28.09.2018 - 13:10 Uhr
AmbergDeutschland & Welt

Von Büffeln, Blasphemie und Büchern

Eckhard Henscheid, Amberger Humorlegende und Meisterromancier, spricht über sein neues Buch. Im Interview erzählt er auch von seinem Verhältnis zum Katholizismus, zu Angela Merkel, zu seiner Frau Regina – und über den „Büro Wilhelm-Verlag“.

Eckhard Henscheid spricht im Interview nicht nur über sein neues Buch und über den Verlag, sondern auch über sein Verhältnis zum Katholizismus und zu seiner Frau.
von Peter GeigerProfil

Dass er in mönchischer Stille und Zurückgezogenheit lebt, kann man nicht sagen: Schriftsteller Eckhard Henscheid, der berühmteste aller lebenden Amberger, ist zwar vor zwei Wochen 77 Jahre alt geworden, aber er mischt noch immer kräftig mit. Am Abend seines Geburtstags, am 14. September war’s, da stellte er im Luftmuseum sein neues Buch „Aus dem Leben der Heiligen“ (erschienen im Büro Wilhelm Verlag, der heuer mit dem renommierten „Bayerischen Kleinverlagspreis“ ausgezeichnet wird) vor, eine in bischöflich-kardinales Purpur gebundene Sammlung „Neuer Legenden“ aus eigener Feder. Legenden sind ein Genre, das ihm, dem kirchenkritisch-distanzierten Anbeter alles Heiligen, offenkundig ein mephistophelisches Vergnügen bereitet. Auch im Gespräch mit der Kulturredaktion sitzt ihm der Schalk im Nacken, er zeigt sich bestens gelaunt und selbstironisch, beantwortet knifflige Fragen im Blitzschach-Tempo und witzelt über seine Leidenschaft für Rauchwaren.

ONETZ: An Ihrem Geburtstag kürzlich baten Sie in Amberg zur Premierenlesung. Die schönsten Geschenke machen Sie sich also selbst?

Eckhard Henscheid: Zum 77. schon – aber den Termin hat der Verleger selbst vorgeschlagen. Und ich war dann einverstanden. Ja, 77, das klingt doch noch sehr nach Jugend, 78 dagegen klingt härter, weshalb die Geschenke im nächsten Jahr größer ausfallen müssen. Einige aus meinem Umfeld haben den 80er längst überschritten – und ich spüre auch, dass es weniger werden und von uns scheiden. Ich hoffe, das ist bei mir noch nicht sobald der Fall. Trotz der einen Zigarre am Tag, die ich rauche, geht’s mir sehr gut.

ONETZ: Wie kommt ein Humorist wie Sie dazu, sich dieses alten Genres der Legende zu bedienen?

Eckhard Henscheid: Wenngleich ich kein Professor für Legendentum bin und mich theoretisch nicht damit befasst habe, kam es immer wieder vor, dass ich mich schon vor 20, 30 Jahren als Lesefrucht damit beschäftigte, was dann auch in eigene kleine Schriften mündete, die leicht groteske Färbung annahmen und zum Beispiel „Wie Deutschland entstand“ überschrieben waren. Das leicht Groteske passiert meinen historischen Vorbildern eher selten, allenfalls unfreiwillig. Mich hat das katholische Wesen und auch Unwesen spätestens seit dem 8. Lebensjahr allzeit fasziniert. Der Herr im anderen Leben wird’s schon zu würdigen wissen und mir nicht übel nehmen. Denn: Bei aller Verquertheit solcher Texte ist’s am Ende wohl immer freundlich, im katholischen Sinne barmherzig, gemeint.

ONETZ: Eine Vorliebe für das Althergebrachte zeichnete Sie ja schon in jüngeren Jahren aus – und bis heute stehen Sie als Dostojewskij-Kenner und Opernliebhaber ja bis über beide Ohren im 19. Jahrhundert ...

Eckhard Henscheid: Das ist nicht abzustreiten – die Leser und auch die sogenannten Fans freilich treibt’s zur Verwunderung. Zur Zeit faszinieren mich sogar führende CSU-Gestalten der Nachkriegszeit, Friedrich Zimmermann, Franz Heubl oder der total vergessene, kriminelle Landesgruppenchef Leo Wagner. Auch in der Literatur sagt mir neueres nicht mehr so sehr zu – oder nur dann, wenn es altmodisch angehaucht ist. Aber apropos Legenden: Wenn man sich den von mir bewunderten Oskar Panizza anschaut, der wegen eines Textes, der heutzutage im bayerischen Radio-Nachmittagsprogramm gesendet werden könnte, wegen Blasphemie verurteilt wurde und nur wenige Meter von meiner Wohnung ein volles Jahr lang im Amberger Gefängnis einsaß, dann erhoffe ich aber ganz und gar nicht, dass solche altmodischen Zeiten wiederkehren.

ONETZ: Weil wir gerade bei Gretchenfragen sind: Der Leser weiß oft nicht, ob dieser Eckhard Henscheid nun ein Bewunderer religiöser Angelegenheiten ist oder doch eher ein Spötter. Sie selbst wissen’s wohl auch nicht immer sicher zu sagen?

Eckhard Henscheid: Das ist tatsächlich so. Die Wahrheit liegt wohl in der Mitte – mit einer leichten Tendenz zur Bewunderung und weiteren Zuneigung fürs Religiöse – und auch zum Vergnügen daran. Ich hab das früher schon mal geschrieben: Wenn die Pfarrer und die Bischöfe heutzutage von diesen Dingen wenig mehr wissen – und ich vermute auch Ratzinger, der ehemalige Papst – dann müssen sich die Laien drum kümmern. Aber ich will nicht übertreiben – es dürfte schon noch vermutlich auf historisch-theologischem Gebiet Kenner und Fachleute zum Beispiel geben. Ich bin noch immer nicht der einzige Reichsverweser dieser seltsamen katholischen Vergangenheit. Es verwundert wiederum aber manche Leute, dass es von mir gleichzeitig sehr religionskritische Einlassungen gibt – in meinem eigenen Kopf aber widerspricht sich das eigentlich gar nicht. Das kann gut nebeneinander existieren, sowohl der Spott als auch die freundliche Zuwendung. Andererseits wäre ein Autorenleben wie das von Karl-Heinz Deschner – der 12 Bände Kritik an der katholischen Kirche in allen denkbaren Facetten vorgetragen hat – mein Bier nicht.

ONETZ: Ähnlich ist es ja in politischen Fragen: Den einen gelten Sie als „Vorzeigefigur der Linken“ – gleichzeitig aber hat Sie die andere Seite auch schon für sich reklamiert. Neigen Sie wie Thomas Mann je nach aktueller Opportunität in die dem Mainstream widersprechende Richtung – oder sind’s andere Beweggründe?

Eckhard Henscheid: Wenn der Begriff der Linken nicht schon allzu wässrig geworden ist, mittlerweile, so bilde ich mir ein, dass meine frühe Mitgliedschaft bei den Jusos und in der SPD schon noch sehr linksgeprägt ist. Die Einschätzung, dass ich mittlerweile ein „Rechter“ geworden sei, das kommt aus sehr ungenauen Motiven heraus und hat eigentlich nichts mit dieser Beschäftigung mit Heiligen, Katholizismus und Päpsten zu tun, sondern ist eher eine unerfreuliche Geschichte, ausgebrütet von ein paar unberatenen Schlaumeiern, die eine überdeutliche Neigung zur Denunziation haben. Dagegen kann man sich kaum wehren, außer, man ginge den umständlichen Weg über den Rechtsanwalt.

ONETZ: In diesem Zusammenhang wird Ihre Beiträgerschaft zur „Jungen Freiheit“ ins Feld geführt ...

Eckhard Henscheid: Selbst das ist nicht so ganz richtig – das waren zwei Gespräche aus jeweils aktuellem Anlass heraus sowie eine Unterschriftsleistung. Ja, und ein Artikel über Kanzlerin Merkel ist dort mal erschienen, vor rund zehn Jahren. Das war eher zufällig, der Text war für den „Focus“ aufbereitet, konnte dort aber nicht erscheinen und landete dann irgendwie bei der „Jungen Freiheit“. Das war eine Auseinandersetzung mit Merkels damals noch akuteren Unfähigkeit zu reden – die „Süddeutsche Zeitung“ hat daraufhin geschrieben: Wäre der Text woanders erschienen, der Jubel wäre groß gewesen. Meine – natürlich zweischneidige – Bewunderung dagegen heute gilt Merkel, dem Arbeitstier. Was sie für ein Büffel ist, das gereicht unserer Nation wahrscheinlich, zumindest von daher, nicht unbedingt zum Schaden.

ONETZ: In Ihrer Familie sind’s ja nicht nur Sie, der schreibt – auch Ihre Gattin Regina ist schriftstellerisch tätig.

Eckhard Henscheid: Ich durfte beim soeben in Neuausgabe erschienenen Katzenbuch seinerzeit Korrektur lesen, wie auch bei den Briefen Gneisenaus, die meine Frau publiziert hat. Aber ich fürchte, ich muss zugeben, dass ihre Arbeit bei meinen eigenen zuletzt entstandenen Büchern, die dominantere war und ist. Die oben besagten Heiligenlegenden hat diese Ehefrau von Anfang an gegengelesen – ich glaube, zuerst als Laie und etwas irritiert – dann mit zunehmendem Interesse, obwohl sie weder evangelisch noch katholisch ist. Wenn man heute kaum mehr einen Lektor hat, der noch die Zeit nimmt, einen gut zu beraten, dann ist so eine Ehefrau schon sehr dankenswert. Und sie ist, glaube ich, nicht nur eine beachtliche Autorin, sondern vor allem eine sehr gute Vorab-Leserin. Eine Spezialbegabung, in diesem Bereich. Ich vermute, darin mir überlegen, sogar deutlich.

ONETZ: Mit dem Legenden-Buch ist nunmehr zum zweiten Mal eine Publikation von Ihnen hier in Amberg im Büro Wilhelm-Verlag erschienen. Arbeitet ein Schriftsteller mit Leuten vor Ort vertrauensvoller zusammen?

Eckhard Henscheid: Ja, das war schon so, wir haben beide, meine Frau und ich, sehr gut mit dem noch jungen Verlag zusammengearbeitet – da hat alles auf das Tüpfelchen genau gestimmt. Dass große Verlage heute normalerweise gar kein Interesse mehr haben, Lektoratsarbeit zu leisten – das spielt natürlich für solche Entscheidungen auch eine Rolle. Nicht nur in meinem Fall – ich vermute, dass heutzutage nahezu alle entstehenden Bücher nicht allzu sorgfältig von einem Lektorat betreut werden. Sodass so eine inzwischen beinahe schon familiäre Bindung, wie sie zum „Büro Wilhelm-Verlag“ besteht, ganz empfehlenswert ist. Für den Verlag hat’s ja vor Jahren ganz klein begonnen – und das hat sich jetzt doch bereits enorm ausgewachsen. Ich begrüße das sehr.

Eckhard Henscheid
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