Die Familie ist versprengt auf Syrien, Deutschland, den Libanon und die Türkei. Seit neun Jahren tobt in Syrien der Bürgerkrieg. Ein Ende der Konflikte ist nicht absehbar, nach der türkischen Offensive gleich gar nicht.
Und so wird zur Dauerlösung, was für den Übergang gedacht war. Rund 5900 Syrer leben nach Auskunft von Regierungssprecher Markus Roth in der Oberpfalz. Sie sind Flüchtlinge nach der Genfer Flüchtlingskonvention oder haben subsidiären Schutz bekommen. Ein großer Teil ist 2015 eingereist und nähert sich damit einem interessanten Datum. Nach fünf Jahren ist die Erteilung einer unbefristeten Niederlassungserlaubnis möglich, vorausgesetzt, der Antragsteller kann selbst für seinen Lebensunterhalt sorgen. Kann er das nicht, wird sein Flüchtlingsstatus befristet verlängert, solange Bürgerkrieg herrscht.
An eine Rückkehr war schon vor der erneuten Eskalation durch den türkischen Angriff nicht zu denken. Das Auswärtige Amt gab zuletzt im August 2019 einen alarmierenden Lagebericht (siehe Kasten). Ein normales Leben sei nicht möglich, bestätigen Ebrahims Eltern. Sie haben bis Juni 2019 in Aleppo gelebt, weil sich der Familiennachzug in die Länge zog (wir berichteten). Ebrahim war 2015 seiner Tante Najah mit auf die Flucht gegeben worden. Die Eltern hatten noch versucht, das Haus zu verkaufen. Ein paar Wochen später wollte man sich in der Türkei treffen. Dann machte die Türkei die Grenze dicht, und Deutschland setzte den Familiennachzug aus. Am Ende wurden es vier Jahre, in denen Ebrahim (jetzt 11) von seinen Eltern getrennt war. Die Tante zog ihn auf.
Vor einem Vierteljahr landete dann endlich das Flugzeug aus Beirut in Frankfurt am Main mit Mutter Izdihar und Vater Muhammad an Bord. Vier Flugstunden würden Deutschland und Syrien trennen - und doch ist es eine andere Welt. In Aleppo mangelt es an Lebensmitteln, berichtet die Mutter. Ständig fällt der Strom aus. Noch immer liegen viele Gebäude in Trümmern. Schulunterricht gibt es nur im Notbetrieb. Und jetzt naht der Winter, der auch in Nordsyrien eisig werden kann.
Rückkehr aus Heimweh
Und trotzdem wollen manche Bürgerkriegsflüchtlinge zurück. Jost Hess vom Weidener Arbeitskreis Asyl sind Fälle von Männern bekannt, die irgendwann kapitulieren. Sie sind hier - die Frauen noch in Syrien. Kommt eine Erkrankung bei zurückgelassenen Angehörigen hinzu, gäben die Männer auf und kehren zurück. Offizielle Zahlen gibt es nur für jene, die für die Rückkehr einen Zuschuss beantragen. Der Bund förderte 2017 und 2018 insgesamt 665 freiwillige Rückkehrer nach Syrien. Unterschiedliche Gründe wurden vorgetragen. Genannt wurden Heimweh, Integrationsschwierigkeiten oder Erkrankung von Familienangehörigen, wie aus einer Antwort der Bundesregierung an die Grünen hervorgeht.
Die Förderung (1200 Euro plus die Hälfte der Transportkosten) ist als "Ticket in den Tod" hoch umstritten. Selbst die Bundesregierung hält eine Rückkehr nach Syrien für zu riskant. Der Bund teilt die Einschätzung der Vereinten Nationen: Nach wie vor sprächen "signifikante Sicherheitsrisiken" dagegen. Das Auswärtige Amt warnte im August 2019 vor "willkürlichen Inhaftierungen und militärischer Zwangseinberufung", vor "Vergewaltigungen, Hinrichtungen und gezielten Angriffen auf Zivilisten". Seit Beginn des Konflikts seien zahlreiche Fälle von Folter und Tötungen im Gewahrsam staatlicher Sicherheitsdienste belegt. Die Zeitschrift "Foreign Policy" berichtet von zwei Rückkehrern aus Deutschland, die in Assads Gefängnissystem verschwunden seien. Assad regiert immer noch. Da hat sich nichts geändert.
Ebrahim und seine Eltern sind in Sicherheit. Glücklich ist Mama Izdihar (47) trotzdem nicht. Ebrahim war ein Nachzügler. Das Ehepaar hat zwei weitere Kinder: Natalie (20) und Sohn Khalil (22). Die Tochter hat das Paar in Aleppo zurücklassen müssen, wo sie mit einem Onkel im beschädigten Elternhaus ausharrt. Die Tochter war in den Jahren des Wartens volljährig geworden. Der Familiennachzug ist aber nur für minderjährige Geschwister möglich. Weitere nahe Verwandte sind im benachbarten Libanon.
Mit Sohn Khalil ist es noch komplizierter. Er war nach einem illegalen Übertrittsversuch an der syrisch-türkischen Grenze in der Türkei inhaftiert worden. Im Gefängnis sitzt er inzwischen nicht mehr. Aber er steckt trotzdem fest. Nach Syrien kann er nicht, nach Deutschland darf er nicht. Und die Türkei will ihre rund drei Millionen Bürgerkriegsflüchtlinge aus Syrien nicht mehr. Parallel zur Militäroffensive hat Präsident Erdogan angekündigt, Flüchtlinge künftig in einer "Sonderzone in Nordsyrien" in Lagern unterbringen zu wollen.
Kinder schnell integriert
"Ich sehne den Tag herbei, an dem ich alle meine Kinder bei mir habe", sagt Izdihar. Und während das Herz der Eltern noch in der Heimat hängt, ist aus dem elfjährigen Ebrahim ein Altenstädter Bub geworden. Hier wurde er eingeschult, inzwischen ist er Fünftklässler. Beim SV Altenstadt spielt er Fußball. Er spricht fließend Deutsch, dafür hapert's in arabischer Schrift. Seine Mutter erzählt von früheren Zeiten in Aleppo, der orientalische Märchenstadt mit dem Souk, den Palmen und den Parks. "Wir sind Riesenrad gefahren." Ebrahim kann sich an Syrien kaum erinnern. Er schwärmt für Paris Saint Germain, "wegen Mbappe und Neymar".
Seine Eltern besuchen einen Deutschkurs. Gerade Mutter Izdihar macht bemerkenswerte Fortschritte. Im letzten Test hatte sie 97 von 100 Punkten. Ebrahim: "Ich lerne ja mit ihr." Die wiedervereinte Familie ist bei Tante und Onkel untergekommen, die zur Miete bei einem älteren Ehepaar in Altenstadt/WN wohnen. "Sie sind wie Eltern", sagt Tante Najah. Der Vermieter war im Zweiten Weltkrieg. "Er versteht uns."
Lagebericht Syrien des Auswärtigen Amtes, August 2019
Seit 9 Jahren tobt in Syrien der Bürgerkrieg zwischen der Regierung und oppositionellen Gruppen. Mehr als 400 000 Menschen haben bisher ihr Leben verloren, rund eine Million Menschen wurde verletzt. 6,2 Millionen Syrer wurden im eigenen Land vertrieben, 5,6 Millionen befinden sich als Flüchtlinge in den Nachbarstaaten.
Nach Angaben der Vereinten Nationen sind mehr als 11,7 Mio. Menschen auf humanitäre Hilfe angewiesen, darunter 6 Millionen Kinder.
Humanitärer Zugang zu hilfsbedürftigen Menschen in allen Regionen Syriens und der Schutz der Zivilbevölkerung sind auch im neunten Jahr der Krise die größten Herausforderungen. Wie bei fast allen militärischen Konflikten leidet die Zivilbevölkerung am stärksten unter dessen Auswirkungen, insbesondere Kinder und Jugendliche. Als Folge zahlreicher militärischer Offensiven in den vergangenen Monaten wurden allein im Nordwesten des Landes zwischen Januar und Mai 2019 fast eine halbe Million Menschen vertrieben – oft zum wiederholten Mal. Neben Vertreibungen führen andauernde Kampfhandlungen zu Zerstörung wichtiger ziviler Infrastruktur – einschließlich Schulen und Krankenhäusern – und zu einer hohen Zahl ziviler Opfer. Weiterhin können mehr als 1,2 Millionen Menschen, darunter 360 000 Kinder, nicht regelmäßig und in ausreichendem Umfang mit Nahrungsmitteln, sauberem Trinkwasser und Medikamenten versorgt werden.
Zudem ist der Schutz der Zivilbevölkerung in weiten Teilen Syriens nach wie vor ein zentrales Problem: Willkürliche Inhaftierungen und militärische Zwangseinberufung, Vergewaltigung und sexualisierte Gewalt sowie Hinrichtungen und gezielte Angriffe auf Zivilisten bedrohen das Leben vieler Syrer und stellen zentrale Hürden für eine sichere und nachhaltige Rückkehr dar. Seit Beginn des Konflikts sind zudem zahlreiche Fälle von Folter und Tötungen im Gewahrsam der staatlichen Sicherheitsdienste belegt. Gleichzeitig gefährden Landminen und explosive Munitionsrückstände das Leben von Millionen von Menschen in Syrien.
Besonders alarmierend ist die Ernährungslage der Menschen in Syrien: Rund 6,5 Millionen Syrer haben aufgrund unregelmäßigen Zugangs Schwierigkeiten, ihren täglichen Grundbedarf an Nahrungsmitteln zu decken. Drei von fünf Kindern in Syrien sind auf humanitäre Hilfe angewiesen. Im Rahmen eines Mahlzeitenprogramms werden mit Hilfe der Unterstützung durch das Auswärtige Amt rund 710 000 Schulkinder mit nährstoffreichem Essen versorgt.
Im Rahmen des humanitären Engagements unterstützt das Auswärtige Amt außerdem humanitäre Hilfskonvois in Gebiete, die für humanitäre Hilfe schwer zugänglich sind, wie in das Flüchtlingslager Rukban, wo aktuell rund 29 000 Personen im Niemandsland zwischen der syrisch-jordanischen Grenze noch immer ohne reguläre humanitäre Versorgung ausharren.














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