14.01.2018 - 17:02 Uhr
TirschenreuthOberpfalz

Klinik für Endoprothetik und spezielle Chirurgie setzt auf 3D-Druck Hüften wie gedruckt

Für "Wetten dass..?" wäre Professor Rudolf Ascherl der perfekte Kandidat. Er unterscheidet zweifelsfrei seine Patienten am Kunststoffmodell ihres Beckens.

Dr. Kai Wolfram, Professor Ascherl und Carolin Stöckl lesen Erstaunliches in einem Hüftmodell. Bilder: tr (4)
von Norbert Grüner Kontakt Profil

Er operierte während seiner Karriere schon im Münchner Klinikum rechts der Isar und an der Medizinischen Universität zu Lübeck. Seit 2014 agiert der Spezialist für Endoprothetik am Krankenhaus Tirschenreuth und sagt: "Wir sind hier auf Augenhöhe mit diesen ganz großen Häusern." Seit Jahrzehnten ist der Mediziner nicht nur erfolgreich, sondern stets auch offen für neue Technologien. In Tirschenreuth setzen er und sein Team auf Hüftmodelle und Gelenke aus dem 3-D-Drucker.

Mit die Größten weltweit

"Es gibt nur wenig Kliniken auf der Welt, die mehr Becken-Teilersatz-Operationen durchführen als wir in Tirschenreuth", sagt Ascherl. Teile aus dem 3-D-Drucker gehörten längst zum Klinikalltag. "Ein handelsübliches Gerät aus dem Elektrofachmarkt reicht theoretisch aus, um damit im Bereich Endoprothetik zu arbeiten", erklärt Oberarzt Dr. Kai Wolfram aus dem Team Ascherl. Der Unfallchirurg und Orthopäde ist auch Maschinenbauingenieur, "eine äußerst hilfreiche Kombination speziell bei dieser Technik", so sein Chef.

Individuelle Prothesen

Ascherl beschäftigt sich seit 2007 mit dem 3-D-Druck in der Medizin. Mit einem großen Erfahrungsschatz kam er vor gut drei Jahren ans Krankenhaus seiner Heimatstadt und arbeitet kontinuierlich daran weiter. 3-D-Druck werde in der Hauptsache bei komplizierten Krankheitsbildern eingesetzt. Bei vielen Menschen mit immensen Hüftschädigungen stellten Prothesen von der Stange keine Option mehr dar. Zur Fertigung individueller Prothesen sei der 3-D-Druck das probate Mittel. Als erstes werde ein Modell der geschädigten Hüfte aus Nylonmaterial gefertigt. Daran sei genau zu erkennen, wie die perfekt sitzende Prothese aussehen müsse. Sie lasse sich am Modell ziemlich präzise anfertigen, zuerst aus Kunststoff und wenn alles passe aus Titan. Auch dieses nach Aussage von Rudolf Ascherl perfekte Material für eine Prothese wird gedruckt. Alternativ dazu wäre ein Guss. Auch damit werde im Krankenhaus Tirschenreuth gearbeitet. Das machten vor allem amerikanische Unternehmen. Das, mit dem Ascherl zusammenarbeitet, sitzt in Winterthur in der Schweiz. Eine Firma, die auch bei der Prothesenfertigung auf 3-D-Druck setzt, ist in Ahrensburg in Schleswig-Holstein ansässig. "Seit unter Schutzgasatmosphäre gedruckt wird, ist das Ergebnis von den mechanischen Eigenschaften her fast wie ein Guss", erklärt Kai Wolfram.

Auf Zehntelmillimeter

Um ein Modell einer Hüfte im Körper erstellen zu können, brauche es zuerst ein Computertomogramm. Dabei werden auf dem Röntgenbild Schnitte von 3 Millimetern Abstand dargestellt und dann am Rechner wieder dreidimensional zusammengesetzt. So lasse sich eine Hüfte auf einen Zehntelmillimeter genau darstellen. Trotz dieser hohen Genauigkeit gestalte sich der Einbau des Implantates äußerst diffizil, erklären die Experten. Im Bereich des Beckens lägen unter anderem große Blutgefäße, Blase, Därme und die Gebärmutter. "Man muss sehr gut aufpassen, dass da nichts verletzt wird." Je nach Schwere der Schädigung dauere eine OP zwischen zwei und acht Stunden. Im Schnitt werden am Tirschenreuther Haus vier am Tag erledigt.

Ein individuelles Implantat brauchen nur etwa vier Prozent der Patienten. "Alles andere geht eigentlich von der Stange, vor allem bei Erst-Implantaten", formuliert Ascherl salopp. "Unser Ziel ist es, die Spezial-Implantate im Haus selber herzustellen." Ascherl ist sich sicher, dass es bald Firmen geben werde, die Krankenhäuser mit der entsprechenden Technik ausstatten werden.

Das wäre nicht nur für Rekonstruktionen im Beckenbereich interessant, sondern genauso für Schädelmodelle, Gehirnteile oder Rekonstruktionen in der plastischen Chirurgie. Der Spezialist ist sicher, dass diese Technologie bald überall in der Medizin Fuß fassen werde. Eines Tages werde auch das erste individuelle Lungenmodell gedruckt werden. Auch das fertige Titan-Implantat möchte der Professor künftig im eigenen Haus produzieren. Da geht es dann aber um Investitionen zwischen einer viertel und einer halben Million Euro, was voraussetze, dass die Technologie finanziell gefördert werde, nicht nur an großen Unis. Als ersten Schritt will das Team wenigstens den Druck des Modells realisieren. "Wenn alles gut geht, noch in 2018", sagt der Professor.

Im Normalfall wird ja nur die rechte oder linke Hüfte operiert. Für das entsprechende Kunststoffmodell benötigt der Drucker eine gute Stunde. Kai Wolfram geht davon aus, dass die komplizierten Operationen im Hüftbereich immer mehr zunehmen. Das hinge mit der steigenden Anzahl der Primär-Implantationen zusammen. Diese Patienten kämen nach etwa 15 Jahren zurück, weil sie ein Wechsel-Implantat benötigten. Andere Faktoren wären Infektionen, Lockerung oder Frakturen.

Aus ganz Deutschland

Die Patienten kommen in der Hauptsache aus ganz Deutschland und auch aus dem europäischen Ausland. Das Team besteht derzeit aus sechs Mitarbeitern. Ein griechischer Kollege, der sich an einer New Yorker Klinik weitergebildet hat, kehrt demnächst nach Tirschenreuth zurück und ein weiterer Oberarzt fängt hier an. Carolin Stöckl ist Ingenieurin der Medizintechnik, kommt frisch von der Technischen Universität und bewirbt sich um eine Stelle in der Mannschaft. Als Sollstärke nennt Ascherl elf Mitarbeiter. Der Stand soll bis Ostern erreicht sein. Die Maxime des Professors: "Egal, wer als Patient kommt, er wird aufgenommen." Ein Notfall muss nicht warten, ansonsten dauert es zwei bis drei Monate, bevor man einen Termin bekommt, "und das hat überhaupt nichts mit Privat- oder Kassenpatient zu tun, auch wenn das zurzeit wieder gerne diskutiert wird."

Mit der Klinik für Endoprothetik und spezielle Chirurgie könne sich das Haus auch sehr gut gegen das Krankenhaussterben verteidigen. Man habe sich einigermaßen unentbehrlich gemacht und sei für die Zukunft gerüstet. Krankenhausleiterin Claudia Kost sagt: "Durch Professor Ascherl und sein Team ist unser Haus mit seinem Endoprothetikzentrum der Maximalversorgung bundesweit ein Begriff. Wir bieten höchste Kompetenz. Das beginnt bei der Implantation einer Erst-Prothese der Hüfte oder des Knies bis hin zu hochspezialisierter Versorgung mit einem individuell gefertigten Teilersatz des Beckens."

Durch Professor Ascherl und sein Team ist unser Haus bundesweit ein Begriff.Krankenhausleiterin Claudia Kost
Ein handelsübliches Gerät aus dem Elektrofachmarkt reicht theoretisch aus, um damit im Bereich Endoprothetik zu arbeiten.Oberarzt Kai Wolfram
Unser Ziel ist es, die Spezial-Implantate im Haus selber herzustellen.Professor Rudolf Ascherl
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