27.09.2019 - 11:36 Uhr
OTon

Würdiger Ort für „Charlie Hebdo“

Die Zeitung "Charlie Hebdo" steckt bei Elisabeth Saller im Bücherregal. Ihre Freundin hat einen schöneren Aufbewahrungsort gefunden. Elisabeth will es ihr gleich tun, doch das ist gar nicht so einfach, wie sie in der OTon-Kolumne schreibt.

Das erste Heft der französischen Satirezeitschrift "Charlie Hebdo" nach dem Attentat auf ihre Redaktion im Januar 2015.
von Elisabeth Saller Kontakt Profil

Charlie schaut auf den Küchentisch meiner Freundin Sarah. Bei mir zu Hause fristet der traurige Charlie ein ebensolches Dasein: die begehrte erste Ausgabe von der französischen Satire-Zeitung „Charlie Hebdo“ nach dem Anschlag auf ihre Redaktion im Januar 2015. Sie steckt bei mir zu Hause im Bücherregal. Sarah hat einen schöneren Platz gefunden: Das grüne Cover mit einer Karikatur eines weinenden Mohammed und dem Satz „Alles ist verziehen“ – eine Woche nach dem Terrorakt mit elf Toten eine krasse Aussage – hängt eingerahmt in ihrer Küche.

Ich will es Sarah, die mir damals auch meine Ausgabe aus Paris mitgebracht hat, gleich tun. Doch das ist gar nicht so einfach. In den meisten Geschäften finde ich nur Rahmen, die viel zu klein sind oder nur knapp passen. Die Zeitung zu knicken kommt aber nicht infrage. In einem Billig-Laden werde ich endlich fündig: Dort gibt es einen Rahmen 40 mal 30 Zentimeter – passt perfekt. Zwar steckt hinter der Plastikscheibe ein Plakat mit einem Spruch auf blauen Grund, doch das kann man ja austauschen, denk ich mir. Ich kauf’ das Ding.

Daheim hole ich stolz „Charlie Hebdo“ aus dem Regal, reiße die Verpackung vom Rahmen und wundere mich, wie man die Holzplatte auf der Rückseite herausnimmt, um ein Bild hinters Glas zu legen. Ich zwänge meinen Fingernagel in den Ritz zwischen Rahmen und Platte und drücke diese heraus. Pling – der Rahmen ist oben links gebrochen, Millimeter lange Nägelchen ragen aus der Platte. Shit, das Teil war gar nicht dafür gedacht, das Bild hinter der Plastikscheibe auszuwechseln. Ich ärgere mich – 4 Euro Lehrgeld bezahlt –, schnaufe durch, überlege, ob das mit dem Rahmen überhaupt eine gute Idee war, denn das grüne Cover passt eigentlich gar nicht in meine eher rot-orange eingerichtete Wohnung. „Egal, ich zieh das jetzt durch“, sage ich mir. „Charlie Hebdo“ soll nicht weiter zwischen den Büchern vergilben. Damit die Zeitung im kaputten Rahmen bleibt, befestige ich die Rückplatte und die Bruchstelle mit Tesafilm. Bisher hält’s – und erinnert mich jeden Tag an eine wunderschöne Stadt und schreckliche Terrorattacken.

Eine Schwandorferin berichtet über die Tage nach dem Attentat in Paris

OTon:

Wir sind junge Mitarbeiter der Oberpfalz-Medien. In unserer Kolumne „OTon“ schreiben wir einmal in der Woche über das, was uns im Alltag begegnet – was wir gut finden, aber auch, was uns ärgert. Dabei geht es weniger um fundierte Fakten, wie wir sie tagtäglich für unsere Leser aufbereiten, sondern um unsere ganz persönlichen Geschichten, Erlebnisse und Meinungen. Wir wollen zeigen, dass nicht nur in Hamburg, Berlin oder München Dinge passieren, die uns junge Menschen bewegen.

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