18.10.2018 - 17:00 Uhr
OTon

Wähler quälen

Vor fast einer Woche haben die Bayern gewählt. Mir ist nicht nur das Ergebnis in Erinnerung geblieben, sondern auch die Menschen, die mir vor dem Wahllokal begegnet sind.

von Wolfgang Ruppert Kontakt Profil

Am Wahlsonntag treffe ich mich mit meinen Teampartnerinnen Meike und Leonie. Unsere Mission: Eine „Exit Poll“ durchführen. Zu Deutsch: Wir machen eine Nachbefragung zur Landtagswahl. Früh morgens machen wir uns daran, eine alte, irgendwie muffige Urne vor unserem per Zufall ausgewählten Wahllokal zu positionieren. Wir sind ein wenig unsicher. Wie werden die Leute reagieren? Werden sie verstehen, dass wir ihnen nicht an die Daten wollen, sondern eine anonyme Befragung zu wissenschaftlichen Zwecken für die Uni Regensburg machen? „Das wird sicher eine richtig undankbare Aufgabe werden“, denke ich mir. Schließlich müssen wir von Anfang bis Ende dableiben und versuchen, so viele Wähler wie möglich zu überreden, einen Fragebogen auszufüllen, bei dem sie ein zweites Mal ihre Wahlentscheidung angeben. Ich schaue zu meinen Gruppenpartnerinnen, sie sind gut drauf, reißen Witze – das nimmt mir die Anspannung.

Der erste Wähler kommt um Punkt acht Uhr. Der Vormittag ist ein Erfolg, nur wenige gehen uns durch die Lappen.

Kurz vor der Mittagszeit wird es voll. Um die 30 Menschen stehen Schlange, es dauert lange, bis sie ihre Bürgerpflicht erfüllen können. „Das wird sich bestimmt negativ auf uns auswirken“, sind wir uns einig. Leonie versucht ihr Glück bei einem älteren Herrn, der ist sichtbar genervt von der Warterei. „So ein Schmarrn. Ich hab grad erst gewählt“, schnauzt er. Sie lässt sich aber nicht abwimmeln, was ihn zur wenig qualifizierten Frage drängt: „Steht da wohl der Adenauer auf eurem Zettel? Ich glaub nicht, den hätte ich gewählt, also lasst mich mit eurem Zeug in Ruhe!“ Er zieht wütend von dannen, ich sehe, wie Leonies Gesicht entgleist. Auch ich bin erst mal fassungslos, wie unfreundlich manche Menschen sein können. Die Bezeichnungen, die mir dann für ihn einfallen, sind nicht gerade wissenschaftlich und haben wohl auch in einer solchen Kolumne nichts verloren. Die Leute vor dem Wahllokal, die das mitbekommen haben, gucken beschämt zu Boden.

Etwas Gutes hat der Zwischenfall trotzdem: Alle Zeugen davon kommen nach der Wahl heraus, winken ab, als wir ihnen die Prozedur erklären wollen und füllen den Fragebogen sofort aus. „Das war ja eben so gemein, was der Mann da abgezogen hat“, meint eine Frau.

Es liegt wohl in der menschlichen Natur, negative Erfahrungen mehr in Erinnerung zu behalten als die positiven. Eigentlich weiß ich ja, dass wir großen Erfolg hatten. Viel wichtiger ist aber, dass wir auf so viele nette und hilfsbereite Menschen getroffen sind, die die unfreundlichen und verschlossenen um ein Vielfaches überstiegen haben.

OTon:

Wir sind junge Mitarbeiter der Oberpfalz-Medien. In unserer Kolumne „OTon“ schreiben wir einmal in der Woche über das, was uns im Alltag begegnet – was wir gut finden, aber auch, was uns ärgert. Dabei geht es weniger um fundierte Fakten, wie wir sie tagtäglich für unsere Leser aufbereiten, sondern um unsere ganz persönlichen Geschichten, Erlebnisse und Meinungen. Wir wollen zeigen, dass nicht nur in Hamburg, Berlin oder München Dinge passieren, die uns junge Menschen bewegen. Alle Teile dieser Kolumne sind zu finden unter onetz.de/oton.

Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.