07.11.2019 - 17:32 Uhr
OTon

Aus Zeit und Raum

In Büchern lesen ist, als gäbe es weder Raum noch Zeit. Im neuen OTon schreibt Wolfi Ruppert, warum es sich jedes Mal wie ein Abenteuer anfühlt, wenn er einen Buchdeckel aufschlägt.

Lesen ist für unseren Kollegen Wolfi Ruppert wie eine Reise ins Ungewisse.
von Wolfgang Ruppert Kontakt Profil

Es ist ein Kampf, den ich jeden Tag aufs neue ausfechte. Morgens liegt es vor mir, ich nehme mir vor, ganz entspannt ran zu gehen. Doch sobald ich eines meiner Bücher öffne, ist es da: Eine seltsames Gefühlschaos, das mich überkommt, gegen das ich nichts machen kann. Aufregung, Anspannung, Neugier und Zweifel an meinen eigenen geistigen Fähigkeiten. Werde ich verstehen, was mir der Autor sagen möchte? Wenn ja, was werde ich lernen, welche Schlüsse werde ich ziehen? Was, wenn ich zu einer neuen Erkenntnis komme, die mein Weltbild in seinen Grundfesten erschüttert?

So bedrückend die Situation sein mag, der Eifer erwächst aus dem Ungewissen. Also lege ich los, Buch auf, Kaffeemaschine an und auf geht die Reise, ein Ausflug in die Gedankenwelt eines Anderen.

Während ich über das Geschriebene nachdenke, verändert sich meine Wahrnehmung der Zeit. Absätze überfliege ich in Sekunden, einzelne Sätze hingegen beschäftigen mich Stunden, manchmal noch Tage. Tote Autoren werden durch ihre Worte im Geiste zu lebendigen Diskussionspartnern, mit denen ich Dispute austrage.

Ich frage mich, was sie wohl in dem Augenblick gedacht oder gefühlt haben, als sie diese Zeilen niedergeschrieben haben. Vor meinem inneren Auge entsteht ein Film, in dem große Schreiber aufeinander treffen, die sich so nie haben treffen können, weil ihre Lebensspannen in der Realität teils Jahrhunderte auseinanderlagen. Alles kommt mir so surreal vor. Raum und Zeit scheinen ihre Macht über mich zu verlieren.

Doch plötzlich werde ich unsanft aus dem Geschehen gerissen. Ein schrilles Geräusch. Ich blicke auf, sitze in meinem Wohnzimmer, bin wieder im Alltag angekommen. Was ich gehört habe, war die Klingel. Der Postbote steht der mit einem Paket vor der Tür. Roboterartig gehe ich in den Flur und nehme die Lieferung an. Dabei frage ich mich: Wie wird es morgen sein, dann wenn ich wieder abtauche in eine andere Welt.

OTon::

Wir sind junge Mitarbeiter der Oberpfalz-Medien. In unserer Kolumne „OTon“ schreiben wir einmal in der Woche über das, was uns im Alltag begegnet – was wir gut finden, aber auch, was uns ärgert. Dabei geht es weniger um fundierte Fakten, wie wir sie tagtäglich für unsere Leser aufbereiten, sondern um unsere ganz persönlichen Geschichten, Erlebnisse und Meinungen. Wir wollen zeigen, dass nicht nur in Hamburg, Berlin oder München Dinge passieren, die uns junge Menschen bewegen.

Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

Für Sie empfohlen

 

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.