Bei meiner Mutter im Pflegeheim wird viel gesungen. Volkslieder, alte Schlager, Sachen wie „Muss i denn, muss i denn zum Städtele hinaus“, „Hoch auf dem gelben Wagen“ oder Freddy Quinns „Schön war die Zeit“. Es ist erstaunlich: Selbst Menschen auf der Demenzstation, die den Großteil ihres Alltags vergessen haben, kennen noch die Texte „ihrer“ Lieder.
Und wenn ich sie da so singen sehe, dann frage ich mich manchmal: Was werde ich wohl irgendwann mal singen, wenn im Pflegeheim Singstunde auf dem Programm steht? Weil: „Muss i denn“ ist jetzt nicht der Hit meiner Generation. Und die eigentliche Frage ist wohl die: Haben wir überhaupt noch gemeinsame Hits? Ich zumindest höre ziemlich konsequent nur die Musik, die mir gefällt. Herrlich individuell. Für den Singkreis im Pflegeheim aber möglicherweise katastrophal.
Musik kann – gerade bei Menschen mit Demenz – eine erstaunliche Kraft entwickeln. Wissenschaftler haben herausgefunden, dass das Langzeit-Musikgedächtnis bei Alzheimer-Patienten im Vergleich zum Kurzzeitgedächtnis, dem autobiografischen Langzeitgedächtnis oder der Sprache auch bei fortschreitender Krankheit besser erhalten bleibt.
Auf Basis dieser Studien könnte man in Zukunft vielleicht verschiedene Genre-Gruppen anbieten. Montag: Pop. Dienstag: Punk und Alternative. Mittwoch: Metal. Donnerstag: Deutschrap. Freitag: Indie. Für Techno bräuchte man vermutlich ohnehin ein anderes Raumkonzept. Um dieses Angebot zu stemmen, müsste man vorher noch ein anderes Problem lösen – genug Pflegekräfte finden und sie vernünftig bezahlen. Vielleicht setzt sich also doch eher jemand mit der Gitarre zu uns. Oasis „Wonderwall“ könnte gut funktionieren. „I Want It That Way“ von den Backstreet Boys oder „Angels“ von Robbie Williams wahrscheinlich auch. Und wenn gar nichts mehr geht, grölen eben alle „I’m Blue, da ba dee da ba di“. Würdevoll altern hat uns schließlich niemand versprochen.
Immerhin: Spätestens im Dezember sitzen wir dann alle im Gemeinschaftsraum und singen „Last Christmas“. Das konnten wir zwar schon mit 20 nicht mehr hören, mitsingen können wir trotzdem alle.
Hintergrund
Wir sind junge Mitarbeiter von Oberpfalz-Medien. In unserer Kolumne "OTon" schreiben wir einmal in der Woche über das, was uns im Alltag begegnet – was wir gut finden, aber auch, was uns ärgert. Dabei geht es weniger um fundierte Fakten, wie wir sie tagtäglich für unsere Leser aufbereiten, sondern um unsere ganz persönlichen Geschichten, Erlebnisse und Meinungen. Wir wollen zeigen, dass nicht nur in Hamburg, Berlin oder München Dinge passieren, die uns junge Menschen bewegen.













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