16.08.2018 - 18:33 Uhr
OTon

Wenn die Luft wegbleibt

Manche Nachrichten rauben den Atem. Im Fall unserer Autorin ist es die Ablehnung von Junaids Asylantrag. Der junge Mann ist zum festen Bestandteil ihrer Theatergruppe geworden - sie kann nicht verstehen, wieso er abgeschoben werden soll.

Junaid (rechts) als Pirat Smee nach der Premiere von "Peter Pan".
von Maria Oberleitner Kontakt Profil

Es geschieht meist in Momenten, in denen ich ganz unbedarft bin. Mit einem Eis in der Hand im Park, in freudiger Erwartung am Flughafen oder – wie diesmal – im Urlaub an der lettischen Ostsee, die Zehen vergraben im Sand. Ich bekomme Nachrichten, die mich umwerfen, mir den Boden unter den Füßen wegziehen. Ich blicke auf den Bildschirm meines Telefons, zwei, drei, vier mal. Und ich kann es nicht glauben. „Junaid soll abgeschoben werden“ steht da. Fast vergesse ich zu atmen. Das kann doch nicht wahr sein.

Doch das ist es leider. Junaid hat es schwarz auf weiß. Langsam spüre ich, wie Wut in mir aufsteigt. Er ist zuvorkommend, freundlich, hilfsbereit. Er hat vergangenen Winter so viel Text gepaukt, dass er für unser Theater als Pirat Smee auf Oberpfälzer Bühnen brillierte. Hinter der Bühne passte er nicht nur auf den Nachwuchs auf, er flickte Kostüme, schleppte Tische, lachte, fieberte und bangte mit uns. Er ist zum festen Teil unseres Ensembles, unseres Freundes- und Bekanntenkreises, unseres Lebens geworden. Und nun soll dieser Brief das alles zerstören?

Bis ich Junaid kennenlernte, war das Thema Flucht für mich hauptsächlich ein politisches, ein moralisches. Wer um sein Leben fürchten muss, dem soll man Schutz gewähren – davon bin ich nach wie vor überzeugt. Junaid gab diesem Thema für mich ein Gesicht, eine dritte und vierte Ebene. Auf einmal ging es nicht mehr um Zahlen, Fakten und Meinungen – es ging um ihn. Um Gerechtigkeit. Und um seine Geschichten. Geschichten von seiner Flucht aus Pakistan vor drei Jahren. Geschichten von den zwei Wochen, die er in einem bulgarischen Gefängnis verbrachte. Geschichten von den Taliban, denen er ein Dorn im Auge ist, weil er eine Hilfsorganisation unterstütze, die sich für die Polio-Vorsorge einsetzt. Und weil die Taliban davon ausgehen, dass er für die Amerikaner arbeitet, so erzählt er, passen sie manchmal seine Schwestern ab und fragen nach ihm – auch heute noch.

Junaid wohnt inzwischen in Nabburg und möchte Altenpfleger werden. Etwas zurückgeben, sich um Menschen kümmern. Er liebt Deutschland. Die Oberpfalz sieht er als sein neues Zuhause. Vor allem auch deshalb, weil er hier leben kann, ohne bedroht zu werden. Weil er hier Freunde gefunden hat. Dass er Deutschland nun verlassen soll, ist nicht nur unfair, unlogisch und unfassbar. Vor allem fühlt es sich unglaublich falsch an. Denn: Wenn er nicht bleiben dürfen soll – wer dann?

Info:

Wir sind junge Mitarbeiter der Oberpfalz-Medien. In unserer Kolumne „OTon“ schreiben wir einmal in der Woche über das, was uns im Alltag begegnet – was wir gut finden, aber auch, was uns ärgert. Dabei geht es weniger um fundierte Fakten, wie wir sie tagtäglich für unsere Leser aufbereiten, sondern um unsere ganz persönlichen Geschichten, Erlebnisse und Meinungen. Wir wollen zeigen, dass nicht nur in Hamburg, Berlin oder München Dinge passieren, die uns junge Menschen bewegen. Alle Teile dieser Kolumne sind zu finden unter onetz.de/oton.

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