Vor rund 200 Jahren entstand ein unscheinbares Bild aus einem Fenster in Frankreich, in einem kleinen Ort in Burgund. Keine Schlacht, kein König, kein historischer Moment. Nur Dächer, Licht und Schatten. Und doch begann mit diesem Blick eine Revolution: Zum ersten Mal konnte ein Augenblick mit einem technischen Verfahren bewahrt werden.
Das Bild stammt von Nicéphore Niépce. Der Franzose schuf Mitte der 1820er Jahre die erste dauerhaft erhaltene Fotografie. Ein genaues Geburtsdatum der Fotografie gibt es nicht. Auf diese Anfänge beziehen sich die zahlreichen Jubiläumsveranstaltungen, die 2026 in vielen Ländern stattfinden.
Von der Bilderflut zur Ikone
Seitdem sind Milliarden Fotografien entstanden. Heute trägt fast jeder Mensch eine Kamera in der Tasche und hält täglich Momente des eigenen Lebens fest. Doch aus dieser unüberschaubaren Bilderflut bleiben nur wenige Aufnahmen im kollektiven Gedächtnis. Warum werden manche Fotografien zu Ikonen - und was machen sie mit uns?
Zu den bekanntesten Bildern der Fotogeschichte gehört die Aufnahme der neunjährigen Kim Phúc, die 1972 nach einem Napalm-Angriff auf ein Dorf in Südvietnam nackt und schreiend eine Straße entlangläuft. Die Urheberschaft des Fotos wird bis heute diskutiert. Unbestritten ist dagegen seine Wirkung: Es wurde zum Symbol des Vietnamkriegs - und steht bis heute für das Leid und die Verletzlichkeit von Zivilisten in bewaffneten Konflikten.
Was Bilder mit uns machen
Warum gerade dieses Bild? Warum nicht eines der vielen anderen Fotos, die ebenfalls Leid und Zerstörung zeigten? Der französische Philosoph Roland Barthes beschrieb in seinem Buch „Die helle Kammer. Bemerkungen zur Photographie“ den besonderen Moment, in dem ein Bild den Betrachter unmittelbar trifft. Er nannte dieses Detail oder diese Wirkung „punctum“ - jenen Punkt, der über die reine Information hinausgeht und eine persönliche Reaktion auslöst.
Doch ein Foto wird nicht allein durch seine Wirkung auf den Einzelnen zur Ikone. Es braucht auch eine Gesellschaft, die es auswählt, verbreitet und erinnert. Die amerikanische Schriftstellerin und Kulturkritikerin Susan Sontag beschäftigte sich in ihrem Essayband „Über Fotografie“ mit der Macht fotografischer Bilder. Sie argumentierte, dass Fotografien nicht nur Wirklichkeit festhalten. Sie beeinflussen auch, welche Ereignisse und Erfahrungen eine Gesellschaft als wichtig wahrnimmt und im Gedächtnis bewahrt.
Bilder, die größer werden als ihr Moment
Dorothea Langes Aufnahme „Migrant Mother“ aus dem Jahr 1936 wurde zu einem Symbol der Großen Depression in den USA. Das Bild zeigt eine Mutter mit ihren Kindern in einem improvisierten Lager von Erntearbeiterinnen und Erntearbeitern in Nipomo, Kalifornien. Es steht bis heute für Armut und Unsicherheit.
Ein anderer fotografischer Moment veränderte den Blick auf die Erde selbst. Die Aufnahme „Earthrise“, die Astronauten der Apollo-8-Mission 1968 machten, zeigte die Erde erstmals aus der Perspektive einer Mondumrundung. Viele Historiker sehen darin eines der Bilder, die das Umweltbewusstsein der späten 1960er- und frühen 1970er-Jahre entscheidend geprägt haben.
Bilder, die uns herausfordern
Nicht nur Opfer, auch der Widerstand eines Einzelnen kann in einem Bild sichtbar werden. Die Aufnahme eines unbekannten Mannes, der sich am 5. Juni 1989 auf dem Tian'anmen-Platz in Peking einer Kolonne von Panzern entgegenstellte, wurde weltweit als „Tank Man“ bekannt.
Das Foto zeigt keinen politischen Sieg und keinen Umsturz, sondern einen Augenblick des Widerstands gegenüber einer übermächtigen Situation. Die Identität des Mannes und sein weiteres Schicksal sind bis heute ungeklärt.
Manche Bilder bleiben im Gedächtnis, weil sie eine Gesellschaft vor eine schwierige Frage stellen: Was darf ein Foto zeigen? Dazu gehört die Aufnahme „The Falling Man“, die der Fotograf Richard Drew am 11. September 2001 in New York machte. Das Bild zeigt einen unbekannten Menschen, der aus einem der Türme des brennenden World Trade Center stürzt.
Das Foto wurde nach den Anschlägen nur selten gezeigt. Viele empfanden es als zu schmerzhaft, andere sahen darin ein wichtiges Dokument jener historischen Stunde. Bis heute gehört die Aufnahme zu den meistdiskutierten Fotografien des 11. September.
Vertrauen in einer digitalen Welt?
Nicht jedes wichtige Ereignis bringt ein ikonisches Bild hervor. Und nicht jedes ikonische Bild zeigt zwangsläufig das wichtigste Ereignis seiner Zeit. Welche Fotografien bleiben, hängt nicht nur vom Motiv ab, sondern auch davon, wie Medien, Museen und Gesellschaften mit ihnen umgehen.
Zweihundert Jahre nach den Anfängen der Fotografie stellt sich diese Frage erneut. Noch nie wurden so viele Bilder produziert wie heute. Doch in einer Zeit digitaler Bilderfluten und künstlich erzeugter Aufnahmen geht es nicht mehr nur darum, welche Bilder bleiben. Es geht auch darum, welchen Bildern wir noch vertrauen.
















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