01.04.2020 - 16:45 Uhr
AmbergDeutschland & Welt

Coronakrise: Bürokratie als Masken-Verhinderer

An allen Ecken und Enden bekämpfen die Deutschen die Corona-Pandemie - nur die Bürokratie hat sich noch nicht an das neue Tempo gewöhnt. Kompliziertes Regelwerk verhindert die Lieferung von Schutzausrüstung.

Der gute Ray Wu aus Sichuan und sein Amberger Mentor Peter Brunner.
von Jürgen Herda Kontakt Profil

Herr Wu liebt Amberg. Der Junior-Professor der Pekinger Universität hatte in Berlin und Halle studiert und promoviert. Betreut wurde der Nachwuchswissenschaftler aber vom Amberger Berufsschullehrer Peter Brunner. "Wir sind immer noch im regen Austausch", erzählt der Pensionär, der in Wus Heimatregion Sichuan pädagogische Vorträge hielt. "Und weil er stets am Laufenden über unsere Lage ist, wollte er uns mehrere Päckchen einfache Schutzmasken à 300 Stück schicken."

Nur zertifizierte Masken

Die Freundschaftsgeste scheiterte am DHL-Schalter: Dort ist zu lesen, dass der "Deutsche Post"-Ableger nur zertifizierte Ware verschickt. "Alles andere würde der Zoll nicht passieren lassen", habe man Herrn Wu erklärt, der dafür wenig Verständnis hat. "Einfache Masken sind doch besser als gar keine", findet der Gelehrte, "und in die USA und in andere europäische Länder darf man sie ja auch verschicken."

Wenig Verständnis dafür hat auch der Weidener Bundestagsabgeordnete Albert Rupprecht, der auf Anfrage von Oberpfalz-Medien sofort zurückruft: "Ich kann's abschließend nicht rechtlich beurteilen", schränkt der CSU-Politiker ein, "aber wenn über Mundschutz in Supermärkten diskutiert wird, sollen die Leute, die dafür an oberster Stelle zuständig sind, gefälligst eine Lösung organisieren."

Rot umrandete CE-Kennzeichnung: DHL informiert in China, nur zertifizierte Ware anzunehmen.

Andere Kriterien als bei medizinischen Masken

Natürlich müssten für medizinische Ausrüstung andere Kriterien gelten: "Aber doch nicht für solche einfachen Masken, mit denen sich Lieschen Müller ein wenig schützen kann." In so einer dramatischen Situation, könne es nicht angehen, dass "eine staatliche Stelle blockiert".

In der Sache "Masken für die Kliniken Nordoberpfalz" hat Rupprecht bereits einen Erfolg erzielt: Auch da ging Privatinitiative voraus: "Ein Altenstädter hat eine Partnerin in Shanghai, in deren Geburtsort Masken hergestellt werden." Der Vater des Altenstädters sei in Erbendorf bei der Kliniken AG beschäftigt.

Weidener Masken in Leipzig

In diesem Fall blieb die Ausrüstung beim Zoll in Leipzig hängen: Die Nummerierung sei nicht ganz korrekt gewesen. "Wegen eines Zahlendrehers dringend benötige Ausrüstung nicht auszuliefern, kann in der jetzigen Situation nicht euer Ernst sein", habe der Abgeordnete dem Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Post, dem obersten Chef des deutschen Zolls und einem Staatssekretär im Bundesfinanzministerium klar gemacht.

Weil beim Handel mit China gute Kontakte das A und O seien, bestünde sogar die Chance, dass die Firma in größerem Stil liefern könne. Aber auch da gibt es einen Haken: "Spahn will eine Ausschreibung", sagt Rupprecht, "mit den ganzen Regularien und dem zeitlichen Ablauf ist das in einer Notlage wie der jetzigen völlig absurd." Der Abgeordnete will deshalb darauf drängen, dass die Vorgaben der existenziellen Bedrohung angepasst werden. Zumal derzeit jedes faire Angebot für Schutzausrüstung ein Glücksfall sei: "Auf den Märkten wird das 50- bis 100-Fache bestellt. "Manche Produzenten sind da verlockt, abzuwarten und das Material so teuer wie möglich zu verkaufen."

Bestellung auf Bundesebene

Um diese Problematik in den Griff zu bekommen, versuche Berlin den Kauf solcher Güter auf Bundesebene zentral zu organisieren: "Bisher spielen sich die Bundesländer gegenseitig aus", bedauert Rupprecht, "eine einheitliche Zuständigkeit in einem Bundesministerium wäre ein gewichtiges Pfund in der Verhandlung mit China."

Die Minister Spahn und Kramp-Karrenbauer würden in dieser Frage an einem Strang ziehen: "Die Produzenten und Maschinen kommen aus Deutschland, nur die Fertigung ist in China", habe man inzwischen die Abhängigkeit als Grundproblem identifiziert. "Wir werden ab Mai die Produktion wieder in Deutschland haben", verspricht Rupprecht. "Vorher bekommen sie das mit den Maschinen nicht hin." Auch Ministerpräsident Markus Söder habe sich eingeschaltet. "Ich gehe davon aus, dass sich unsere Verhandlungsposition verbessert, sobald die Marktmacht dort gebrochen ist - und dass der schlagkräftige Spahn das in den nächsten Tagen umsetzt."

Für solche FFP2 Atemschutzmasken gelten zertifizierte Standards.

Task-Force für Datenverarbeitung

Eine Lösung für März und April sei in Sicht. Mittelfristig müsse die gesamte arbeitsteilige Weltwirtschaft auf den Prüfstand gestellt werden: "Die kritische Infrastruktur, wie die Medikamentenproduktion, muss in Deutschland gewährleistet werden." Weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit habe man zwar bereits nach der Sars-Epidemie massiv aufgestockt: "Wir haben als Fachpolitiker Strukturen aufgebaut", sagt Rupprecht, "aber das hat keinen interessiert."

Der Corona-Schock erhöhe das Bewusstsein: "Trotzdem müssen wir auch kurzfristig einiges bewegen", ergänzt der CSU-Politiker, "der Virologe Christian Drosten sagt, er müsse am Patienten arbeiten und könne nicht auch noch Daten verarbeiten." Da dies aber für die Forschung unabdingbar sei, stelle man jetzt eine Taskforce zusammen, um den Erkenntnisgewinn zu organisieren.

Oberpfälzer Kliniken rüsten sich für den Ansturm:

Schutzausrüstung überall dringend benötigt

Die Oberpfälzer Krankenhäuser versorgen immer mehr Corona-Patienten.

◘ Kliniken Nordoberpfalz AG

„Grundsätzlich stellt sich die Lage in unseren Häusern als stabil dar, wenn auch eine Zunahme der Patienten mit Verdachtsfällen oder bestätigter Covid-19-Erkrankung zu verzeichnen ist“, erklärte Michael Reindl, Sprecher der Kliniken Nordoberpfalz AG. Die Kapazitäten auf einigen Normalstationen und für intensivmedizinische Betreuungsmöglichkeiten am Klinikum Weiden und am Krankenhaus Tirschenreuth würden sukzessive erhöht. Den Bestand an Schutzausrüstung bezeichnete Sprecher Reindl als „derzeit ausreichend“. Beim Mundnaseschutz seien kurzfristig leichte Engpässe festzustellen. Am Montag ging ein Diagnostikzelt neben der Notaufnahme des Klinikums Weiden in Betrieb. Dort werden Covid-19-Verdachtsfälle und -Erkrankte untersucht.

◘ Klinikum St. Marien in Amberg

Am Klinikum St. Marien in Amberg sind aktuell drei bestätigte Covid-19-Patienten sowie zehn Verdachtsfälle in Behandlung, wie Sprecherin Sandra Dietl am Dienstag mitteilte. „Wir haben die Lage derzeit im Griff.“ Das Klinikum verfüge über zwei Stationen für die Behandlung von Covid-19-Patienten und Verdachtsfällen, erklärte Dietl. Zudem stehe eine separate Intensivstation mit Beatmungsmöglichkeit zur Verfügung. Die Versorgung mit Desinfektionsmitteln und Schutzausrüstung nennt Dietl „weiterhin sehr schwierig“.

◘ Krankenhaus St. Barbara Schwandorf

Auch am Krankenhaus St. Barbara in Schwandorf laufen Vorbereitungen, um die organisatorischen Abläufe an die steigende Anzahl von Covid-19-Patienten anzupassen. Vor der Zentralen Notaufnahme entstand mittels Trockenbau ein 100 Quadratmeter großer Bereich, um Patienten in Empfang zu nehmen.

◘ Universitätsklinik Regensburg

Am Universitätsklinikum Regensburg werden aktuell acht bestätigte Covid-19-Patienten behandelt, teilte Sprecherin Isolde Schäfer mit. Auf eine steigende Anzahl stationärer Corona-Patienten sei die Uniklinik gut vorbereitet. „Wir halten drei Stationen mit und ohne Beatmungsplätzen für entsprechende Patienten frei und können je nach Bedarf weitere Beatmungsplätze einrichten.“ Das Beratungs- und Testzentrum im Außenbereich der Notaufnahme sei in der vergangenen Woche nochmals erweitert worden: 250 Tests finden dort im Schnitt täglich statt. Mit Schutzausrüstung sieht sich die Uniklinik derzeit noch gut ausgestattet. Desinfektionsmittel wird in der Klinikapotheke selbst hergestellt. Eine große Hilfe in herausfordernden Zeiten ist der Ärztenachwuchs: Mehr als 200 Medizinstudenten haben sich laut Schäfer freiwillig gemeldet, um die Teams in der Uniklinik zu unterstützen.

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