucht, doch das Leben und Arbeiten von daheim aus belastet Redakteurin Beate Luber. Ein sicheres Zeichen dafür: Sie zitiert Lebensweisheiten.

Blick aus dem Fenster der Redakteurin, das ihr während der Ausgangsbeschränkung allzu oft Anlass bietet, um über überflüssige Lebensweisheiten nachzudenken.
von Beate-Josefine Luber Kontakt Profil

Es ist Dienstagvormittag. Ich liege im Bett, starre aus dem Fenster und studiere mit offenem Mund die stacheligen Umrisse des Tannenwalds in der Ferne. Mit anderen Worten: Es ist Ausgangsbeschränkung in Bayern, das heißt daheim arbeiten, essen, leben.

Ich stelle mir die Tausenden einzelnen Tannennadeln vor, die an den Ästen hängen und die Ästen an den Bäumen und diese ergeben das kompakte Bild eines Waldes. "Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile", sage ich vor mich hin, und erschrecke.

Oh nein, es ist wieder soweit. Ich zitiere alltagsphilosophische Lebensweisheiten. Diese Art von Sprüchen, die meist auf Yogawebseiten stehen oder unter dem Profilbild von Leuten, die Geistheilungen anbieten und ihr Wasser mit Kristallen aktivieren. "Alles fließt", steht dann dort - "Panta rhei", wenn sie richtig angeben wollen. Oder: "Der wichtigste Augenblick ist immer die Gegenwart." Wenn ich solche Gedanken habe, ist das ein sicheres Zeichen dafür, dass mir langweilig ist und ich deprimiert werde.

Dabei habe ich doch alles versucht: Früh aufstehen, regelmäßig essen, Sport machen. Aber es hilft nichts. Die Tage in Quarantäne fließen ineinander in einen grauen schmierigen Brei, der fad schmeckt und gammlig riecht. Mein Gehirn fühlt sich so schlabbrig an wie die Jogginghose, die ich schon den zweiten Tag trage. Oder ist es der dritte?

Das einzige, was meinen Puls noch nach oben bringt, ist ein Hypochondrie-Anfall. Beim Berühren der Milchpackung im Supermarkt und anschließendem Kratzen am Ohr könnte ich mich doch angesteckt haben, oder beim Landen einer Fliege auf meinem Mundwinkel. Während ich immer noch im Bette liege und aberwitzige Infektionsketten konstruiere, tröste ich mich: "Den Kopf in den Sand zu stecken, verbessert die Aussicht nicht." Oh nein, es hört nicht auf!

OTon:

Wir sind junge Mitarbeiter der Oberpfalz-Medien. In unserer Kolumne „OTon“ schreiben wir einmal in der Woche über das, was uns im Alltag begegnet – was wir gut finden, aber auch, was uns ärgert. Dabei geht es weniger um fundierte Fakten, wie wir sie tagtäglich für unsere Leser aufbereiten, sondern um unsere ganz persönlichen Geschichten, Erlebnisse und Meinungen. Alle Teile dieser Kolumne sind zu finden unter onetz.de/oton.

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