07.02.2020 - 15:39 Uhr
AmbergDeutschland & Welt

Denkmäler im Herzen einer pulsierenden Stadt

Das vergangene Jahr stand kulturell betrachtet im Zeichen vom „Bauhaus“: Die Gründung der berühmten Architekturschule in Weimar jährte sich nämlich 2019 zum einhundertsten Mal. Auch Amberg war daran beteiligt.

Das Haus Romanov wurde 1925 von dem aus Deutschland stammenden Architekten Leo Adler errichtet. Der symmetrische Bau ist ein Hingucker in Himmelblau und war damals als außergewöhnlich innovativ für seine Zeit – und ist noch heute ein echter Hingucker in Himmelblau. Heute beherbergt es ein Hotel mit Pool.
von Peter GeigerProfil

Die Stadt an der Vils beherbergt mit der Glaskathedrale die letzte Arbeit von Bauhausgründer Walter Gropius – beging in vielfältiger Weise dieses Jubiläum. Unter anderem war im Herbst der Bayerische Bauminister Hans Reichardt zu Gast und gab hier seinen Staatsempfang im Rathaus. Als Festrednerin war an diesem Abend auch Sharon Golan Yaron geladen, eine in Amberg geborene Architektin und Denkmalpflegerin, die in Tel Aviv als Leiterin des „Lieblinghauses“ das dortige Bauhaus-Erbe pflegt. Um Rückschau zu halten - aber auch zu erfahren, wie das Erbe in die Zukunft geführt werden soll, haben wir mit der promovierten Denkmalpflegerin und Architektin gesprochen.

Walter Gropius: Die Glaskathedrale in Amberg

Amberg

ONETZ: Geboren wurden Sie in der Oberpfalz. Heute aber leben Sie in Tel Aviv. Was ist der größte Unterschied zwischen diesen beiden Welten?

Sharon Golan Yaron: Ja, der Unterschied ist wirklich enorm: Denn Tel Aviv ist eine sehr lebendige Stadt, ein Ort, der permanent vibriert! Hier muss immer alles schnell gehen. Es wird viel und lang gearbeitet, aber auch dauernd gefeiert. „Carpe Diem“ scheint ihr Motto zu sein.

ONETZ: Aber: Es gibt auch eine Gemeinsamkeit. Sowohl bei Ihnen am Mittelmeer wie in der hiesigen kargen Gegend sind Bauhaus-Gebäude zu finden.

Sharon Golan Yaron: Ja, für mich war das eine so schöne Erfahrung, hier in der Oberpfalz mit der Glaskathedrale ein Stück Bauhaus zu finden! Es gibt ja gar nicht so viele davon in Bayern. Das verbindet nicht nur für mich persönlich Tel Aviv mit Amberg.

ONETZ: Die Idee dieser letzten Arbeit von Bauhausgründer Gropius ist ja auch von funktionalen Aspekten getragen …

Sharon Golan Yaron: Ja, Walter Gropius wollte ja, dass die Arbeiter in dieser Fabrik ein ideales Umfeld vorfinden und dass für sie während der Arbeit ein angenehmes Klima herrscht. Und statt Betonwände hat er mitunter auch Glas verwendet, um so Transparenz zu gewährleisten. Das war schon sehr fortschrittlich gedacht! Genau so, wie das die Architekten gemacht haben, die mit der fünften Immigrationswelle zwischen 1934 und 1948 nach Israel kamen und dort für einen architektonischen Neuanfang sorgten. Hier wurde ja ein Land vollkommen neu aufgebaut, und dabei wurden auch utopische Ideen in Beton gegossen. Diese Baumeister verstanden das durchaus so, dass sie an einer besseren Welt arbeiteten.

ONETZ: Das heißt: Wer sich für die Geschichte dieser speziellen Ästhetik dieser Architekturschule interessiert, kommt um die Schrecknisse des 20. Jahrhunderts und Geschichten von Flucht, Vertreibung und Exil nicht herum. Für Sie ist das aber Familiengeschichte …

Sharon Golan Yaron: Ja, ganz genau. Meine Großeltern, die haben sich, nachdem sie während des Krieges in Konzentrationslagern inhaftiert waren, in einem „Displaced Persons“-Lager in der Nähe von Schwarzenfeld gefunden. Sie haben dann beschlossen, sich in Amberg niederzulassen. Denn hier gab es auch die Möglichkeit für einen Neubeginn. Das stand im Gegensatz zu zehntausenden Juden, die sich vor dem Krieg dazu entschlossen hatten, ins Palästina des britischen Mandats zu fliehen. Dort entstand so in den 1930er Jahren das moderne Tel Aviv mit seinen rund 4.000 Gebäuden im Bauhausstil, die heute so genannte „Weiße Stadt“.

ONETZ: Und genau diese Stätte, das „White City Center“ in Tel Aviv, leiten Sie heute. Dort, im „Lieblinghaus“, wird die Tradition der Bauhaus-Architektur als UNESCO-Weltkulturerbe in der Levante gepflegt. Wie haben Sie der einhundert Jahre zurückliegenden Gründung des Bauhauses gedacht?

Sharon Golan Yaron: Ja, dieses Zentrum ist erst im vergangenen Jahr eröffnet worden - das ist noch ganz neu! Und das hat natürlich mit dem Bauhausjubiläum zu tun: Die Stadtverwaltung von Tel Aviv hat gemeinsam mit dem auch für Bau und Heimat zuständigen Bundesinnenministeriums dieses Projekt angestoßen. Ausschlaggebend dafür war die Idee, dass hier auch deutsches Erbe vorhanden ist. Für Israelis ist es ja ansonsten sehr schwierig, die Ikonen, die die Bauhausbewegung hinterlassen hat - sei es in Dessau oder in Berlin - zu besuchen. Und es gibt bei uns noch einen Unterschied: Hier in Tel Aviv wohnen die Menschen in den Gebäuden. Für sie war das bislang so alltäglich, dass viele sich gar nicht bewusst waren, dass diese etwas so Besonderes und Außergewöhnliches sind.

ONETZ: Das heißt: Sie wollen aus dem Alltäglichen das Besondere herausschälen?

Sharon Golan Yaron: Ja, die Bevölkerung hier muss oft erst verstehen, dass sie in einem sehr interessanten Gebäude lebt. Und dass diese Häuser Deutschland und Israel miteinander verbinden. Das „Lieblinghaus“ soll auch einen Austausch ermöglichen, beispielsweise im Bereich der Forschung. Da ist ja immer noch eine grandiose Substanz vorhanden, sodass sich sehr interessante Ansätze zu Kooperationen ergeben. So schaffen wir auch Möglichkeiten, dass sich junge Deutsche und Israelis auf Augenhöhe begegnen und nicht nur über die Schrecken der Shoah reden. Stattdessen bieten wir ein Projekt, mit dessen Hilfe wir gemeinsam in die Zukunft schauen können. Denkmalschutz wird hier ganz anders definiert als in Deutschland. Wir wollen nicht in einem Ensemble leben, das eingefroren ist wie in den 1930er Jahren. Hier bei uns kann man begreifen, dass man sich im Herzen einer pulsierenden Stadt befindet. Und dass Denkmalschutz nicht Stillstand, sondern auch Weiterentwicklung bedeuten kann.

ONETZ: Und im September waren Sie auch hier bei uns in Amberg zu Gast. Wie war das für Sie, zurückzukehren in Ihre Geburtsstadt?

Sharon Golan Yaron: Ich fahre immer sehr gerne nach Deutschland. Und ich glaube, es ist sehr wichtig, dass wir beide Welten zusammenführen. In Amberg war ich seit 25 Jahren nicht mehr - vielleicht war es auch deshalb ein so unglaubliches Erlebnis, weil alle Kindheitserinnerungen zurückkehrten. Die Stadtmauer, diese tollen grünen Wälder ringsherum. Ich hab mir auch gleich eine Leberkäs-Semmel geholt am Marktplatz. Ich saß da mit meinem Vater und wir schwelgten in Nostalgie.

ONETZ: Aber sie haben auch die Gegenwart wahrgenommen?

Sharon Golan Yaron: Für mich schloss sich ein Kreis, weil ich auch meinen Cousin getroffen habe. Der ist heute Rabbiner in der Synagoge in Amberg, und feierte gerade mit der Gemeinde den Beginn des Schabbat. Das war für mich sehr bewegend zu sehen, wie die jüdische Gemeinde in Amberg zu neuem Leben erwacht ist. Und mich hat auch begeistert, dass gerade an dem Tag, an dem ich da war, viele junge Menschen zusammenfanden, um gegen den Klimawandel zu demonstrieren. Die Weltoffenheit, das Pluralistische, ja, das hat mich sehr eingenommen. Man kümmert sich um die Welt und um Bürger, die nicht aus Bayern stammen!

ONETZ: In Amberg haben Sie erzählt, dass sich in der Sprache der Mauerer in Israel sehr viele deutsche Begriffe finden. Ein Echo der Wirren des 20. Jahrhunderts also …

Sharon Golan Yaron: Viele Handwerker brachten ihr Know-How ja aus Deutschland mit – und die haben diese Tradition hier bei uns in Tel Aviv gut etabliert. Ja, und die brachten eben auch heute noch gebräuchliche Begriffe wie „Oberkante – Unterkante“, „Unterputz“ oder „Stecker“ mit. Die deutschen Einwanderer bürgerten in Israel also nicht nur Goethe und Schiller ein!

ONETZ: Mit dem Jahr 2020 geht die Bauhausgeschichte in ihr einhunderterstes Jahr. Was bestimmt Ihre tägliche Arbeit, um das Unesco-Weltkulturerbe in Tel Aviv zu erhalten?

Sharon Golan Yaron: Wir arbeiten in verschiedenen Richtungen, weil wir wollen, dass unser Angebot auf allen Ebenen ankommt. Es gibt Touren für Kinder, wir veranstalten gemeinsam mit der „Handwerkskammer Berlin“ Seminare und wir betreiben ein Fellowship-Programm. Aber für uns sind auch Themen wichtig, die die heutige Stadtentwicklung betreffen. Wir sind Teil der Ingenieursabteilung und müssen entscheiden, wie der öffentliche Raum auszusehen hat. Und wir wünschen uns, dass unsere Bevölkerung ihre eigene Identität wahrnimmt, weil wir dieses Kulturerbe für die Zukunft erhalten wollen.

ONETZ: Gibt es trotz des Wettervorteils etwas, das Sie in Israel vermissen, aus Deutschland?

Sharon Golan Yaron: Wenn ich meine Augen schließe – dann gehe ich in Amberg auf dem Berg im Wald spazieren. Wir haben in Tel Aviv zwar das Meer, aber es ist alles sehr eng! Ich vermisse die Weiten und das Grün Deutschlands sehr oft. Wir hier sind zwar sehr kreativ und spontan, während man in Deutschland plant und vereinbarte Termine einhält. Das macht das Leben oft einfacher. Und dann vermisse ich auch die Gerüche und die Geschmäcker meiner Kindheit: die Pilze, den Spargel, die Beeren. Und meine Großeltern, die dort Pferde züchteten.

Aus dem Max-Liebling-Haus, 1936 nach Entwürfen des Architekten Dov Karmi von Max und Tony Liebling gebaut, wird das Denkmalschutz- und Architekturzentrum „Liebling Haus – The White City Center“ hervorgehen.
Das Haus Mirenburg überzeugt mit seinen dynamischen und schwungvollen Balkonen.
Das Rubinsky-Haus gehört mit seiner weißen Fassade, seinen klaren Formen und den geschwungenen Balkonen zu den hervorragendsten Beispielen der Bauhaus-Architektur in Tel Aviv.
In den Jahren 1936 bis 1938 schuf der aus der Bukowina stammende Architekt Emmanuel Halbrecht das Haus Jacobson. Seit es als Amtsgebäude ausgedient hat, werden darin Apartments vermietet. Seit der 2012 erfolgten Renovierung beherbergt es außerdem eine Galerie, ein Restaurant und einen Friseursalon.
Sharon Golan Yaron (44) ist in Amberg geboren. Heute ist sie für das Architekturerbe in Tel Aviv zuständig - im frisch renovierten Max-Liebling-Haus, das sich dem dortigen Bauhaus-Erbe widmet.
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