26.04.2019 - 13:50 Uhr
AmbergOberpfalz

Ambergs Liebe auf den zweiten Blick: die "Glaskathedrale" von Gropius

Glas, Stahl, Beton, radikale Formensprache: Die Bauhaus-Ideen – vor allem des Gründers Walter Gropius – haben weltweit Generationen beeinflusst. Sein letztes Werk steht in Amberg. 2020 wird die „Glaskathedrale“ ein halbes Jahrhundert alt.

Am Abend wirkt die "Glaskathedrale" in Amberg besonders kunstvoll.
von Stephanie Wilcke Kontakt Profil

Die Amberger haben ein besonderes architektonisches Juwel. Nicht jeder weiß das. Das mag daran liegen, dass das Industriedenkmal versteckt zwischen Hügeln im Bergsteig-Viertel eingebettet ist. Nicht jeder erkennt das, denn die Augen entdecken eine verwitterte, teils vom Moos eroberte, graue Betonfassade mit einem markanten Giebel, einem sonderbaren lamellenförmigen Dach und scheinbar blind gewordenen Fensterscheiben. Bei regnerischem Wetter passt sich das Gebäude wunderbar dem grauen, wolkenverhangenen Firmament an.

Die Glasfabrik in der Rosenthalstraße 12 ist ein architektonischer Schatz. Das mag sich nicht gleich auf den ersten Blick erschließen. Der Industriebau ist eher Liebe auf den zweiten Blick. Eben sobald man weiß, welche genialen architektonischen Kniffe und Ideen dahinter stecken.

Gropius' letztes Werk

Ambergs Baureferent Markus Kühne beschäftigt sich schon von Berufs wegen viel mit Architektur. Er sagt: „Gropius hat in dieses Industriedenkmal alles reingepackt, was er architektonisch drauf hatte.“ Denn entworfen hat die „Glaskathedrale“, wie die Amberger die Fabrik liebevoll nennen, einer der renommiertesten deutschen Architekten der Moderne, Walter Gropius. Es war sein letztes Werk, das im Juni 1970 eingeweiht wurde – knapp ein Jahr nach seinem Tod im US-amerikanischen Boston. In Amberg vereinte Gropius zahlreiche Forderungen und Ideen seiner Karriere: Das Aussehen der Anlage orientiert sich an den Produktionsbedingungen – und ähnelt dem Grundriss einer Kathedrale.

Kühne gerät ins Schwärmen, wenn er über das Erscheinungsbild spricht. Das sei sehr spannend gemacht. „Das Credo von Gropius und seinem Auftrageber Philip Rosenthal war, mit dem Industriebau menschenwürdige Arbeitsplätze zu schaffen.“

Architekt Walter Gropius:

Sein Name ist mit der Bauhaus-Schule fest verbunden: Der Architekt Walter Gropius, geboren 1883 in Berlin, gründete 1919 nach seiner Berufung zum Leiter der Kunsthochschule in Weimar das Staatliche Bauhaus. Er war einer von insgesamt drei Direktoren. Ihm folgten Hannes Meyer sowie Ludwig Mies van der Rohe, ehe das Bauhaus 1933 nach teils erzwungenen Umzügen nach Dessau und Berlin auf Druck der Nationalsozialisten schloss.

Das Besondere am Bauhaus ist das Dogma, das Gropius zu Beginn entwickelt hatte und im Manifest verankerte: „Es gibt keinen Wesensunterschied zwischen dem Künstler und dem Handwerker. Der Künstler ist eine Steigerung des Handwerkers.“ Daher erhielten die Schüler zunächst eine handwerkliche Ausbildung. Gropius und das Bauhaus setzten sich später immer mehr mit der Industrialisierung und den daraus resultierenden Konsequenzen auseinander. Der Architekt favorisierte flexible und kostensparende Bauten – vor allem mit Fertigbauteilen. Beton, Stahl, Glas und normierte Größen: Wie diese Kombination harmonisiert, zeigte Gropius bereits zu Beginn seiner Karriere mit dem berühmten Fagus-Werk, einer Schuhleistenfabrik im niedersächsischen Alfeld an der Leine. Das Gebäude besticht durch seine Klarheit in der Architektur sowie innen mit Licht und Luft für die Arbeiter. Die „Glaskathedrale“ – Gropius’ sprichwörtlich letztes Werk – war die konsequente Vervollständigung dieser Ansichten.

Wie gelang ihnen das? Im Herzen des Baus herrschte unglaubliche Hitze. Bei um die 1300 Grad wurde das Glas geschmolzen, bei 800 Grad weiterverarbeitet. „Das waren schwierige Bedingungen für die Arbeiter.“ Die Hütte flankieren Nebengebäude, die etwas abgerückt angeordnet sind. „So strömt die Luft direkt heran“, sagt Kühne. Die verglasten Wände lassen sich öffnen. Zudem gibt es auch am First kleine Öffnungen. „Durch die natürliche Thermik strömt frische Luft von unten langsam ein, die Hitze wird nach oben abtransportiert.“ Eine Klimaanlage, völlig ohne Energieverbrauch. „Eine einfache, subtile und effiziente Lösung.“ Wichtig seien die großen Fenster unten, denn so bewege sich die Luft langsam hinein. „Sonst wäre ein Luftzug entstanden. Die körperlich schwer arbeitenden und schwitzenden Glasbläser wären womöglich ständig krank geworden.“

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Apropos Arbeiter: Zwischen den Nebengebäuden und dem Herzstück wurden Innenhöfe angelegt, damit „die Beschäftigten ins Grün schauen konnten“. Am Arbeitsplatz selbst herrscht auch heute noch eine helle und angenehme Atmosphäre, denn das eigenwillige Dach mit der lamellenartigen Glas-Beton-Struktur sorgt für „diffuses Licht, ohne dass es gleichzeitig blendet“, ist Kühne begeistert.

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Die langen Gänge zwischen dem Herzen und den Nebengebäuden ermöglichten, dass das Glas beim Transport langsam abgekühlt wurde. „Denn heißes Glas lässt sich nicht sofort verarbeiten.“ Die Architektur spiegele die Anforderung wider, sagt Kühne. „Sie ist kein Gestaltungswille, sondern funktionsgetrieben.“

Es ist eine spannende Architektur. Aber ein weiterer Grund macht die „Glaskathedrale“ so einzigartig. In dem Denkmal wird heute immer noch genau das produziert, wofür es in den 1960er-Jahren gebaut wurde. „Das ist wirklich selten.“

Hier ist der Ofen nie aus

Fast 50 Jahre nach der Einweihung blasen die Mitarbeiter das Glas aber nicht mehr mit dem Mund. Vom glühend heißen, knallroten Glastropfen bis zum fertigen Rotweinglas, das im Pappkarton landet, dauert es rund eineinhalb Stunden. Drei Millionen Stück produzieren Nachtmann Bleikristallwerke pro Jahr von jener Sorte, die vor allem für die Gastronomie gefertigt wird. Geblasen wird an sieben Tagen in der Woche, 24 Stunden – es würde zu viel Energie kosten, den Ofen immer wieder anzuheizen.

Amberg

Die Beschäftigten arbeiten daher im Schichtbetrieb. Es ist schade, dass sie von den Ideen Gropius’ nicht mehr direkt profitieren. Denn die einzigartige Lüftungstechnik braucht es bei der maschinellen Fertigung nicht mehr. Vielmehr sind die Automaten für die Zugluft zu empfindlich. Die Innenhöfe, jene grünen Lungen, die für Erholung der Augen sorgen sollten, werden kaum mehr von Mitarbeitern in der Pause genutzt. Es scheint, als hätte der technische Fortschritt die Architektur überholt.

Trotzdem weiß man den Schatz zu schätzen: „Es ist ein tolles Gefühl, hier täglich zu sein“, sagt der Geschäftsführer der Nachtmann Bleikristallwerke, Armin Reichelt, als er bei einem Rundgang durch den Bauch der Glasfabrik streift. Manchmal vergesse man im Alltag das Besondere. „Beim Durchgehen erkennt man aber auch, dass der ursprüngliche Sinn der Architektur für die Mundblasfertigung gedacht war.“ Hier komme es bei baulichen Veränderungen natürlich zu Einschränkungen. „Es ist wegen des Denkmalschutzes schwierig, groß etwas zu verändern.“ Bei der jüngsten Maßnahme im Sommer, als die neue Linie realisiert wurde, habe man aber eine gute Lösung gefunden, mit der alle Seiten leben konnten. „Eine Lösung und Veränderung, die sicher auch Herrn Gropius gefallen hätte“, sagt er mit einem Lachen.

Lange Zeit ruhte die „Glaskathedrale“ in einer Art Dornröschenschlaf. In der Öffentlichkeit nahm sie kaum jemand wahr, selbst viele Amberger wussten nichts mit ihr anzufangen. In der jüngeren Vergangenheit war das Industriedenkmal aber häufig in Fachzeitschriften abgebildet. Die Medienpräsenz des Bauhauses wegen des 100. Jubiläums heuer tat ihr Übriges. „Es gibt sehr viele Architekten und Mitarbeiter von Ämtern, die hier rein möchten“, sagt Reichelt ein wenig stolz. Das Interesse sei richtig groß geworden. „Bei der Stadt gibt es Anfragen ohne Ende.“ Doch es ist eben nicht so leicht, ein Gebäude, in dem immer noch mit Feuer hantiert wird, zu besichtigen. Die Nachfrage sei dafür verantwortlich gewesen, dass nun der Ausstellungsraum überarbeitet werde und demnächst Führungen vom Stadtmuseum angeboten würden. Und wer weiß: In ein paar Jahren erkennt vielleicht jeder Amberger, welches Juwel am Bergsteig strahlt.

Ausstellung:

Eine multimediale Dokumentation ist ab Juni im neuen Ausstellungsraum der „Glaskathedrale“ zu diesen Themen zu sehen:

  • Architekt Walter Gropius und das Bauhaus
  • Philip Rosenthal und Walter Gropius
  • die „Glaskathedrale“ der Firma Rosenthal – hochwertige Produkte können nur in anspruchvoller Umgebung hergestellt werden
  • Was und wie wurde in der „Glaskathedrale“ produziert?

Die Dauerausstellung ist nur im Zuge einer Führung zu besuchen. Anmeldungen ab 1. Juni beim Stadtmuseum unter Telefon 09621/101 284 oder Mail an stadtmuseum[at]amberg[dot]de.

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Kommentare

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Gerhard Stahl

Vor 40 Jahren war ich in Amberg in der Kaiser-Wilhelm-Kaserne ein Jahr beim "Bund". Kein Mensch hat jemals dieses Bauwerk erwähnt - dabei stand das damals erst seit noch nicht mal 10 Jahren ( gut - mit 20 zur Bundeswehrzeit verschwendet man noch keine Gedanken an Kultur - oder Baudenkmäler). Das Bauwerk war da auch noch kein Denkmal, sondern einfach eine Fabrik). In den 40 Jahren danach war ich oft genug in Amberg - aber kein Mensch hat jemals dieses Bauwerk erwähnt, und ich bin auch noch nie dran vorbei gekommen. Jetzt - mit Ü60 - les ich hier seit einiger Zeit immer wieder mal in onetz.de darüber, und es fasziniert mich immer mehr, hab es aber meinen Amberg-Besuchen der letzten Zeit immer noch nicht gefunden, gibts vielleicht mal ein Schild, das den Weg weist?.
Aber wenn ich den Amberger Baureferenten Kühne in dem Video höre, wie er von diesem Bauwerk schwärmt - nein, er brennt richtig dafür - weiß ich, das ich mir das unbedingt so bald wie möglich anschauen muss. Aber möglicherweise wissen nicht einmal die Amberger, wo sie mich hinschicken müssen, wenn ich sie nach dem Weg frage.

27.04.2019