Es gibt sie manchmal, diese Momente im Leben, die einen noch länger beschäftigen. Es sind diese Momente, in denen einem gefühlt das Herz stehen bleibt. Genau so einen Moment verspürte ich am 9. November 2025. Es war die 86. Spielminute und es schien alles perfekt. Der SSV Jahn hatte soeben das 4:0 erzielt. Im bayerischen Drittliga-Derby deklassierten sie den TSV 1860 München. Die Fans auf der Hans-Jakob-Tribüne jubelten ausgelassen. Ich natürlich auch. Doch dann sah ich ihn: meinen Finger. Aber mich schockte eher, was ich nicht sah: meinen Ehering. Er war weg. Einzig die immer noch sehr frische Eindruckstelle an meinem Finger deutete darauf hin, dass der Moment nicht so lange her sein kann. Der Moment, als der Ring von meiner Hand rutschte und in den Jubeltrauben der Jahn-Fans unterging.
Abpfiff. Noch als sich die Spieler des SSV Jahn Regensburg vor der Heimtribüne völlig zurecht feiern ließen, suchten meine Kumpels und ich schon den Boden ab. Stufe für Stufe. Stehplatz für Stehplatz. Und auch als die meisten Anhänger irgendwann verschwunden waren, und das Stadion wie leergefegt wirkte, war für uns dieses Spiel noch nicht vorbei. Ich war mir sicher: Der Ring musste irgendwo auf dem Boden der Tribüne liegen. Denn: In der Halbzeitpause hatte ich ihn noch am Finger. Das wusste ich auch – zu 100 Prozent.
Die Minuten vergingen, und meine Hoffnung schwand. Ich hatte schon von Berichten anderer gehört. Von den Fingern, die sich bei kalten Temperaturen in den Wintermonaten zusammenziehen, so dass Ringe deutlich leichter rutschen können, als man denkt. Doch ich hatte natürlich nie damit gerechnet, dass mir das vielleicht auch mal passieren könnte. Es ist passiert. Warum musste der Jahn auch so gut spielen an diesem Tag? Denn wenn ich nicht gejubelt hätte, dann wäre er vielleicht noch da. Nein, stopp. So denkt kein echter Fan. Das habe schon ich verbockt, und nicht der SSV.
Also suchten wir weiter. Stufe für Stufe. Stehplatz für Stehplatz. Ein Ordner kommt plötzlich hinzu und will von einem meiner Kumpels wissen: "Was sucht ihr denn eigentlich?" Mein Kumpel: "Einen Ehering." Und der Ordner? Der öffnet seine Hand und fragt verschmitzt: "Wollt ihr vielleicht den?" Ich sehe sofort, dass das mein Ehering ist.
Und da ist er wieder, dieser Moment, den man nicht mehr vergisst. Mir blieb gefühlt ein zweites Mal das Herz stehen. Dieses Mal aber aus Erleichterung. Ich umarme den Ordner, der mir dann erklärt, dass ein älterer Herr den Ring auf dem Boden gefunden habe und dann bei ihm abgegeben hat. "So viel Glück kann keiner haben", sagt der Ordner dann noch und schüttelt lachend den Kopf. In 100 Fällen gebe es bestimmt in 99 Fällen kein Happy-End, ist er sich sicher. Super selten sei das. Und am Ende passt das doch irgendwie zu diesem verrückten Spiel im Jahnstadion. Denn, dass die Regensburger gegen die Löwen mit 4:0 gewinnen? Super selten.
OTon
Wir sind junge Mitarbeiter von Oberpfalz-Medien. In unserer Kolumne "OTon" schreiben wir einmal in der Woche über das, was uns im Alltag begegnet – was wir gut finden, aber auch, was uns ärgert. Dabei geht es weniger um fundierte Fakten, wie wir sie tagtäglich für unsere Leser aufbereiten, sondern um unsere ganz persönlichen Geschichten, Erlebnisse und Meinungen. Wir wollen zeigen, dass nicht nur in Hamburg, Berlin oder München Dinge passieren, die uns junge Menschen bewegen.



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