12.04.2021 - 16:05 Uhr
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Kastration von Hunden: Wenig Gründe sprechen für den Eingriff

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Kastrierte Tiere sind nicht generell umgänglicher und unkomplizierter zu halten. Tatsächlich kann der veränderte Hormonhaushalt zu Konflikten mit anderen Hunden führen. In bestimmten Fällen darf allerdings das Skalpell angesetzt werden.

Erst mal beschnuppern: Kastrierte Rüden und Hündinnen riechen anders und werden von Artgenossen nicht als vollständig erkannt. Bei Zusammenkünften kann das zu Spannungen führen.
von Agentur DPAProfil

Mit hängenden Ohren tapst Podenco-Mix-Hündin Socke über die Wiese. Ein Schutzkragen liegt um ihren Hals. Socke wurde vor wenigen Tagen kastriert. Der Kragen soll verhindern, dass sie an die Wunde kommt. Bakterien könnten durch Lecken eine lebensbedrohliche Entzündung auslösen.

Socke kommt aus Spanien. Ein deutsches Ehepaar hatte die Hündin halbtot, und offensichtlich ausgesetzt, in den Bergen gefunden und später adoptiert. Über den spanischen Tierschutz war die Hündin vor dem Flug nach Deutschland kastriert worden. Wäre Socke in Deutschland geboren und nicht über den Tierschutz vermittelt worden, wäre eine Kastration nicht so einfach möglich gewesen. Denn nach deutschem Recht widerspricht der medizinische Eingriff dem deutschen Tierschutzgesetz. "Niemand darf einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zuführen", heißt es da unter anderem in Paragraf 1, Satz 2.

Gefährdung der Gesundheit

"Aber es gibt Ausnahmen", sagt die Biologin Ursula Bauer vom Tierschutzverein "Aktion Tier". "Hunde und Katzen zum Beispiel dürfen in Deutschland kastriert werden, wenn eine unkontrollierte Fortpflanzung verhindert und das Tier für eine weitere Haltung unfruchtbar gemacht werden soll. Dies ist zum Beispiel bei herrenlosen Straßenkatzen der Fall." Darüber hinaus darf der Tierarzt das Skalpell ansetzen, wenn die Gesundheit des Hundes gefährdet ist. "Würde bei der Hündin ein Tumor an der Gebärmutter oder den Eierstöcken diagnostiziert, würden wir kastrieren. Das gleiche gilt bei der Diagnose Diabetes mellitus bei der Hündin, weil die Sexualhormone mit dem Insulin eine Wechselwirkung zeigen, was eine Einstellung des Tieres sehr erschwert", sagt Professor Axel Wehrend. Er ist Fachtierarzt für Reproduktionsmedizin in der Klinik für Geburtshilfe, Gynäkologie und Andrologie in Gießen. Auch bei sogenannten Arbeitshunden wie Blindenhunden könne eine Kastration gerechtfertigt sein, damit sich die Tiere durch ihren natürlichen Geschlechtstrieb nicht ablenken lassen. Eine Kastration kostet - je nach Aufwand - zwischen 150 und 250 Euro.

Dass kastrierte Hunde aber generell umgänglicher und unkomplizierter zu halten sind, dem widerspricht Tierarzt Ronald Lindner vehement. Er gibt unter anderem als TV-Tierarzt beim MDR Tipps. Genau das Gegenteil sei oft der Fall. "Kastrierte Rüden und Hündinnen riechen aufgrund ihrer veränderten Hormonproduktion anders und werden von Artgenossen nicht als vollständig erkannt. Bei Zusammenkünften kann das zu Spannungen und schlimmstenfalls auch zu Konflikten führen", sagt Lindner.

Unsichere Hunde könnten nach der Kastration noch unsicherer werden, was sich auch in einer erhöhten Aggression zeigt. "Erlernte Verhaltensweisen wie die Aggression gegenüber Artgenossen lassen in der Regel auch nicht durch eine Kastration nach", sagt Lindner. Im Zweifelsfall schlägt der Tierarzt zunächst eine chemische Kastration durch das Injizieren eines mit Hormonen angereicherten Chips vor. Dies kann man rückgängig machen. Chirurgisch kastrieren könne man den Hund im berechtigten Einzelfall anschließend immer noch.

Angst vor Krebs

Häufig bringen Halter Argumente vor, nach denen sich bei kastrierten Hündinnen keine oder deutlich weniger Mammatumore an der Milchleiste bilden. Sie reichen als Argument für den Eingriff aber nicht aus, "da die Vorteile den Nachteilen einer Kastration gegenübergestellt werden müssen und die gültige Gesetzeslage zu beachten ist", sagt Professor Axel Wehrend. Es darf kein gesundes Organ präventiv entfernt werden, nur weil der Tierhalter Angst hat, dass sich das Organ später einmal tumorös verändert.

Oft würde von Haltern auch das sogenannte Aufreiten von Junghunden missverstanden. In den meisten Fällen sei das Verhalten nicht sexuell motiviert. "Es wird oft eingesetzt, um einen Artgenossen ,niederzuringen' oder in Konfliktsituationen Stress abzubauen", erklärt Wehrend.

Auch, um einer Scheinträchtigkeit entgegenzuwirken, würde heutzutage in der Regel nicht mehr kastriert. "In gewissem Maße ist das ein normales Verhalten, das der Hund mit dem Wolf als Vorfahre übernommen hat", sagt Ronald Lindner. "Hündinnen, die zu Scheinträchtigkeit neigen, sollte man viel beschäftigen", rät der Tierarzt. Außerdem sollten Halter eventuell angesammeltes Spielzeug als Welpenersatz wegräumen, um einen Nestbau zu verhindern.

"Heute wissen wir, dass kastrierte Hunde eher dazu neigen, an bestimmten Tumoren zu erkranken, die sonst selten vorkommen", sagt Axel Wehrend. Neuen Studien zufolge sei das Risiko bei kastrierten Hunden achtfach höher, zum Beispiel einen Tumor am Herzen oder eine Schilddrüsen-Überfunktion zu entwickeln. "Ältere Hündinnen neigen dazu, inkontinent zu werden." Auch Übergewicht sei durch die hormonellen Veränderungen oft ein Thema. Das Temperament verändere sich in der Regel nicht.

Die Experten sind sich einig: Wer sein Leben mit einem Hund verbringen will, muss mit der Konsequenz leben, dass Rüden naturgemäß ihr Revier markieren, an Hündinnen interessiert sind und dass Hündinnen zweimal im Jahr läufig werden. Der Gesetzgeber gehe davon aus, dass Hundehalter ihr Tier in jeder Situation im Griff haben - auch, wenn sich wieder die Frühlingsgefühle bemerkbar machen.

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Hintergrund:

Sterilisation und Kastration

  • Bei der Sterilisation werden bei weiblichen Tieren die Eileiter und bei männlichen Tieren die Samenstränge gekappt.
  • Bei der Kastration werden alle hormonproduzierenden Keimdrüsen entfernt. Bei der Hündin sind das die Eierstöcke und beim Rüden die Hoden. (dpa)
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