16.03.2020 - 20:23 Uhr
AmbergDeutschland & Welt

Coronakrise in der Gastronomie: Sogar Beerdigungen werden abgesagt

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Der Katastrophenfall in Bayern bringt Gastronomen an die Existenzgrenze. Nur Lebensmittelhändler sehen keine Engpässe.

"Geschlossen bis?": Stammtisch im Weidener "Alten Schuster" mit Wirt Robert Drechsel (Dritter von links).
von Jürgen Herda Kontakt Profil

Eine seltsame Atmosphäre hat Bayern im Griff. Im Supermarkt schleppen Kunden Klopapierpackungen und Kartons voller Nudeln weg, die Medien kennen nur noch ein Thema und selbst Ministerpräsident Markus Söder blickt ernst wie nie, als er den Katastrophenfall wegen der Coronakrise ausruft.

Sich der allgemeinen Nervosität zu entziehen, ist nicht leicht. Immerhin: Ein Sprecher der Prodinger KG mit Sitz in Waldsassen, beruhigt: "Wir stellen keine Engpässe fest", sagt er mit Blick auf Hygieneprodukte, die das Coburger Unternehmen unter anderem vertreibt. "Wir beziehen Toilettenpapier von verschiedenen Herstellern auch in Deutschland." Die Sorge vor Versorgungslücken sei unbegründet, versichert auch der Lebensmittelhandel. "Die Logistikketten arbeiten unter Volllast, aber sie funktionieren", sagt Christian Böttcher, Sprecher des Verbands.

Rewe und Lidl: Keine Probleme

Sollten Quarantänezonen in Lieferländern ausgeweitet werden, könne es allenfalls bei dem ein oder anderen Produkt kurzfristig zu Engpässen kommen. "Lidl Deutschland arbeitet gemeinsam mit seinen Lieferanten und Logistikpartnern intensiv daran, die Warenversorgung in seinen Filialen sicherzustellen und die Logistiklager mit stark nachgefragten Artikeln zu bevorraten", stellt eine Sprecherin klar.

Und auch ein Rewe-Sprecher weiß: "Anhand unserer digitalen Infrastruktur können wir quasi in Echtzeit sehen, was in den jeweiligen Märkten über die Scannerkassen gelaufen ist." Aus den mehr als 30 Zentrallagern, die die Rewe Group bundesweit unterhält, könnten dann die entsprechenden Produkte geordert werden.

Edeka: "Öffnungszeiten werden nicht verändert"

"An den bestehenden Öffnungszeiten unser Edeka-Märkte sind durch unsere Großhandlung keine Änderungen geplant", teilt eine Sprecherin von Edeka Nordbayern auf Anfrage von Oberpfalz-Medien mit. Der Katastrophenfall würde eine Ausweitung der Verkaufszeiten auf 6 bis 22 Uhr an Werktagen und 12 bis 18 Uhr an Sonn- und Feiertagen vorsehen. "Bereits heute arbeiten unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an den Grenzen ihrer Belastbarkeit", begründet sie.

Kursierende Gerüchte in den sozialen Medien, wonach die Bundesregierung angeblich weitere Einschränkungen des öffentlichen Lebens plane, weist sie zurück: "So wird beispielsweise in einer Sprachnachricht auf Whats-App vor einer unmittelbar bevorstehenden Schließung von Lebensmittelmärkten bzw. einem eingeschränkten Angebot gewarnt. Diese Gerüchte sind falsch und entbehren jeder Grundlage."

Ob klein oder groß, Edeka sieht keine Versorgungsengpässe kommen.

Hubert Obendorfer: "Es geht ums Überleben"

Hörbar mitgenommen äußert sich Hubert Obendorfer, Kreisvorsitzender des Hotel- und Gaststättenverbandes in Schwandorf gegenüber Oberpfalz-Medien: "Ich warte auf den Rückruf des Regierungspräsidenten", erklärt der Chef des Landhotels Birkenhof in Neunburg vorm Wald. "Die Staatsregierung muss nochmal nachjustieren." Derzeit verwirrten widersprüchliche Regelungen die ohnehin gebeutelten Hoteliers: "Wir dürfen eigentlich offen sein, aber unser Restaurant, unser Wellnessbereich, unsere Tagungsräume sind gesperrt."

Solche Szenarien seien vielleicht noch in Stadthotels denkbar, obwohl sich auch die leerten. "Aber Landgasthöfe leben von Veranstaltungen und Hochzeiten." Am Wochenende habe er noch viele Gäste gehabt, auch jetzt gebe es noch Anfragen: "Wir sind da im Zwiespalt", sagt Obendorfer, wir tragen die Verantwortung für Gäste und Mitarbeiter." Deshalb fordere er schleunigst eine klare Regelung innerhalb der nächsten zwei Tage. Kurzarbeit würden fast alle Betriebe beantragen, noch wichtiger sei aber eine Liquiditätszusage der Bank: "Es geht ums Überleben, wir brauchen Garantien für die Mitarbeiter, um bereit zu sein, anschließend wieder in den Markt einzusteigen."

Und das wird dauern: "Wenn's nur 20 Prozent durch die Mühle dreht, hoffe ich, dass ich auch bei denen bin, die's mit blauem Auge überleben." Er rechne danach mindestens mit zwei Jahren Konsolidierungsphase. "Ich hoffe, dass die Hausbank die Zusagen von Staatsbürgschaften über die Lfa mit Wohlwollen weiterreicht, um Ruhe in den Markt zu bekommen."

"Eigentlich bin ich ein Vollgaser", sagt Birkenhofchef Hubert Obendorfer, "aber diese verrückte Situation kostet Nerven."

Ambergs Kult: Besser jetzt ganz runterfahren

Das Café Kult in Amberg dagegen wird die Erlaubnis für Speiselokale nicht nutzen, von 6 bis 15 Uhr für maximal 30 Gäste zu öffnen, die im Mindestabstand von eineinhalb Metern zu platzieren sind. "Das passt nicht zur Warnung sämtlicher Virologen", wundert sich Geschäftsführer Sebastian Weiß. "Aus sozialer Verantwortung den Gästen und den Mitarbeitern gegenüber werden wir bis auf weiteres schließen." Auch wirtschaftlich sei ein Betrieb von sechs Stunden nicht zu rechtfertigen: "Ob Personalkosten oder Kühlketten, die Kosten werden nicht gedeckt."

Besser jetzt ganz runterfahren: "Desto früher können wir zurück zum Normalbetrieb." Um die Auszeit zu überstehen würde sich Weiß die Reduzierung der Mehrwertsteuer auch für Speisen auf 7 Prozent wünschen. "Wir haben keine liquiden Reserven, dann hätten wir wenigstens ein Polster." Untereinander seien sich die Amberger Wirte da völlig einig.

"Geschlossen bis ?"

Auch Robert Drechsel, Dehoga-Kreisvorsitzender in Weiden schüttelt den Kopf: "Ich persönlich mache den Zirkus nicht mit", sagt der Chef im "Alten Schuster". Das Mittagsgeschäft sei eine Option für Imbissbetriebe und Bäckereifilialen: "Die klassische Gastronomie ist abendlastig." Drechsel nutzt die Zwangspause für aufgeschobene Aufgaben: "Ich werde den Biergarten aufmöbeln mit einem Mitarbeiter, den ich nicht ausstellen will." Noch am Sonntagabend hatte er Full House bei einer Veranstaltung, jetzt steht ein Schild mit "Geschlossen bis ?" vor der Tür.

Das Kurzarbeitergeld sei an sich schon sinnvoll, allerdings habe er in der Vergangenheit den Versuch, eines zu beantragen, abgebrochen. "Wenn es praktikabel gestaltet wird, ist es ein Mittel, betriebsbedingte Kündigungen abzuwenden." Den Staat fordert er auf, bei Pachtbetrieben für einen Monat die Pacht zu übernehmen: "Ansonsten geht das Wirtshaussterben weiter - sogar Beerdigungen werden abgesagt."

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