14.07.2020 - 17:32 Uhr
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Coronatest: "In beide Nasenlöcher und auch noch in den Rachenraum"

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In Bayern kann sich jeder Bürger seit dem 1. Juli kostenlos auf Covid-19 testen lassen. Hausärzte aus Amberg und Weiden berichten, wie es in der Praxis abläuft - nicht immer so harmlos wie im Fernsehen gezeigt.

Da kann schon mal eine Träne fließen, wenn das Stäbchen tief in die Nase eingeführt wird. Denn die Prozedur ist nicht angenehm. Dr. Thomas Steger erklärt aber: „Die Patienten halten das schon aus.“
von Reiner Fröhlich Kontakt Profil

Vor rund zwei Wochen hat der bayerische Ministerpräsident Markus Söder verkündet, dass sich alle Bürger Bayerns auch ohne Symptome auf Covid-19 testen lassen können - kostenlos. Seit dem 1. Juli ist das möglich. Die Tests übernehmen die Hausärzte. Oberpfalz-Medien hat in zwei größeren Praxen in Amberg und Weiden nachgefragt: Rund 70 Personen haben sich dort seit Beginn von Söders Aktion freiwillig testen lassen - aber niemand war bisher positiv.

Zusätzlicher Aufwand

"Die Leute können anrufen und bekommen spätestens am nächsten Tag einen Termin", erklärt Dr. Daniel Polito von der Hausärzte-Praxis Amberg. "Wir bieten jeden Tag extra Sprechstunden dafür an. Es kommen täglich Leute", sagt Dr. Polito, der selbst schon etliche Abstriche gemacht hat. "Momentan ist es für uns ein zusätzlicher Aufwand." Ein Arzt müsse sich aus dem normalen Sprechstundenbetrieb ausklinken, um dann in Schutzkleidung die Tests durchzuführen. "Wir haben diese Ganzkörper-Anzüge, die Masken und Handschuhe. Inzwischen läuft aber alles problemlos."

Es wird unterschieden zwischen Patienten, die Symptome haben, und denjenigen, die den freiwilligen Test machen lassen wollen. "Das muss in getrennten Sprechstunden erfolgen, wir haben zum Glück einen zweiten Anbau, und da können wir alles gut organisieren."

Mehr Sinn im Herbst

Das eine ist der Ablauf der Tests, das andere ist das Verständnis für das Versprechen von Markus Söder. "Ich habe zuerst die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen, als die Ankündigung kam. Denn ich bin eher skeptisch, was den Sinn dieser ganzen Aktion angeht. Es handelt sich nur um eine Momentaufnahme, die vermutlich nur einen Statistiker interessiert."

Es diene aber einem guten Zweck, nur der Aufwand erschließe sich ihm nicht ganz. "Wenn irgendwelche Erkrankungen auftauchen, sollte man großzügig testen - und gezielt. Aber flächendeckende Tests jetzt müssten nicht sein." Das mag sich wieder ändern, so Dr. Polito, wenn der Herbst anrücke und die Viren in der kühleren Umgebungsluft wieder länger überleben.

Der Arzt nimmt den Abstrich in voller Montur mit Anzug, Handschuhen, Maske und Schutzbrille vor.

Spezielle Sprechstunde

"Es war eher schleppend, und der Sommer ist sowieso keine Zeit für Erkrankungen der oberen Atemwege", erläutert Dr. Tobias Müller von der Gemeinschaftspraxis Weiden-Ost. Völlig problemlos sei ebenfalls die Anmeldung zum Test, per Telefon ist das möglich. "Wir bieten zeitnah einen Termin an, entweder am gleichen oder am nächsten Tag. Dann kommen die Leute in eine spezielle Infektionssprechstunde gegen die Mittagszeit, so zwischen 11 und 12 Uhr." 24 Stunden später liege das Ergebnis des Tests vor, der pro Patient einen zeitlichen Aufwand von rund 15 Minuten bedeute. Aber nicht in der Praxis: "Wir machen die Abstriche unten vor der Tür, unter höchsten Hygienemaßnahmen. Ein Arzt im sterilen Kittel übernimmt das, berührungsfrei. Die Patienten kommen gar nicht in unsere Praxis." Knapp 40 Personen haben sich in den vergangenen zwei Wochen in der Gemeinschaftspraxis Weiden-Ost testen lassen - niemand war bisher Covid-19-positiv.

Wo und wie viele: Die Corona-Pandemie in Zahlen (Oberpfalz, Bayern, Deutschland)

Weiden in der Oberpfalz

Sehr weit nach hinten

Der Test selbst sei aber keineswegs unproblematisch: "Man muss sich das mal vorstellen. Ich stecke beim Patienten zuerst das Stäbchen in beide Nasenlöcher. Man muss das schon ein bisschen einführen. Das gleiche Stäbchen wird dann in den Mund-Rachenraum gesteckt und trifft hinten das Zäpfchen, die Uvula. So weit muss man hinter kommen," sagt Dr. Müller.

Das Problem dabei: "Da kann man öfters einen Würg- und Spuckreiz auslösen. Der ist gefährlich, wenn der Patient vor dem Arzt steht und fängt zum Würgen und Spucken an. Dann ist genau das erreicht, was man vermeiden will: Nämlich dass es zur Verbreitung von Viruspartikeln kommt."

Das sei gar nicht so selten, sagt Dr. Tobias Müller. Denn den Reiz könne man auch nicht unterdrücken, das sei ein "unwillkürlicher Reiz". So wie Räuspern oder Husten oder Atmen. "Man kann die Luft schon anhalten, aber dann fängt man unwillkürlich wieder an zu atmen." Beim Test auf Covid-19 ist es erforderlich, dass sowohl in beiden Nasenlöchern und im Rachenraum der Abstrich erfolgen müsse. "Ich beginne immer erst in der Nase. Wenn man im Rachenraum beginnt und löst einen Würgereiz aus, kann es sein, dass man abbrechen muss. In der Nase passiert das nicht", erläutert Dr. Tobias Müller.

Da kann man öfters einen Würg- und Spuckreiz auslösen. Der ist gefährlich, wenn der Patient vor dem Arzt steht und fängt zum Würgen und Spucken an.

Dr. Tobias Müller, Gemeinschaftspraxis Weiden-Ost

Dr. Tobias Müller, Gemeinschaftspraxis Weiden-Ost

Immer wieder zum Testen?

Ebenso wie sein Kollege Dr. Polito in Amberg hat er gewisse Bedenken, was Söders Testaktion betrifft: "Wenn Sie lustig sind, können Sie 30 mal den Abstrich machen lassen. Immer wenn Sie denken, Sie sind krank, dann gehen Sie zum Arzt. Das macht keinen Sinn." Es sei zwar noch nicht vorgekommen, dass ein Patient zweimal zum Coronatest gekommen sei, aber in der Theorie sei das möglich.

Verfälschung der Statistik

Das sei eine große Gefahr, wie Statistiken verfälscht werden können. "Einen solchen statistischen Fehler nennt man Bias. Ein Beispiel: Wenn Sie eine Bevölkerung mit einem Schwangerschaftstest testen, und Sie würden Frauen und Männer testen. Dann begehen Sie einen Fehler. Denn die Hälfte der Tests ist negativ." Bei Coronatests müsse man auch die Inkubationszeit berücksichtigen, und in dieser Zeit könne man sich gar nicht erneut angesteckt haben.

Ich bin eher skeptisch, was den Sinn dieser ganzen Aktion angeht. Es handelt sich um eine Momentaufnahme, die vermutlich nur einen Statistiker interessiert.

Dr. Daniel Polito, Hausärzte Amberg

Dr. Daniel Polito, Hausärzte Amberg

Hintergrund:

Rechnung direkt an den Freistaat

Die Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns (KVB) hat für die kostenlosen Tests in den Hausarztpraxen eine eigene Abrechnungsziffer geschaffen. "Dieser Test wird nicht über die Krankenkassen abgerechnet, sondern landet beim Ministerium", erklärt Stefan Schmidt von der AOK Amberg.

Die KVB steuert alle Abrechnungen, im Normalfall werden diese an die zuständigen Krankenkassen weitergegeben. Genaue Zahlen, wie viele Tests in Bayern bisher durchgeführt wurden, sind noch nicht bekannt, denn die Abrechnungen erfolgen quartalsweise - das dritte Quartal umfasst die Monate Juli, August und September, so dass erst ab Oktober die Daten bekanntwerden.

"Es gibt für den Abstrich eine Pauschale, dazu kommen die Laborkosten und der Versand. Wir sammeln das alles, die Gesamtrechnung geht dann an den Freistaat", erklärt Axel Heise von der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns. In Zahlen: Exakt 16,53 Euro erhält ein Hausarzt für den Abstrich, die Laborkosten betragen 39,40 Euro, dazu kommt noch der Versand der Proben mit 2,60 Euro. (ref)

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