11.10.2018 - 19:02 Uhr
OTon

Mayonnaise gehört nicht in den Briefkasten

Manche Nachbarn wollen keine Rücksicht nehmen. Irgendwann fanden wir eine Methode, das Problem zwar nicht zu lösen, aber es für uns erträglich zu machen. Mit Löffel und Fleischsalat schlichen wir nachts in Erdgeschoss zu den Briefkästen ...

Fleischsalat in den Briefkasten? Jeder, der das schon einmal gemacht hat sollte wissen - moralisch okay ist das nicht.
von Wolfgang Fuchs Kontakt Profil

Als wir uns in Socken die knarzenden Holzstufen hinabtasteten, war das Treppenhaus dunkel. Vor den Briefkästen im Erdgeschoss waren wir schnell an unserem Ziel angekommen. Mit pochenden Herzen lauschten mein Mitbewohner und ich mit angehaltenem Atem. Nein, nichts zu hören. In der einen Hand hielt ich einen großen Löffel, in der anderen einen halben Liter Fleischsalat. Wir sahen uns an. Moralisch vertretbar ist das nicht, darin waren wir uns einig. Doch dann schob einer den Briefkastenschlitz auf, der andere ...

In der Wohnung über uns wohnte ein Pärchen: Möbel donnerten und schepperten nachts über das Parkett – auf Skateboards rumpelten die beiden über den Holzboden – morgens ab acht dröhnte der Bass, auf schweren Fersen trampelten sie über unseren Köpfen. So ging das schon seit mehreren Jahren. Wer mit anderen gemeinsam in einem Haus wohnt, sollte eigentlich rücksichtsvoll sein, finde ich.

Verständnisvoll war ich schon lange nicht mehr. Leben und leben lassen, ja unbedingt! Aber auch auf Kosten anderer? Menschen müssen miteinander sprechen, dachte ich mir. Also ging ich zum wiederholten Male nach oben und klingelte, nervös und mit schwitzigen Händen, an ihrer Wohnungstüre: Der Typ öffnete. Stand da, musterte mich von Kopf bis Fuß, sagte nichts. Ich grüßte, bat ihn darum, leiser zu sein. Erklärte ihm die Situation: Die Wände und Decken seien hellhörig, wir könnten nicht schlafen, hörten jedes ihrer Worte ... Mein Nachbar grinste. Dann lachte er und versprach, in Zukunft rücksichtsvoller zu sein. Es sei gut, dass ich ihn angesprochen habe: Man müsse eben miteinander reden, bestätigte er mich. Erleichtert ging ich zurück in unsere Wohnung und freute mich über den soeben errungenen zwischenmenschlichen Erfolg. Peng! Eine Tür knallte. Dann lautes Lachen. Über mich? Und plötzlich ging mit einem „Rummms!“ die Musik an. Was nun?

In diesem Augenblick fiel uns der Fleischsalat ein, der seit Wochen vergessen im Kühlschrank vor sich hin waberte. Nein, moralisch vertretbar ist das nicht. Es überkam uns aber. Ich packte die Salatbox, den Löffel, und dann machten wir uns auch schon auf den Weg ...

Ein Freund hat mich später einmal gefragt, ob uns diese Aktion etwas gebracht, sich dadurch irgendetwas geändert habe. Ganz klar, ja! Gut, die Nachbarn blieben laut wie eh und je. Wir haben uns am nächsten Morgen auch nicht auf die Lauer gelegt, um deren Reaktion beim Entleeren des Briefkastens mitzuerleben – schließlich war das, was wir getan hatten, nicht erlaubt - aber unsere Schadenfreude an diesem Abend bleibt für die Ewigkeit. Und die Moral von der Geschicht‘? Essen, das man nicht isst, kauft man nicht.

OTON:

Wir sind junge Mitarbeiter der Oberpfalz-Medien. In unserer Kolumne „OTon“ schreiben wir einmal in der Woche über das, was uns im Alltag begegnet – was wir gut finden, aber auch, was uns ärgert. Dabei geht es weniger um fundierte Fakten, wie wir sie tagtäglich für unsere Leser aufbereiten, sondern um unsere ganz persönlichen Geschichten, Erlebnisse und Meinungen. Wir wollen zeigen, dass nicht nur in Hamburg, Berlin oder München Dinge passieren, die uns junge Menschen bewegen. Alle Teile dieser Kolumne sind zu finden unter onetz.de/oton.

Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

Nachrichten per WhatsApp und Facebook Messenger

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.