18.05.2018 - 17:53 Uhr
Oberpfalz

Interventionsstelle der Diakonie hilft Opfern von häuslicher Gewalt Gewaltspirale durchbrechen

Es klingt erschreckend: 329 Fälle von häuslicher Gewalt registrierte die Polizei im Jahr 2017 im Raum Weiden-Neustadt-Tirschenreuth. Tendenz: Seit Jahren steigend. Doch seit zwei Jahren zeigt sich auch ein Lichtblick am Horizont.

Sehr zufrieden mit den Kontakten im Jahr 2017 zeigte sich Sozialpädagogin Martina Pain-Liebl (hinten, rechts) beim Jahrestreffen mit den Vertreterinnen des Frauenhauses und den zuständigen Schwerpunktsachbearbeitern der Polizei. Bild: Meister
von Jutta Porsche Kontakt Profil

2016 hat die Diakonie Weiden eine Interventionsstelle eingerichtet, die Opfern von häuslicher Gewalt Beratung und Hilfe bietet. "Es ist schleppend angelaufen, aber 2017 haben wir unser Ziel erreicht", berichtet die zuständige Sozialpädagogin Martina Pain-Liebl beim jährlichen Treffen mit den Kooperationspartnern von der Polizei. Angestrebt war, zehn Prozent der Opfer in die Beratungsstelle zu bringen. "Tatsächlich haben wir 40 der insgesamt 329 Betroffenen erreicht."

Und das funktioniert so: Wenn das Opfer einverstanden ist, werden seine Daten von der Polizei an die Interventionsstelle weitergeleitet. Die Sozialpädagogin setzt sich innerhalb von drei Tagen mit der Betroffenen in Verbindung und informiert über die Hilfsmöglichkeiten. Der Vorteil, laut Pain-Liebl: "Die Frau muss nicht selbst den ersten Schritt machen." So fällt es vielen leichter, die Unterstützung anzunehmen. Wer will, kann es beim Beratungsgespräch belassen. Bei Bedarf unterstützt die Sozialpädagogin bei Problemen mit Kindern oder Schulden, sie knüpft Kontakte zur Schwangerenberatung oder anderen Fachstellen.

Denn die Praxis zeigt: "In den meisten Fällen stecken noch andere Probleme hinter der häuslichen Gewalt", so Pain-Liebl. "Zum Beispiel Sucht, Schulden oder psychische Probleme." Nicht selten sind Alkoholprobleme die Auslöser dafür, dass ein Mann ausrastet.

Ziel ist es, diese Gewaltspirale zu durchbrechen. Zum Beispiel durch eine Sucht- oder Paarberatung. Wobei die Sozialpädagogin festgestellt hat: "Die Frauen wollen das meistens, aber es scheitert oft an den Männern." Viele Männer betrachten es als Schwäche, das Problem so anzugehen. "Dabei ist es eine Stärke", appelliert Pain-Liebl an die Männer, hier mehr Mut zu zeigen.

Dabei schiebt die Sozialpädagogin durchaus nicht nur den Herren der Schöpfung den schwarzen Peter zu. Ebenso wie Ilkay Gebhardt, Leiterin des Weidener Frauenhauses, betont sie: "Wichtig wären auch eine Beratungsstelle für Männer, die geschlagen werden oder ein Anti-Aggressionstraining für Männer, die bereits ihre zweite Partnerin verprügeln."

Eine gesonderte Beratungsstelle dafür gibt es oberpfalzweit bisher nicht, ausgenommen Kriminalhauptkommissarin Barbara Arendt vom Polizeipräsidium Oberpfalz. Als Beauftragte der Polizei für Kriminalitätsopfer ist sie dabei für Frauen, Männer und Kinder gleichermaßen zuständig.

"Häusliche Gewalt betrifft alle Straftaten zwischen Ehe- und Lebenspartnern sowie zwischen Ex-Partnern", erklärt sie. Das reicht von Beleidigung, Bedrohung und vorsätzlicher Körperverletzung bis hin zum Sexual- oder Tötungsdelikt. Nicht selten kommt Gewalt ins Spiel, wenn eine Trennung im Raum steht.

Immerhin zwölf Fälle von häuslicher Gewalt hat die Kripo Weiden 2017 registriert. Sie befasst sich mit den schwereren Delikten wie Sexualstraftaten oder auch versuchter Tötung. Weitere 155 Anzeigen gingen bei der Polizeiinspektion Weiden ein, die damit der traurige Spitzenreiter in der Region ist. Das - in dem Fall positive - Schlusslicht bildete die PI Waldsassen mit 17 Anzeigen.

"Die Kooperation zwischen Polizei und Interventionsstellen ist jetzt fast flächendeckend in der Oberpfalz", freut sich Arendt, die ebenso wie alle Schwerpunktsachbearbeiter der acht Dienststellen in der Region an dem Treffen teilnimmt. Lediglich im Raum Schwandorf gibt es derzeit keinen Kooperationspartner, doch die Verantwortlichen arbeiten an einer Lösung des Problems.

Und noch eine gute Nachricht hatte die Kommissarin im Gepäck: Jedes Jahr werden zwar oberpfalz- und bayernweit mehr Fälle von häuslicher Gewalt angezeigt. "Laut Studie liegt das aber daran, dass die Anzeigenbereitschaft der Frauen steigt und somit mehr Fälle bekannt werden als früher."

Hintergrund

Weiden. (ps) Frauen, die von häuslicher Gewalt betroffen sind, können sich auch direkt an die Interventionsstelle der Diakonie in Weiden wenden. Die zuständige Sozialpädagogin Martina Pain-Liebl ist Dienstag, Mittwoch und Freitag von 8.30 bis 12 Uhr unter der Telefonnummer 0961/38931-10 erreichbar.

Die zuständigen Schwerpunktsachbearbeiter für Fälle von häuslicher Gewalt bei den Polizeiinspektionen im Raum Weiden-Neustadt-Tirschenreuth sind: Jürgen Haubner (PI Weiden), Mareike Vollath (PI Kemnath), Heidemarie Bock und Birgit Bauer (PI Neustadt/WN), Bettina Lehner (PI Tirschenreuth), Martin Kick (PI Eschenbach), Thomas Meiler und Bianka Deierl (PI Vohenstrauß) sowie von der Kriminalpolizeiinspektion Weiden Lydia Gschrey. Als Beauftragte der Polizei für Kriminalitätsopfer ist Barbara Arendt vom Polizeipräsidium Oberpfalz Ansprechpartnerin für Männer, Frauen und Kinder.

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