29.10.2020 - 16:29 Uhr
PullenreuthBesserWissen

Von der „Spinnstub’n“ zum Buch: Altes Wissen wiederentdeckt

Die Buchautorin Cornelia Müller nennt sich selbst "Architektin und Kräuterfrau". Für ihr neues Buch öffnet die Oberpfälzerin für die Leser eine ganz besondere Schatzkammer: die Natur.

Cornelia Müller.
von Holger Stiegler (STG)Profil

Den "reichen Schatz der Natur" in Worte zu fassen ist an sich unmöglich, aber mit bestimmten Teilen funktioniert es ganz gut. Den passenden Ansatz hat Cornelia Müller, Kräuterführerin und Architektin aus Pullenreuth (Landkreis Tirschenreuth), in ihrem neuen Buch "Wildkräuter, Handarbeit & Brauchtum" gewählt. Die Redaktion hat sich mit ihr über alte Rezepte, Handwerkstechniken und kreative Ideen unterhalten.

ONETZ: Frau Müller, wenn Sie "back to the roots" gehen, dann meinen Sie das wörtlich: Welche Kraft steckt in Wurzeln, und wie lässt sich diese nutzen?

Cornelia Müller: Die Pflanzen gehen im Herbst tatsächlich „back to the roots“, also zurück in die Wurzeln. Sie ziehen ihre ganzen Kräfte nach innen, alles Oberirdische wird braun. Und unten in der Erde, da schlummern dann die kleinen Kraftpakete - die Wurzeln, die wir im Herbst ernten – zum Genießen und als Natur-Heilmittel. Daraus machen kann man vieles, vom Tee und Kaffee über Kuchen und Suppe, man kann sie kandieren und pürieren, auch zu Tinkturen oder einem Blutwurzler ansetzen oder gar damit orakeln.

ONETZ: In gewisser Weise ist Ihr Buch auch eine Art Wiederentdeckung von teils sehr altem Wissen. Dabei haben sie aber auch manches weiterentwickelt, auch durchs Selbstausprobieren. Was haben Sie selber dazugelernt?

Cornelia Müller: Das Genießen und die Freude am Probieren. Wirklich begeistert bin ich vom Senfkaviar oder den Senfen im Allgemeinen. Gelernt habe ich wohl am meisten, dass es eine unglaubliche Vielfalt gibt, die Lust auf mehr macht. Neu probiert habe ich dieses Jahr ein Flechten-Sorbet, Wurzel-Bitter, Tannen-Bratkartoffeln, Farn-Gesichtscreme, „Holzwein“, ein herrliches Weissdorn-Hagebutten-Chutney, Blüten-Badesalz und einen Dörr-Stick-Rahmen. Oxymele und „Wild Drinks“ haben mich froh gesinnt durch den Sommer gebracht. Ich liebe das Neue und das Tun an sich und Ideen gibt es schon noch ein paar.

ONETZ: Ihr Buch basiert auf der Veranstaltungsreihe "Spinnstub'n auf der Schleif". Was muss man sich darunter vorstellen?

Cornelia Müller: Ja, die Spinnstube ist in zweierlei Hinsicht der Beginn des Buches. In der Kräuter-Ausbildung ist der Satz gefallen „Man rieb sich Bilsenkraut in die Augen um die Pupillen zu weiten, damit man bei Kerzenlicht länger arbeiten könne, in den Spinnstuben.“ Dieser Satz hat ein Kopfkino von Abenden am Kamin losgelöst, mit Speis und Trank und Kräuterwissen. Das gab es dann auch in der „Spinnstub`n auf der Schleif“ in der Glasschleif in Pullenreuth. Jeder Abend war etwas Besonderes, immer gab es ein Kräuterthema, dazu wilde Speisen und Getränke und Musik und kreative Ideen, auch für Kinder. Jetzt wäre eigentlich „Spinnstub’n“-Zeit, aber leider wird es dieses Jahr nichts. Aber ich mache dieses Jahr eben meine persönliche Spinnstub’n – wenn ich mal in Ruhe zu Spinnen beginne …

ONETZ: Sie machen deutlich, dass die Natur eine riesige Schatzkammer ist. Mit Schätzen sollte man aber auch respektvoll und demütig umgehen, oder?

Cornelia Müller: Fürwahr, respektvoll der Natur und Dir selbst gegenüber. Kräuter sind nichts, das man in Unmengen einnehmen sollte. Auch demütig, denn die Natur gibt Dir auch ihr letztes Hemd – das Maß musst du selbst entscheiden. Auch verantwortungsvoll sollst du nehmen – nimm nur, was du wirklich kennst und wirklich brauchst.

ONETZ: Neben Rezepten haben Sie aber in Ihrem Buch noch sehr viel mehr zu bieten. Inwiefern sprechen Sie auch die Kreativität der Leser an?

Cornelia Müller: Es gibt nicht unbedingt die 1:1-Anleitung in diesem Buch. Aber es gibt schöne Ideen, die man einfach machen kann: Vom Kräuterkörbe flechten, Kräuterkissen selber machen, Besen binden, mit Kräutern weben und Geschenke mit Stoff einpacken zu Nadelmotiven sticken und Duftlockengläsern. Kreativ sind aber auch so manche Rezepte, wie die des schon erwähnten Senfkaviars, der unglaublich vielfältig ist – dieses Jahr habe ich zehn Varianten gemacht.

ONETZ: Noch sind es zwar einige Wochen bis zum Weihnachtsfest: Mit welchen Tipps können Sie in Ihrem Buch aufwarten?

Cornelia Müller: Erst einmal ist das Buch, diese kleine Schatzkammer, ein besonderes Geschenk. Dann hält es neben Kreativem und Selbstgemachten eine besonders schöne Anekdote bereit – unsere relativ junge Familientradition. Jedes Jahr zu Weihnachten hänge ich mit meinen Kindern den Baum an. Mit jedem Baum hängen wir auch einen Familienwunsch mit ran. In der Weihnacht schlafen wir unterm Baum und wie die Geschenke „vom Baum fallen“, so fallen auch all die Wünsche, auch Glückwünsche, auf uns herab.

Cornelia Müller, "Wildkräuter, Handarbeit & Brauchtum", Buch- und-Kunstverlag Oberpfalz (ISBN: 978-3-95587-077-5), 19,90 Euro

 

 

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