20.02.2020 - 17:08 Uhr
AmbergDeutschland & Welt

Bitte nicht die Solistin anschauen!

Beim Konzertpublikum ist das Brahms-Requiem beliebt. Für die Mitwirkenden sind die Anforderungen allerdings gewaltig. Allen voran für die Solo-Sopranistin: Sie muss gut 40 Minuten warten und dann gleich Höchstschwierigkeiten meistern.

Diesmal nicht im ACC, sondern in der Kirche St. Georg führen die Amberger Chorgemeinschaft, der Chor der Berufsfachschule für Musik und das Sinfonieorchester Bohemia Prag unter Leitung von Dieter Müller das Brahms-Requiem auf.
von Anke SchäferProfil

Sorgen plagen den musikalischen Leiter vor der Aufführung am Sonntag, 29. März in der Amberger Kirche St. Georg dennoch nicht. Die Amberger Chorgemeinschaft und der Chor der Berufsfachschule für Musik des Bezirks Oberpfalz sind ebenso gut vorbereitet wie das Sinfonieorchester Bohemia Prag und die Solisten Barbara Baier (Sopran) und Marlo Honselmann (Bariton). Stattdessen schwärmt Dieter Müller im Interview vom genialen Werk und seinem nicht minder genialen Schöpfer:

ONETZ: Herr Müller, eigentlich sind Sie ja zu spät dran - der 150. Geburtstag des Werkes war schon letztes Jahr. Spielen Jubiläen in Ihrer Konzertplanung keine ausschlaggebende Rolle?

Dieter Müller: Überhaupt nicht. Klar, an Beethoven kommt in diesem Jahr keiner vorbei, aber Werk-Jubiläen spielen für mich keine Rolle. Nachdem das im Mai geplante Oratorium „König David“ von Arthur Honegger aus terminlichen Gründen nicht realisierbar war, habe ich das Brahms-Requiem passend zum neuen Termin in der Passionszeit ausgewählt.

ONETZ: Johannes Brahms hat sein Werk mit „Ein deutsches Requiem“ betitelt. Was macht denn das „Deutsche“ aus?

Dieter Müller: Das Besondere ist vor allem der deutsche Text. Seine Textauswahl hat Brahms so genial getroffen, darin spiegelt sich der Aspekt des Trostes wider. Das kann man nicht in lateinischer Sprache machen, außerdem war Brahms Lutheraner. Er verwendet Texte aus Neuem und Alten Testament, Psalmen, Sprüche des Propheten Jesaja, Zitate aus den Korintherbriefen – Brahms hat unglaubliche Bibelkenntnisse gehabt, um solch eine stimmige Textauswahl zu treffen.

ONETZ: Anders als bei den anderen großen Kompositionen der Gattung liegt bei Brahms der Fokus nicht auf den Toten, sondern auf dem Trost der Trauernden. Wie hat er das musikalisch umgesetzt?

Dieter Müller: Genial! Brahms hat sich seinerzeit rückwärts gewandt, historisierend gearbeitet und die alten Meister gut studiert. Er hat immer wieder auf frühere Kompositionsmodelle zurückgegriffen und mit diesen alten Techniken eine Tonsprache geschaffen die typisch für frühere Epochen war - Darstellung des Textes durch die Musik, Affektenlehre ist hier das Stichwort. Die Freude der Erlösung drückt er durch bestimmte Tonarten, expansive Melodieführung und leuchtende, strahlende Harmonik aus. Umgekehrt leitet er die Aspekte der Trauer aus dunklen Klangfarben und ebensolchen Tonarten oder bestimmten Harmonieverbindungen ab. Die Tonartensymbolik, nach der jede Tonart einen eigenen Klangcharakter besitzt, ist sehr stark ausgeprägt genauso wie die barocke Figurenlehre, nach der bestimmte Tonfiguren das musikalische Abbild einzelner Wörter sind.

ONETZ: Eine besondere Schwierigkeit für die Solo-Sopranistin besteht ja in der langen Pause bis zum ersten Einsatz. Kann der Dirigent da irgendwie helfen?

Dieter Müller: Nur auf psychologischer Ebene. Man vertraut einfach der Sopranistin. Und wie – Stichwort Vertrauen – einer meiner großartigen Lehrer vor vielen Jahren schon zum heiklen Einsatz der Hörner zu Beginn der Freischütz-Ouvertüre sagte: „Bitte schaut´s die Hörner nicht an!“.

ONETZ: Für Sie ist es das letzte Mal, dass Sie ein Werk mit dem Chor der Berufsfachschule für Musik einstudieren – tröpfelt da ein wenig Wehmut in die Vorbereitung?

Dieter Müller: Wohlgemerkt mit dem Chor der Berufsfachschule für Musik, nicht mit der Amberger Chorgemeinschaft. Aber zur Frage: In der Vorbereitung nicht. Das wird erst danach kommen. Die Arbeit mit den jungen Leuten wird mir schon fehlen, es war all die Jahre ein beglückendes Erlebnis junge Menschen an die Werke der großen Meister heranzuführen.

Info:

Service

Das Konzert "Brahms-Ein deutsches Requiem" findet am Sonntag, 29. März um 19 Uhr in der Kirche St. Georg in Amberg statt. Es singen Barbara Baier (Sopran), Marlo Honselmann (Bariton), die Amberger Chorgemeinschaft und der Chor der Berufsfachschule für Musik des Bezirks Oberpfalz, es spielt das Sinfonieorchester Bohemia Prag. Die musikalische Gesamtleitung hat Dieter Müller. Karten im Vorverkauf bei der Tourist-Information Amberg, Telefon 09621/101233.

 

 

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