"Politiker-Derblecken" auf dem Nockherberg: Singspiel ein Western [Aktualisierung]
Überraschende Ankündigung: "Mama Bavaria" hört auf

Die Schauspielerin Luise Kinseher spricht beim "Politiker-Derblecken" am Nockherberg als Bavaria bei der Fastenpredigt. Bild: Matthias Balk/dpa
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Bayern
28.02.2018
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Der designierte Ministerpräsident, Finanzminister Markus Söder (CSU, links) und der amtierende Landesvater Horst Seehofer (CSU) stoßen beim traditionellen "Politiker-Derblecken" am Münchner Nockherberg an. Rechts neben Söder sitzt Innenminister Joachim Herrmann (CSU), links neben Seehofer sitzt seine Frau Karin. Foto: Matthias Balk/dpa (Foto: dpa)

An Stoff mangelt es auf dem Nockherberg in München in diesem Jahr wahrlich nicht. Im Fokus: die plötzlich ziemlich besten Freunde der CSU. Und am Ende wartet "Mama Bavaria" noch mit einer Überraschung auf.

München. Es ist ein starker Abgang. Die überraschendste Pointe hat sich Kabarettistin Luise Kinseher für den Schluss aufgehoben. Da teilt sie dem überrumpelten Publikum mit, dass sie nach acht Jahren mit Höhen und Tiefen als "Mama Bavaria" auf dem Nockherberg aufhört. Man soll ja Schuss machen, wenn es am schönsten ist. Insofern ist der Tag gut gewählt. Denn Kinsehers letzter Auftritt beim Starkbieranstich war auch einer ihrer besten.

Nachdem sie zuletzt zwischen schwachen und allzu derben Pointen changierte, ist die Mama diesmal wieder treffsicher, wohl auch dank der textlichen Mithilfe des Nockherberg-Veteranen Thomas Lienenlüke. Sie nudelt nicht zwanghaft jeden Promi im Publikum durch, sie spielt und scherzt locker wie selten mit den Derbleckten. So bescheinigt sie Ludwig Spaenle, dass der im Kabinett Söder Kultusminister bleiben dürfe - "und zwar sachgrundlos". Wenn Alexander Dobrindt ein Dreijähriger wäre, würde man ihn für hochbegabt halten. Aber so sei seine größte historische Leistung als Verkehrsminister, sein Brillengestell gewechselt zu haben. In der CSU gebe es keine "#metoo"-Debatte, weil es dort für Frauen von vornherein heiße "you not".

Söder spielt Hauptrolle

Natürlich spielt Markus Söder erstmals die Hauptrolle auf dem Nockherberg. Bald steht seine Vereidigung als Ministerpräsident an. Wenn es sich Horst Seehofer nicht doch noch einmal anders überlegt für den Fall, dass der Mitgliederentscheid bei der SPD gegen die Groko ausgeht. Könnte ja sein, ahnt zumindest " Mama Bavaria". "Das hättet ihr euch nicht träumen lassen, dass euer Schicksal mal von der SPD anhängt", ruft die Bavaria den beiden zu. Gerne würde man jetzt Gedanken lesen können.

Im Singspiel, das zum ersten Mal Richard Oehmann und Stefan Betz verantworten, tritt Söder als El Marco auf, Chef der "Glorreichen 7", die ein entfernt an München erinnerndes Dorf in Texas vor einem Indianer-Überfall retten sollen. Der Edel-Western von 1960 steht also Pate, doch ein Yul Brynner ist Söder nicht, weder in echt noch auf der Bühne. Echt ist allein das Halbblut Apanatschi. Denn Uschi Glas ist Uschi Glas, auch wenn zwischen dem Winnetou-Film von 1966 und ihren Nockherberg-Debüt mehr als 50 Jahre liegen.

Söder hätte man auch als Lucky Luke besetzen können, als den Mann, der schneller zieht als sein Schatten. Schließlich hat sich Söder in langen Jahren den Ruf erworben, schneller zu reden als zu denken. Das tut der Söder im Singspiel auch mitunter, bremst sich aber meistens rechtzeitig ein. "Caramba Horst, dir ham's ja wohl dermaßen ins Hirn nei... äh... denselben Gedanken eingepflanzt wie mir", korrigiert er sich an einer Stelle. Den Imagewandel vom respektlosen Draufgänger zum demütigen Landesvater hat er halt noch nicht so ganz drauf.

Totengräber mit extrem rechter Gesinnung

Das Singspiel hat, im Vergleich zu den prägenden Rosenmüller-Inszenierungen der vergangenen Jahre, einige Längen, aber auch einige pfiffige Ideen. Da treten ein Totengräber mit extrem rechter Gesinnung als dauernde AfD-Metapher auf, eine um ihre Bekanntheit jodelnde, leicht naive SPD-Landeschefin Natascha Kohnen und natürlich die CSU-Kontrahenten Markus Söder und Horst Seehofer, die ihren Machtkampf in Wildwestmanier noch einmal nachspielen. Höhepunkt zweifellos das ständig scheiternde Abschiedslied Seehofers, in dem Söder erst mit Engelszungen und dann mit zunehmender Genervtheit versucht, den Alten zum Abdanken zu bewegen, der aber immer wieder umkehrt und doch einen Grund zum Weitermachen findet. So wie vor Jahresfrist im echten Leben, als Seehofer die Entscheidung über seinen Abschied aus der Staatskanzlei ein ums andere mal verschob. Am Ende viel Beifall, aber fürs nächste Jahr auch noch Luft nach oben.



Zitate aus der letzten Rede der Kabarettistin Luise Kinseher als "Mama Bavaria" beim Politiker-Derblecken auf dem Nockherberg:

"Friede in der CSU: Das klingt für mich noch unheimlicher wie das Schweigen der Lämmer. Markus Söder und Horst Seehofer sind jetzt befreundet! Zwar nicht miteinander, aber es ist schon mal ein Anfang."

"Der Markus! Wie er ... zum Ministerpräsidenten mutiert - die angegrauten Schläfen, das mild durchwehte Lächeln, der gütige Blick, leichtes Übergewicht: Es dauert nicht mehr lange, dann werden wir ihn drollig finden!"

"Ich glaube ja, man hat in Deutschland nichts sehnlicher gewünscht als Horst Seehofer als Heimatminister. Ich frag mich nur: Wie geht es da einem Oberlausitzer? Der Oberlausitzer denkt sich doch: Kaum ist der Russe weg, kommt der Bayer!"

"Dass Du Dich da nicht übernimmst mit Deinem Superministerium! Innen reicht Dir ja nicht, es muss auch noch Heimat sein. Da bist Du zuständig für Migration, Integration, Polizei, Cyberkriminalität, Katastrophenschutz, Sport, Religion, Bauen und Wohnen... Man kann sagen: ein Ministerium für ALLES - außer Tiernahrung. Aber so ist er, der Horst. Wie ein Jongleur, der sagt, ich jongliere nicht mit fünf Bällen, sondern gleich mit zehn - dann merkt man es nicht so schnell, wenn einer runterfällt."

"Diejenigen, die sagen, jetzt können wir endlich wieder nach Bayern in den Urlaub fahren, weil der Seehofer weg ist, halten sich exakt die Waage mit denen, die nicht mehr kommen, weil jetzt der Söder da ist."

"Bei den Freien Wählern gibt es so viele herausragende, hoch talentierte Charakterköpfe. Da gibt es den Hubert Aiwanger, den Hubert und den Hubsi. Und alle drei wollen Minister werden.

"Liebe Groko-Gegner in der SPD! Wenn Ihr wissen wollt, wie aus einem Zwerg in der Opposition ein Riese wird - dann schaut hoffnungsfroh nach Bayern."

"Christian Lindner fehlt, ich weiß. Er war kurz da, aber als er gemerkt hat, es wird ernst, war er gleich wieder weg." (dpa)
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