12.01.2018 - 20:10 Uhr
TirschenreuthOberpfalz

Kemnather Lehrer auf Bildungsreise in Indien Krasse Gegensätze in allen Facetten

Der Kreisverband Kemnath des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV) geht einmal im Jahr große auf Bildungstour. Landrat Wolfgang Lippert, der früher selbst Lehrer war, organisiert diese Trips. Dabei steht er diesmal vor Fragen, ob Elefanten oder Jeeps das richtige Fortbewegungs- mittel sind.

Die Reisegruppe des BLLV-Kreisverbandes Kemnath vor der Festung Amber bei Jaipur.
von Norbert Grüner Kontakt Profil

Diesmal war das Ziel Indien, genauer gesagt der Großraum Delhi. Wolfgang Lippert, der bei der Organisation von einem Reisebüro unterstützt wird, hat Tagebuch über das Abenteuer geführt und schilderte uns seine Eindrücke. Nach der Ankunft am Internationalen Flughafen Indira Gandhi in Delhi hatte die Reisegruppe noch 300 Kilometer zurücklegen, um den Ausgangspunkt zu erreichen. Es dauerte acht Stunden, bis der Bus Mandawa, im Fürstenstaat Rajasthan erreicht hatte. "Eine Fahrt bei der wir in eine ganz andere Zivilisation eintauchten", sagt Lippert. "Linksverkehr, der sich wie durch ein Wunder nicht durch Schilder, sondern permanentes Hupen scheinbar von selbst regelt. Künstlich angelegte Bodenwellen sorgen für Geschwindigkeitsreduzierungen, was die Fahrer von völlig heruntergekommenen Bussen, die vor Menschen überquellen, nicht vor riskanten Überholmanöver abschreckt."

Lippert: "Total überladene Lastwagen und landwirtschaftliche Gespanne, gezogen von Traktoren oder Kamelen, gehören dort zum normalen Straßenbild. Dazwischen bewegen sich völlig ungeniert ,heilige' Kühe, wenn sie nicht gerade auf den zahlreichen Müllkippen entlang der Straßen ,grasen'. "Links und rechts der Straßen reihen sich viele Kleinstgeschäfte aneinander, alles erscheint schmuddelig und staubig. Die Armut ist förmlich spürbar. Frauen in bunten Saris dazwischen sind erfreuliche Farbtupfer."

Als der erste "Kulturschock" überwunden war, besichtigte die Reisegruppe Mandawa, wo farbenprächtige Freskenmalereien der ehemaligen Paläste und Privathäuser der damaligen Kaufleute die Bedeutung des wichtigen Handelszentrums an der Seidenstraße im 18. und 19. Jahrhundert erahnen ließen.

Rosarote Stadt

Jaipur, die rosarote Stadt, war das nächste Ziel. Rötliche Bemalung der Stadtmauer und Fassaden, wie die des Palastes der Winde, machten die Stadt zu einer der farbenprächtigsten Indiens. In Marmorweiß präsentiere sich dazu im Gegensatz eindrucksvoll ein modernerer Hindutempel. "Der Reiseführer, der zugleich Hindupriester ist, war hier besonders in seinem Element und erzählte von der Aufgeschlossenheit seiner Religion", erinnert sich Lippert.

Höhepunkt sei die Besichtigung der gigantischen, im 16. Jahrhundert erbauten Festung Amber mit Pavillons, Tempel, prachtvoller Audienzhalle und vielen außergewöhnlichen Bauten gewesen. "Schon die Auffahrt mit Jeeps sei ein unvergessliches Erlebnis . Alternativ hätte man auch die Beförderung auf dem Rücken eines Elefanten wählen können. Die Gruppe besichtigte die mit 27 Metern Höhe größte Sonnenuhr der Welt, die auf zwei Sekunden genau geht und unternahm eine Rikschafahrt. "In der Rikscha auf einer Kreuzung in der Stadt unter hupenden, heranbrausenden Autos, Lkws und Tuk Tuks (Autorikschas) zu sitzen, ist unbeschreiblich", sagt Wolfgang Lippert.

Weder Tafel noch Bänke

Beschaulicher die Situation in Kalakho. Dort war die Gruppe in einem Hotel untergebracht. Dessen Besitzer betreibt eine Landwirtschaft, erzeugt alles biologisch und verwendet die Produkte für die eigene Hotelküche. Mit einem Oldtimertraktor, von Hand angekurbelt, fuhren die Reiseteilnehmer zu einer "Grundschule". Herzlich seien sie mit Gesängen von Kindern in Schuluniformen begrüßt worden. Die bescheidenen Klassenzimmer seien spartanisch ausgestattet: ein paar Wandkarten, keine Bänke, keine Stühle, keine Tafel. Spontan zückten die Reisenden ihre Portemonnaies und spendeten.

In einem Dorf in der Nähe wurde die Gruppe von Bewohnern zum Tee eingeladen. Auch hier schien die Zeit stehen geblieben zu sein. Das Leben spielt sich zum Teil in Lehmhütten ab, getrocknete Kuhfladen dienen als Heizmittel. Die Landwirtschaft erledigen in der Regel die Frauen während die Männer mit ihren Mopeds zur Arbeit in die Stadt fahren.

Auf dem Weg nach Agra besuchten die Lehrer den Keoladeo-Nationalpark, in dem 230 Vogelarten beheimatet sind. Mit der Rikscha ging es durch den Park der durch pure Idylle, Ruhe und schier unendliche Weite besticht. Besichtigt wurde auch die verlassene Kaiserstadt Fatehpur Sikri, die als Unesco Weltkulturerbe ausgezeichnet ist. Die Anlage beeindruckte vor allem durch Größe und ein 53 Meter hohes Siegestor. Der im 16. Jahrhundert errichtete Palast wurde bald wegen Wassermangels wieder aufgegeben. Das Rote Fort und das weltberühmte Taj Mahal in Agra waren am Ende der Reise noch einmal echte Höhepunkte.

Rotes Fort

Das Rote Fort stammt aus der Epoche der Mogulkaiser (16. und 17. Jahrhundert) und ist von einer 2,4 Kilometer langen Mauer aus Ziegelstein und Sandplatten umgeben. Im Inneren befinden sich repräsentative Palastbauten, Moscheen und Gärten. Einige Paläste sind mit weißem Marmor verkleidet und mit wunderschönen Stein- oder Glasintarsien geschmückt.

Um das Taj Mahal, das "Grabmal der Liebe", noch vor dem Frühstück zu besuchen, hieß es zeitig aufstehen. Trotzdem dauerte es fast zwei Stunden, bis endlich alle die Sicherheitsschleusen - selbst Kaugummi war abzugeben - passiert hatten. Dann lag es vor der Reisegruppe, noch sanft in Morgendunst gehüllt, das Wahrzeichen der Nation, das Taj Mahal. 20 000 Arbeiter und bis zu 1000 Elefanten sollen im 17. Jahrhundert am Bau dieses Mausoleums beteiligt gewesen sein. Es gilt als eines der vollkommensten Bauwerke der Menschheit, welches der Großmogul Shah Jahan für seine geliebte Frau Mumtaz Mahal, die bei der Geburt des 14. Kindes starb, errichten ließ.

Anschließend ging es zurück nach Delhi. "Eine Stadtrundfahrt ließ die krassen Gegensätze, die uns auf der ganzen Fahrt begleiteten, noch einmal aufleben. Einerseits das moderne Delhi mit prachtvollen, großzügigen Parlamentsgebäuden im Regierungsviertel, das stattliche India Gate, ein 42 Meter hoher Triumphbogen in Erinnerung an die gefallenen Soldaten des Ersten Weltkriegs, und auf der anderen Seite diese unvorstellbare Armut, dieses Kabelgewirr, dieser Dreck, dieses totale Chaos in der Altstadt", erklärt Lippert.

Enorme Anstrengungen

Die Reise habe bleibende Eindrücke hinterlassen und die Erkenntnis, dass es enormer Anstrengungen Indiens bedürfe, um die Infrastruktur für seine 1,32 Milliarden Menschen zu verbessern. Immer noch seien an die 40 Prozent der Inder Analphabeten und alle auf sich selbst gestellt.

In der Rikscha auf einer Kreuzung in der Stadt unter hupenden, heranbrausenden Autos, Lkws und Tuk Tuks zu sitzen, ist unbeschreiblich.Landrat Wolfgang Lippert

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